Freitag, 20. Mai 2022

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"Ein wirkliches Leuchtturmprojekt für die Forschung"

Heute beginnt am Fraunhofer-Institut die rechnerbasierte virtuelle Rekonstruktion von zerrissenen Stasi-Unterlagen. Projektleiter Bertram Nickolay bezeichnete das Unterfangen als ein "Weltklasseprojekt". Man werde in einer zweijährigen Pilotphase etwa 400 Säcke mit Papierschnipseln auswerten. Sollte das Projekt erfolgreich verlaufen, könnten in einem Zeitraum von fünf Jahren die verbliebenen 16.000 Säcke bearbeitet werden, sagte Nickolay.

Moderation: Klaus Remme | 09.05.2007

Klaus Remme: Es gibt berufliche Tätigkeiten, die mag man sich in ihren praktischen Facetten Tag für Tag kaum ausmalen. Im bayerischen Zirndorf zum Beispiel sitzen seit zwölf Jahren über 20 Mitarbeiter und rekonstruieren Stasi-Dokumente, Akten die zur Jahreswende 89/90 in aller Hektik zerstört wurden. Reißwölfe heulten Tag und Nacht und auch per Hand wurde zerrissen. Die Bilanz: über 16.000 Säcke voller Schnipsel. Mit Geduld und Akribie machte man sich an die Puzzle-Arbeit im Bewusstsein, dass es vermutlich mehrere hundert Jahre dauern würde, das Werk zu vollenden. Jetzt kommt Hilfe durch Hightech. Das Fraunhofer-Institut hat Geräte entwickelt, die diese Akten automatisch rekonstruieren. Initiator des Projekts ist unter anderem Bertram Nickolay. Ihn habe ich vor der Sendung gefragt, wie und wann er auf die Idee gekommen ist.

Bertram Nickolay: Das ist schon genau etwa zehn Jahre her. Ich hatte einen Filmbericht im Fernsehen gesehen, wie Personen manuell, also von Hand diese Schnipsel zusammensetzen.

Remme: Und wie lange hat es gedauert, bis die Machbarkeit bewiesen werden konnte?

Nickolay: Bevor wir Gelegenheit hatten, wirklich in einer so genannten Machbarkeits- und Konzeptphase die Machbarkeit zu genehmigen, sind noch mal etwa sieben Jahre ins Land gegangen. Das heißt vor etwa dreieinhalb Jahren hatten wir eine Ausschreibung gewonnen, um diese so genannte Machbarkeit- und Konzeptphase zu machen, und wir haben vor dreieinhalb Jahren bewiesen, dass solch eine rechnerbasierte virtuelle Rekonstruktion machbar ist. Nun hat es ja noch mal dreieinhalb Jahre gebraucht, bevor jetzt endlich für eine zweijährige Pilotphase der Startschuss fällt.

Remme: Der Umfang ist ja gewaltig. 16.000 Säcke. Wie viele Schnipsel in jedem Sack?

Nickolay: Pro Sack sind es etwa 40.000 Schnipsel. Man hat halt eine ungefähre Zahl, weil das auch von Sack zu Sack sehr stark variiert, in wie viele Teile so eine Seite zerrissen wurde.

Remme: Herr Nickolay, wie groß ist denn so ein Schnipsel?

Nickolay: So ein Schnipsel ist sehr unterschiedlich. Man kann sich das vielleicht so vorstellen: Es gibt eine DIN-A4-Seite. Die wurde nur in wenige Teile zerrissen. Aber es gibt auch Seiten, die wurden in glatt 50 Teile zerrissen. Das heißt es gibt Schnipsel, die sind nur so um den halben Quadratzentimeter groß.

Remme: Und die Frage aller Fragen: Wie erkennt also diese Maschine, welche Schnipsel zusammengehören?

Nickolay: Wir machen das vergleichbar abgeleitet, wie es auch der Mensch macht. Wenn wir als Mensch so etwas zusammensetzen, dann schauen wir nach prägnanten Merkmalen. Die prägnanten Merkmale sind natürlich die Form, die Kanten, die Farbe. Das machen wir dann genauso. Wir berechnen anhand dieser Merkmale. Neben den genannten Merkmalen Form und Farbe berechnen wir auch die Art: ist es kariertes Papier, ist das liniert, ist Handschrift darauf, ist Maschinenschrift darauf. Es werden also viele Merkmale berechnet. Dann schaut man sich an, welche prägnanten Merkmale gehören zusammen. Da ist natürlich wieder sehr entscheidend die Thematik Farbe, dass man erst mal zusammenordnet welche Schnipsel haben die gleiche Farbe. Dann schaut man welche haben eine vergleichbare Form. Wenn die Form nicht genügt, dann nimmt man die Handschrift dazu.

