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"Eigentlich müsste man früher testen"

Medizin.- Die "International AIDS Society" tagt in Rom. Wissenschaftsjournalist Martin Winkelheide berichtet im Interview mit Arndt Reuning von den Fortschritten der Aids-Forschung.

19.07.2011

Arndt Reuning: Reue, Abstinenz, die Benutzung von Kondomen oder die Beschneidung von Männern. Diese vier Wege propagieren Experten seit einiger Zeit, wenn es darum geht, einer Ansteckung mit Aids vorzubeugen. Das Problem dabei ist: So funktioniert es nicht. Mehr als 30 Millionen Menschen weltweit sind HIV-positiv. Wie lässt sich das Virus effektiv stoppen? Darum geht es zurzeit in Rom auf der sechsten Tagung der internationalen Aids-Gesellschaft. Mein Kollege Martin Winkelheide beobachtet die Veranstaltung für "Forschung aktuell". Herr Winkelheide, ein fünfter Weg könnte ja sein, dass man mithilfe von Medikamenten neue Ansteckungen verhindert. Welche Möglichkeiten gibt es da denn?

Martin Winkelheide: Es gibt im Prinzip zwei Möglichkeiten. Man kann Infizierte behandeln, damit die Zahl die Viren im Körper sinkt und die Menschen damit weniger ansteckend werden. Oder man kann Menschen, die ein hohes Risiko haben, sich anzustecken, vorbeugend die Medikamente geben. Beide Wege sind ausprobiert worden. Und was man gesehen hat: Wenn man gesunden Menschen Medikamente gibt, um eine Ansteckung zu verhindern, hat das zahlreiche Probleme. Bei Männern funktioniert das besser als bei Frauen, weil offenbar nicht genug Wirkstoff in den Schleimhäuten ankommt, im Vaginaltrakt bei Frauen. Und: Gesunde Menschen nehmen ungern Medikamente. Das heißt, die Medikamente werden nicht regelmäßig genug genommen. Deshalb ist die erste Strategie, eben tatsächlich Infizierte zu behandeln, deutlich Erfolg versprechender.

Reuning: Arznei für Infizierte - das hört sich nur erst einmal einfach an. Wo liegen denn die Herausforderungen bei diesem Ansatz?

Winkelheide: Das Problem ist, dass viele Menschen ja gar nicht wissen, dass sie infiziert sind. Selbst in Europa weiß nur jeder zweite, der HIV-positiv ist, dass er sich mit dem Virus angesteckt hat. Gerade am Anfang einer Infektion ist die Zahl der Viren im Körper aber besonders hoch. Das heißt, das Risiko, andere Menschen anzustecken und das Virus weiterzugeben, ist auch besonders hoch. Das heißt, eigentlich müsste man früher testen und schon bei kleinsten Anzeichen wie Fieber einen HIV-Test machen und sich dann auch früher behandeln lassen, um die Zahl der Viren im Körper herunterzubringen. Hier werden im Moment die besten Strategien ausgetestet, wie man Tests attraktiver macht. Denn bislang haben ja viele Menschen im Kopf: Ein Aids-Test, das ist auch etwas Stigmatisierendes, etwas Ausgrenzendes.

Reuning: Früher testen, früher behandeln. Heißt das dann aber nicht auch, dass die Patienten länger mit den Folgen, mit den Nebenwirkungen solch einer Therapie leben müssen?

Winkelheide: Die HIV-Behandlung hat in der Tat zahlreiche Nebenwirkungen. Und trotzdem kann man eben großen Schaden verhindern, wenn frühzeitig behandelt wird. Denn gerade in der Frühzeit wird das Immunsystem sehr stark geschädigt. Und viele Zellen, die Immunzellen, die Infiziert sind, gehen in eine Ruheposition. Also man hat dann sozusagen ein Archiv der Infektion, des Infektionsverlaufs im Körper. Und diese infizierten Zellen können jederzeit reaktiviert werden. Auf der anderen Seite hat man auch gesehen, welche Medikamente besonders schlecht verträglich sind - ein ganz neuer Fund ist, dass die Medikamente der ersten Generation zu einer frühzeitigen Alterung der Menschen beitragen. Ein Medikament der ersten Generation ist zum Beispiel AZT. Das war das erste verfügbare Medikament. Und hier hat man gesehen: Das schädigt die Erbinformation in den Mitochondrien, also in den Zellkraftwerken, und löst so eine frühe Alterung der Patienten aus - im Bereich von zehn bis 15 Jahren. Das heißt, sie bekommen dann früher Alterserkrankungen und häufiger auch Herzinfarkt zum Beispiel.

Reuning: Sie sagen, der ersten Generation. Das heißt aber, es gibt Alternativen zu diesen harten Mitteln?

Winkelheide: Es werden im Moment Alternativen ausgetestet. Das Problem ist, es ist oft schwierig, gut verträgliche Alternativen zu finden. Ein Medikament ist jetzt gerade getestet worden (...), das weniger Nebenwirkungen hat, aber eben auch schlechter wirkt gegen das Virus. Das heißt, das ist ein ständiger Weg, eben neue, besser verträgliche Medikamente zu entwickeln, die dann auch finanzierbar sind - gerade für die ärmeren Länder. Aber die neue Botschaft sozusagen ist: Behandlung lohnt sich, um die Partner der Menschen, der Infizierten auch zu schützen. Und das ist jetzt etwas, was über den Status der Studien hinausgegangen ist und tatsächlich eine Handlungsleitlinie geworden ist.