Klimaschaukel im Pazifik
El Niño vor der Rückkehr

Die Weltwetterorganisation sieht das Klimasystem der Erde so stark aus dem Gleichgewicht geraten wie nie zuvor. Schon im Sommer könnte mit El Niño ein Wetterphänomen zurückkehren, das die Temperaturen zusätzlich steigen lässt und Extreme verschärft.

    Mehrere Kinder spielen in einem ausgetrockneten Reisfeld in Zentraljava. Der Boden ist rissig und staubig, Wasser ist nicht zu sehen. Die Landschaft wirkt trocken und ausgedörrt, was die Folgen einer längeren Dürre sichtbar macht.
    In Teilen Indonesiens verstärkte El Niño 2023 die Trockenheit und ließ Felder austrocknen. (picture alliance / AA / Dasril Roszandi)
    Die Weltwetterorganisation (WMO) hält es für wahrscheinlich, dass sich in der zweiten Hälfte des Jahres 2026 erneut ein El Niño entwickelt. Das Klimaphänomen könnte die globalen Durchschnittstemperaturen weiter ansteigen lassen und weltweit extreme Wetterereignisse verstärken. Das Gegenstück zu El Niño ist La Niña, das kühlere Temperaturen und veränderte Wetterlagen mit sich bringen kann. 
    In ihrem aktuellen Bericht warnt die WMO, das Klimasystem der Erde sei so stark aus dem Gleichgewicht geraten wie nie zuvor. Die Jahre 2015 bis 2025 waren demnach die elf heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen. 2024 war das bislang wärmste Jahr, auch weil es mit einem starken El Niño begann. 2025 zählte trotz des Übergangs zu La-Niña-Bedingungen noch immer zu den zwei oder drei heißesten Jahren seit Beginn der Messungen. Rund 90 Prozent der Meeresoberflächen erlebten in der Zeit mindestens eine marine Hitzewelle.  

    Inhaltsverzeichnis

    Was sind El Niño und La Niña?

    Wie die Jahreszeiten ist El Niño ein normales Phänomen im Klimageschehen. Wenn er auftritt, bildet sich im Ostpazifik eine Wärmeanomalie. Das ist alle zwei bis sieben Jahre der Fall und dauert im Schnitt rund zwölf Monate.
    Das Gegenstück zu El Niño ist die Kälteanomalie La Niña. Dazwischen ist das Meer in einer dritten, der neutralen Phase. Alle drei zusammen bilden im zentralen und östlichen tropischen Pazifik eine „Klimaschaukel“ namens ENSO (El Niño/Southern Oscillation). 
    Angetrieben wird ENSO von den Passatwinden entlang des Äquators. Sie entstehen durch Luftdruckunterschiede dies- und jenseits des Pazifiks. In den neutralen Jahren ist der Luftdruck im Osten über Südamerika hoch, im Westen, also über Südostasien und Australien, dagegen niedrig. 
    Die Passatwinde versuchen, den Unterschied auszugleichen, und wehen beharrlich in westliche Richtung. Dabei treiben sie tropisch-warmes Oberflächenwasser vor die Küsten Australiens und Indonesiens. Vor der Küste Südamerikas strömt dafür ständig kaltes Tiefenwasser nach, um den Verlust auszugleichen. 
    Während der Kälteanomalie La Niña verstärkt sich der neutrale Zustand: Die Passatwinde sind besonders stark und lang anhaltend, und vor allem vor Ecuador und Peru gelangen dann gewaltige Massen Tiefseewassers an die Oberfläche. 
    Normale Wetterlage
    Meeresströme und Winde bei normaler Wetterlage. (Grafik: Deutschlandradio)
    In El-Niño-Jahren wiederum ist der Luftdruckunterschied zwischen dem östlichen und westlichen Pazifik deutlich kleiner oder dreht sich sogar um, und die Passatwinde schwächeln oder fallen ganz aus. Dann „dümpelt“ im Ostpazifik über Tausende Quadratkilometer hinweg warmes Oberflächenwasser, der Aufstrom an kaltem Meereswasser lässt nach. 
    Eine El-Nino-Wetterlage
    So verändert El Niño Meeresströme und Winde. (Grafik: Deutschlandradio)

    Woher kommt der Name El Niño?

    „El Niño de Navidad“ – das Christkind – haben südamerikanische Fischer im 17. Jahrhundert die Klimaanomalie getauft, denn sie erreicht normalerweise ihren Höhepunkt um die Weihnachtszeit. Für die Fischer bedeutete dieses besondere Christkind schwierige Zeiten. Das normalerweise aufströmende kalte Tiefenwasser ist sehr nährstoffreich, so dass das Phytoplankton besonders gut gedeiht und der Fischreichtum hoch ist. 
    Lässt der Zustrom in El-Niño-Jahren nach, fehlen die Nährstoffe mit Folgen für Phytoplankton und Fischschwärme: Die Netze der Fischer bleiben leer. Deshalb dürfte El Niño schon den Inka Sorgen bereitet haben. 