Remme: Und das sind - wie nenne ich es mal - Scanner, so wie wir sie kennen, oder ist es eine Technik, die eigens für diese Aufgabe entwickelt wurde?

Nickolay: Wir haben zunächst angefangen mit den handelsüblichen Scannern. Dann hat sich aber gezeigt, dass wir eine ganz andere optische Abbildung brauchen. So ein Scanner muss auch schnell sein für diese vielen Schnipsel. Aufgrund unserer Initiative wurde nun ein spezieller Scanner entwickelt, der auch gleichzeitig Vor- und Rückseite scannt und in der Lage ist, besonders kleine Schnipsel zu verarbeiten.

Remme: Wie lange werden Sie brauchen?

Nickolay: Wir haben ja nun mit diesem zweijährigen Pilotprojekt angefangen. In diesem zweijährigen Pilotprojekt werden wir 400 Säcke abarbeiten. Wenn wir dieses Pilotprojekt erfolgreich abgeschlossen haben, dann wird man in der Lage sein, mit einer solchen Pilotanlage in einem Zeitraum von vier, fünf Jahren die verbliebenen 16.000 Säcke zu verarbeiten.

Remme: Wie viele Personen arbeiten denn daran mit und wichtiger noch wie viele dieser Maschinen oder Geräte?

Nickolay: In dem Team sind von Fraunhofer-Seite derzeit 15 Wissenschaftler beteiligt. Wir haben aber auch eine Zusammenarbeit mit den Firmen, die verantwortlich sind für die Scanner-Thematik. Es werden Personen benötigt, die natürlich die Geräte bedienen. Es werden Personen benötigt, die anschließend am Rechnerschirm ein Lektorat machen, das heißt die als Menschen entscheiden ist eine Seite schon genügend zusammengesetzt, um archiviert zu werden. Und was die Geräte angeht: Man wäre ja dann in der Lage, diese Pilotanlage zu multiplizieren. Das heißt über mehrere Scann-Geräte und nachgeschaltete Rechner wäre man natürlich auch in der Lage, die Abarbeitung der gesamten Säcke natürlich zu beschleunigen. Da kann man jetzt keinen genauen Wert angeben, aber es könnte sehr sinnvoll sein, dass man so eine Anlage zwei- bis dreifach multipliziert.

Remme: Was kostet das ganze Unternehmen, Herr Nickolay?

Nickolay: Zurzeit ist von den Abgeordneten freigeschaltet worden ein Betrag von 6,3 Millionen Euro für diese zweijährige Pilotphase für diese 400 Säcke. Das ist, was zurzeit genehmigt wurde.

Remme: Ist das Ihres Wissens nach ein weltweit einmaliges Unterfangen, oder gibt es wo möglich ausländische Absatzmärkte?

Nickolay: Es ist so: Die Thematik der zerrissenen Schnipsel ist schon eine weltweit einmalige Sache. Nachfragen nach derartigen Verfahren zur automatischen virtuellen Rekonstruktion sind aber in anderen Anwendungen vorhanden. Wir haben sehr viele Anfragen aus dem Behördenmarkt. Wir haben auch schon eine Spezialentwicklung gemacht, um geschredderte Unterlagen zusammenzusetzen. Wir haben sehr, sehr viele Nachfragen, wo die Thematik ist, wertvolle Dokumente, die beschädigt sind, zu digitalisieren. Für so eine Sache benötigt man Programme, die in unserer Software enthalten sind. Und es gibt sehr viele Anfragen, wo die Thematik ist, zerschlagene Objekte, zerstörte Objekte, also quasi die Verfahren aus dem zweidimensionalen Bereich in den dreidimensionalen Bereich zu übertragen. Da glauben wir schon, dass wir weltweit auch einen interessanten Markt haben.

Remme: Abschließend, Herr Nickolay, ist das für Sie eigentlich eine rein technische Herausforderung, oder haben Sie darüber hinaus ich sage mal ein politisches oder ein persönliches Interesse daran herauszufinden, welche Geheimnisse diese Schnipsel bergen?

Nickolay: Für mich ist primär natürlich entscheidend: Es ist ein wirkliches Weltklasseprojekt, ein wirkliches Leuchtturmprojekt für die Forschung. Wenn Sie mich natürlich nach meiner Meinung als Staatsbürger fragen: Als Staatsbürger vertrete ich die Meinung, Gewaltregime, die Vergangenheit und Hintergründe von Gewaltregimen sind natürlich aufzuarbeiten. Daher vertrete ich da natürlich auch die Meinung: Das ist ein Projekt, das man unbedingt machen muss zur Aufarbeitung unserer Geschichte.