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StartseiteKulturfragen"Neue Dimension von Kunst-Diebstahl" 01.12.2019

Einbruch ins Grüne Gewölbe"Neue Dimension von Kunst-Diebstahl"

"Brutaler Kunst-Raub nimmt zu", sagt Dlf-Kulturredakteur Stefan Koldehoff. Den Tätern gehe es dabei nicht um die Kunstschätze, sondern nur um deren Materialwert. Museen und deren Träger müssten sich die Frage stellen: Was ist uns Sicherheit wert?

Stefan Koldehoff im Gespräch mit Karin Fischer

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Die undatierte, am 25.11.2019 von der Staatlichen Kunstsammlung Dresden herausgegebene, Aufnahme zeigt den Schmucksaal des Grünen Gewölbes mit den Vitrinen (l), die den Teil der Sammlung zeigen, der bei einem Raub am frühen Montagmorgen gestohlen wurde. (dpa-Bildfunk / AP / Staatliche Kunstsammlungen Dresden / David Brandt)
Aus dem Juwelenzimmer des Grünen Gewölbes im Dresdner Schloss wurde der Schmuck entwendet (dpa-Bildfunk / AP / Staatliche Kunstsammlungen Dresden / David Brandt)
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Ein gut geplanter Raubzug, in Minuten durchgezogen, die Spuren verwischt, Millionenwerte gestohlen: Der schwere Einbruch ins Juwelenzimmer des Grünen Gewölbes in Dresden schockierte nicht nur die Mitarbeiter und Verantwortlichen der Staatlichen Kunstsammlungen. Ministerpräsident Michael Kretschmer sagte, der Raub sei ein Angriff "auf die Identität Sachsens" gewesen. Während die Fahndung nach den Tätern weitergeht, stellt sich die Frage nach der Sicherheit in deutschen Museen - und nach dem System, das hinter den verbrecherischen Diebstählen steckt.

"Man muss davon ausgehen, dass es einen Auftraggeber gibt, aber nicht so wie man das früher vermutete, beim gestohlenen Van Gogh, Rembrandt oder Andy Warhol, jemand, der sich am kulturellen Wert, an der Schönheit dieser Pretiosen erfreuen würde, sondern jemand, der genau weiß, was für ein Materialwert dahinter steckt."

Dlf-Redakteur und Kunstraub-Experte Stefan Koldehoff vergleicht den Diebstahl in Dresden mit anderen Fällen aus der letzten Zeit, wie etwa dem Raub einer riesengroßen Goldmünze aus dem Bode-Museum in Berlin: "Genau dasselbe Vorgehen, durch das Fenster rein, in Sekundenschnelle, man wusste offenbar ganz genau, wie lang die Polizei braucht, nachdem der Alarm ausgelöst würde, um vor Ort zu sein, und dann weg damit."

Edelsteine durch Umarbeiten unkenntlich machen

Ermittler sprächen jetzt von einer neuen Qualität von Kunstraub. Es gehe nicht mehr um Trickdiebstahl oder Geldwäsche, sondern jetzt gehe es um Material, das sich leicht verwerten lässt. "Die Goldmünze ist vermutlich längst zerteilt und eingeschmolzen und umgegossen worden, und genau dieselbe Befürchtung gibt es jetzt auch für die Schätze aus Dresden." Wenn die Edelsteine aus ihren Verankerungen gelöst und umgearbeitet werden, damit man am Schliff nicht mehr ihr Alter erkennen kann, würde das bedeuten, dass man die Kunststücke nie wiedersieht.

Kunstbetrug hatte bisher oft mit Fälschungen oder Geldwäsche zu tun, eine Entwicklung, die seit Ende der 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts zu beobachten sei - ebenso wie die Korrelation zwischen Höchstpreisen für Kunst und kriminellen Praktiken. Heute müsse man feststellen: "Kunst-Raub nimmt zu." Das habe mit geographischen und politischen Entwicklungen zu tun, so Koldehoff. Polizeibehörden beobachteten diese Entwicklung seit der Öffnung des Ostblocks und sähen Ursachen etwa im Zerfall von Armeen in den entsprechenden Ländern. "In einigen Fällen der letzten Zeit, der Raub aus der Kunsthalle in Rotterdam, der Diebstahl aus der Stiftung Kunstsammlung Bührle in Zürich - da ging es um Van Gogh und Monet und Renoir: Diese Bilder sind tatsächlich alle auf dem Balkan wieder aufgetaucht, bei irgendwelchen Banden, die genau wussten, das können wir als Zahlungsmittel verwenden."

Sicherheit kostet Geld

Was ist für Museen zu tun? "Wichtig wäre, Materialien zu verwenden, die so lange wie möglich physischen Widerstand leisten." Stefan Koldehoff berichtet, dass nach dem Einbruch ins Grüne Gewölbe im Dresdner Schloss Museen jetzt Praxistests durchführten, "in denen man Vitrinen mit Vorschlaghämmern traktiert, um heraus zu finden, ob zwei Zentimeter dickes Plexiglas ausreicht oder man nicht lieber auf drei Zentimeter dickes Glas umsteigen sollte".

Man müsse die Sicherheitsvorkehrungen auch sichtbar machen, jeder potentielle Einbrecher solle wahr nehmen, dass er beobachtet wird und identifiziert werden kann. Und dann müssten sich die Träger der Museen, Bund, Länder und Gemeinden, natürlich die Frage stellen: Was ist die Sicherheit wert? "Wenn Sie sehen, dass viele öffentliche Museen in Deutschland keinen Ankaufsetat mehr haben oder für Ausstellungen dringend Drittmittel von Sponsoren brauchen, und Sie sagen dann dem Museumsdirektor, er soll mehr Geld in die Sicherheit investieren - dann hat der möglicherweise andere Prioritäten. Also wir reden mit Sicherheit auch über Geld."

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