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StartseiteInterview"Eine Art Super-Berlusconi"15.06.2005

"Eine Art Super-Berlusconi"

Der Schriftsteller Kermani über den iranischen Präsidentschaftskandidaten Rafsandschani

Der Autor Navid Kermani rechnet bei den Neuwahlen im Iran am Freitag mit einem Sieg des konservativen Rafsandschani. Die eigentliche Frage sei die Höhe der Wahlbeteiligung. Die sechs zugelassenen und regimetreuen Kandidaten gäben sich im Wahlkampf modern, um möglichst viele Wähler an die Urnen zu locken, so Kermani.

Von Dirk Müller

Spitzenkandidat bei den Wahlen am kommenden Freitag: Haschemi Rafsandschani, ehemaliger Präsident des Iran. (AP Archiv)
Spitzenkandidat bei den Wahlen am kommenden Freitag: Haschemi Rafsandschani, ehemaliger Präsident des Iran. (AP Archiv)
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Navid Kermani

Müller: Acht Jahre Regierungszeit unter Präsident Chatami sind zu Ende. Ein engagierter Reformer, so wurde er zumindest im Westen immer wieder gerne charakterisiert. Die Iraner wählen einen neuen Präsidenten an diesem Freitag. Eine Wahl, die international mit Argusaugen beobachtet wird, denn es könnte möglicherweise auch eine Richtungsentscheidung dafür sein, mit die der Gottesstaat künftig auf der Weltbühne agieren wird, besonders mit Blick auf das umstrittene Atomprogramm Teherans. Als Favorit geht der frühere Präsident Rafsandschani ins Rennen. Sein ärgster Widersacher ist offenbar der reformorientierte Mustafa Moin. Am Telefon sind wir nun verbunden mit dem Islamwissenschaftler und Autor Navid Kermani. Herr Kermani, ist das am Freitag eine Wahl zwischen Moderne und Konservatismus?

Kermani: Also ganz einfach ist es nicht. Über 1000 Kandidaten sind von der Wahl ausgeschlossen worden, sechs sind übrig geblieben. Von diesen sechs übrig gebliebenen stehen allesamt letztendlich hinter dem Regime. Das Verwirrende ist, dass, anders als vorherigen Wahlen, alle Kandidaten ungeheuer modern tun. Also sie umgeben sich mit jungen Frauen, mit Studenten, die alten Personen gelten nicht mehr. Innerhalb dieser sechs Kandidaten gibt es einen, der auch die harten Themen anspricht, politische Gefangene, Systemveränderung, Verfassungsänderung. Also da gibt es schon Unterschiede, aber insgesamt ist das ganze Klima der Wahl ein völlig anderes als vorher.

Müller: Wenn alle so tun, als seien sie modern, dann bedeutet das, wenn man im Iran heutzutage gewählt werden will, muss man modern sein?

Kermani: Offenbar. Wenn Sie zum Beispiel die Anhänger oder die Plakate von Rafsandschani sehen, der acht Jahre regiert und das ganze Land gegen sich aufgebracht hat, der umgibt sich jetzt mit Teheraner Schönheiten aus dem Norden, also jungen Damen, die möglichst das Kopftuch weit hinten tragen. Er spricht davon, dass er sich mit Amerika aussöhnen will. Also all das, was vor acht Jahren Chatami sich nicht einmal zu sagen getraut hat, das sagen mittlerweile sogar die Konservativen. Einerseits zeigt das den großen Wandel, den Iran durchgemacht hat. Niemand wagt es überhaupt, die alten Parolen zu wiederholen. Andrerseits zeigt es eben auch, wie flexibel das Regime ist, und es zeigt, dass letztendlich natürlich immer noch die gleichen alten Leute regieren.

Müller: Wer hat denn diesen neuen Zeitgeist im Iran geprägt?

Kermani: Die Gesellschaft, die auch Chatami an die Macht gespült hat. Dieser Wandel in der Gesellschaft, über den auch viel in den letzten Jahren gesprochen wurde, der unabhängig von dem politischen Tagesgeschäft läuft, ist völlig unaufhaltsam. Die Frauen werden selbstbewusster. Die Jugend ist weltoffen. Es hat einen demografischen Wandel gegeben. Zwei Drittel der iranischen Gesellschaft sind unter 25 und haben keine eigene Erinnerung an die Revolution. All diese Leute wollen Änderungen, und alle Kandidaten versprechen, dass sie diese Änderungen machen. Der Grund, dass Rafsandschani offenbar die besseren Chancen hat, ist ja nicht der, dass er die größten Reformtöne spuckt, sondern dass er die meiste Macht hat. Einige glauben, dass, wenn überhaupt, er diese Änderungen herbeiführen kann.

Müller: Die Gesellschaft hat sich verändert, sagen Sie. Wir werden das am Freitag natürlich sehen beziehungsweise dann, wenn das Ergebnis bekannt wird, aber ist es tatsächlich so, dass die Progressiven, die Moderneren, die Aufgeschlosseneren, wenn wir das hier so formulieren wollen aus westlicher Sicht, tatsächlich inzwischen im Iran fast die Mehrheit haben?

Kermani: Ja, das hat sich bei allen Wahlen gezeigt. Dort, wo die Wahlbeteiligung hoch war, waren die Ergebnisse eindeutig. Sie haben für Reformen, für Veränderungen gestimmt, und sie haben sich abgewandt von Chatami in dem Augenblick, wo Chatami quasi entmachtet worden ist, wo die Konservativen gewonnen hatten. Bei den letzten Parlamentswahlen, wo es keine Reformkandidaten gab, sind Leute nicht zur Wahl gegangen. Insofern wird das Entscheidende nicht unbedingt sein, wer gewinnt. Da ist es wahrscheinlich, dass Rafsandschani gewinnt, da ist einfach zuviel Geld dahinter, er ist der mächtigste und reichste Mann im Staat, eine Art von Super-Berlusconi, der einfach viele Konzerne im Staat. Die eigentliche Frage ist die Wahlbeteiligung. Gelingt es dem Regime, durch diese moderaten Töne, durch diesen farbenfrohen Wahlkampf doch noch einmal eine Mehrheit der Leute an die Wahlurnen zu bringen. Da ist zum einen die Frage der Wahlbeteiligung, zum anderen aber auch, welche Wahlbeteiligung offiziell angegeben wird.

Müller: Trotz dieser Moderne, wie groß ist noch der Einfluss der führenden Geistlichen?

Kermani: Der ist eben sehr groß, nur haben sie erkannt, dass sie mit den alten Tönen nicht weiterkommen, und jetzt tun sie eben modern. Das ist ja das, was ich sage. Ich sage nicht, dass da sechs überzeugte Reformer antreten, sondern Leute, die sehen, dass, sobald die alten Parolen wie Kampf gegen die USA oder Kopftuch fallen, ihnen keiner mehr zuhört. Jetzt tun die gleichen Leute modern, was aber nicht heißt, dass sie sich innerlich vollkommen gewandelt haben. Letztendlich geht es auch darum: Dieses Regime ist extrem flexibel, aber es will an der Macht bleiben, und dafür tut es alles. Die Ideologie ist beinahe vergessen. Die gleichen Leute, die jetzt schon das Sagen haben, wollen an der Macht bleiben und sind dazu bereit, sich sogar mit den USA auszusöhnen.

Müller: Vielen Dank für das Gespräch.

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