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StartseiteBüchermarktKampf den "dummen Frauen"12.11.2020

Ehemalige Satirezeitschrift "Die schwarze Botin"Kampf den "dummen Frauen"

Eine satirische und elitäre Zeitschrift mischte Ende der 1970er Jahren den feministischen Diskurs der Bundesrepublik auf. "Die schwarze Botin" erteilte weiblicher Solidarität eine Absage, kritisierte Frauenbewegung und Linke. Ihre Position fehlt heute, sagt Historiker Vojin Saša Vukadinović im Dlf.

Vojin Saša Vukadinović im Gespräch mit Miriam Zeh

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Der Herausgeber Vojin Saša Vukadinović mit seinem Buch „Die schwarze Botin. Ästhetik, Kritik, Polemik, Satire 1976 – 1980“ (Buchcover Wallstein Verlag, Autoren Portrait @ Marcus Witte)
An Gemeinschaft und Harmonie war die "Schwarze Botin" nicht interessiert. Der 1979 geborene Historiker Vojin Saša Vukadinović legt eine erste Dokumentation der feministischen Satire-Zeitschrift vor. (Buchcover Wallstein Verlag, Autoren Portrait @ Marcus Witte)
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"Was wir anstreben, ist die rücksichtsloseste Bekämpfung jener Frauen, welche die übrigen für dumm verkaufen wollen und sich das von ihnen auch noch bezahlen lassen." Mit solchen Parolen trat 1976 "Die schwarze Botin" auf das feministische Diskursfeld. Die Gründerinnen Gabriele Goettle und Brigitte Classen der in Anlehnung an Friedrich Nietzsches "Anti-Christ" untertitelten "Zeitschrift der Wenigen" machten keinen Hehl aus ihrem Elitarismus.

Beide kamen aus der immer lauter werdenden Frauenbewegungen und dem linken Aktivismus, kritisierten die Bewegungen jedoch scharf. Man habe sein gesellschaftliches Potenzial preisgegeben, so der Vorwurf. Besonders gegen die beinahe zeitgleich gegründete "Emma" wurde heftig polemisiert.

Frau mit erhobener Faust (imago ) (imago )Feministischer Journalismus heute - Emmas Erbinnen 
Mit Podcasts, Magazinen und Online-Portalen bringen Frauen feministische Themen in die Öffentlichkeit. An mehr Vielfalt müssen aber auch die weiblichen Formate noch arbeiten.

"In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre kam langsam der Begriff 'Feminismus' in einer bundesdeutschen Öffentlichkeit an", erläutert der Historiker Vojin Saša Vukadinović. Über die Diskussionen um den Abtreibungsparagraphfen 218 war die Frauenbewegung zu einem neuen gesellschaftspolitischen Faktor aufgestiegen.

Die UNO hatte 1975 zum "Jahr der Frauen" erklärt. "Die schwarze Botin" allerdings nimmt in diesem Diskurs eine Sonderstellung ein. Ihren Anspruch, "aus der Frauenbewegung kommend, eine vehemente Korruktur dieser zu sein" nennt Vukadinović ein "historisch einmaliges Unterfangen." Trotzdem oder gerade deshalb ist die Zeitschrift heute kaum bekannt. "Ich gehe davon aus, dass die Aufkündigung der Solidarität unter Frauen lange nachgewirkt hat. Die politischen Auseinandersetzungen waren agressiv und folglich schmerzlich für viele Beteiligte."

Erste Dokumentation der Essays, Gedichte und Prosa

In einer ersten umfangreichen Dokumentation zeigt Vukadinović die stilistische Bandbreite der "Schwarzen Botin". Tatsächlich fällt ihr polemisch-scharfer Ton als erstes ins Auge. "Im Januar sollen 200.000 Frauen penetriert werden", heißt es Ende 1976 in einer Anspielung auf die bedeutend auflagenstärkere "Emma". Die feministische Zeitschriftenkonkurrenz "Courage" wird als "geistige Schonkost" verspottet. Der Suhrkamp Verlag gilt als "deutscher Schutz- und Trutzbund männlicher Autoren" und über Jacques Derrida heißt es, er unterhalte sein Publikum mit "einer Darstellung seiner gleichmäßig gebräunten Person."

Neben derartigen Essays, für die vor allem Gabriele Goettle seit der ersten Ausgabe tonangeben war, finden sich in der "Schwarzen Botin" aber auch Gedichte von Urusula Krechel und Prosa von Elfriede Jelinek, die ab 1983 festes Mitglied der Redaktion werden sollte. "Die Formlosigkeit war für Künstlerinnen gleichermaßen interessant wie für Frauen, die sich mit Theorie befasst haben", so der Herausgeber.

Die von Goettle und Classen selbst mit Papier und Schere angefertigte Collage auf dem Titelblatt aus Piero della Francescas Feskenzyklus "Die Legende vom Wahren Kreuz" zeigt außerdem die ästhetische Verbindung zum Surrealismus, der sich seit Gründung der Zeitschrift beobachten lässt.

Position der "Schwarzen Botin" fehlt heute 

Die letzte Ausgabe der "Schwarzen Botin" erschien, damals bereits in veränderter Redaktionsbesetzung, im Jahr 1987. Gabriele Goettle beendete ihre Mitarbeit 1980, nachdem die Beziehung zu Mitherausgeberin Classen zerbrochen war. Auswirkungen auf den feministischen Diskurs habe die Zeitschrift heute keine mehr, sagt Vojin Saša Vukadinović. Doch seine Anthologie solle in Erinnerung rufen, dass Konflikthaftigkeit die Frauenbewegung entscheidend geprägt hat, "dass es nicht darum geht, sich gegen ein feindliches Außen in Stellung zu bringen, sondern man auch innerhalb eines Milieus mit harten Auseinandersetzungen zu rechnen hat."

Wortgefechte, wie sie in der "Schwarzen Botin" geführt wurde, findet Vukadinović in heutigen feministischen Debatten nicht mehr. Mit einem derart radikal satirischen und polemischen Ton könne man ihnen vielmehr überhaupt nicht mehr beitreten.

Vojin Saša Vukadinović (Hg.): "Die schwarze Botin. Ästhetik, Kritik, Polemik, Satire 1976 - 1980." Mit einem literaturwissenschaftlichen Nachwort von Christiane Ketteler und Magus Klaue, Wallstein Verlag, Göttingen, 512 Seiten, 36 Euro

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