    Wirken El Niño oder La Niña auch in Deutschland und Europa?

    Global gesehen führt La Niña zu niedrigeren Temperaturen, El Niño zu höheren – beide begünstigen zudem Extremwetter, allerdings in verschiedenen Weltregionen. Die stärksten Auswirkungen hat ENSO nahe dem tropischen Pazifikraum. Weil die Verdunstung bei warmem Wasser höher ist, können während El Niño an der Pazifikküste Süd- und Mittelamerikas überaus starke Regenfälle mit Überschwemmungen und Erdrutschen auftreten. 
    Es trifft aber auch den Süden der USA, das Horn von Afrika oder Zentralasien. Zur gleichen Zeit treffen schwere, lang anhaltende Dürren mit steigender Waldbrandgefahr Australien, Indonesien, das südliche Afrika und Teile Südasiens. 
    Europa liegt dabei so weit vom Geschehen im äquatorialen Pazifik weg, dass die direkten Auswirkungen deutlich geringer ausfallen. So könnte es sein, dass es in El-Niño-Jahren in Skandinavien etwas weniger regnet, in Mittel- und Südeuropa dafür etwas mehr. 
    Das europäische Klima wird vor allem vom Atlantik bestimmt. Doch erhöht El Niño in Europa das Risiko für Extremwetterlagen wie Hitzewellen, weil er die globalen Temperaturen in die Höhe treibt und für Spitzen in der globalen Erwärmung sorgt. 

    Wie wahrscheinlich ist ein "Mega-El-Niño" in Zukunft?

    La Niña, das Gegenstück zu El Niño und normalerweise mit eher abkühlender Wirkung verbunden, war der WMO zufolge diesmal nur schwach ausgeprägt. Für die Monate März bis Mai 2026 erwartet die Organisation nun mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent klimatisch neutrale Bedingungen. Die Chance auf eine La-Niña-Phase liegt in diesem Zeitraum nur noch bei 30 Prozent, die auf eine El-Niño-Phase bei zehn Prozent. 
    Für die Monate April bis Juni steigt die Wahrscheinlichkeit neutraler Bedingungen laut WMO auf 70 Prozent. Von Mai bis Juli fällt sie dann wieder auf 60 Prozent. 
    Nach Einschätzung der US-Wetter- und Ozeanbehörde NOAA besteht für den Zeitraum von Juni bis August 2026 eine Wahrscheinlichkeit von 62 Prozent, dass sich erneut ein El Niño entwickelt. Ob El Niño schwach oder stark ausfällt, ist derzeit noch offen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Phänomen zwischen Oktober und Dezember 2026 stark wird, liegt laut NOAA bei etwa einem Drittel. 

    Was hat das mit dem Klimawandel zu tun?

    El Niño/Southern Oscillation (ENSO) und das globale Klima sind eng miteinander verwoben. In den vergangenen Jahrzehnten gingen starke El-Niño-Jahre immer wieder mit außergewöhnlich hohen Temperaturen in den Ozeanen und der Atmosphäre einher. Besonders stark war dies etwa im Jahr 2016, als ein außergewöhnlich starker El Niño zu den damaligen Rekordtemperaturen beitrug. 
    Inzwischen gilt laut WMO  2024 als bislang wärmstes Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Das Jahr begann ebenfalls mit einem starken El Nino-Ereignis. Die globale Durchschnittstemperatur lag 2024 rund 1,55 Grad Celsius über dem Durchschnitt der Jahre 1850 bis 1900.  
    Beide Ausschläge der ENSO-Schaukel können Effekte des Klimawandels zeitweise abschwächen oder verstärken. 
    Der Klimawandel hat wiederum Auswirkungen auf das ENSO-Phänomen. Er verändert ENSO, etwa über die Verlagerungen großräumiger Luftströmungen. Außerdem sorgen die sich erwärmenden Ozeane dafür, dass sich Temperaturgefälle zwischen Äquator und Pol abschwächen und Niederschlagsmuster verändern.

    Klimasystem gerät weiter aus dem Gleichgewicht 

    Die WMO sieht das Klimasystem der Erde aktuell so stark aus dem Gleichgewicht geraten wie nie zuvor seit Beginn der Beobachtungen. Steigende Treibhausgaskonzentrationen heizen Atmosphäre und Ozeane immer weiter auf und beschleunigen zugleich das Schmelzen von Eis. Ein möglicher neuer El Niño könnte diese Entwicklung zusätzlich verstärken, weil das Klimaphänomen die globalen Temperaturen vorübergehend weiter steigen lässt. 
    Die Grafik zeigt globale Temperatureinflussfaktoren der vergangenen zehn Jahre: Menschengemachte Globale Erwärmung: +0,2 Grad. Klimaphänomen El Nino/La Nina: stark schwankend zwischen Erwärmung und Abkühlung +0,21 und -0,13 Grad. Sonnenzyklus: in Kurven zwischen +0,04 und -0,03, Ausbruch des Vulkans Hunga Tonga, mit hoher Unsicherheit: +0,04, Reduktion Luftverschmutzung im Schiffverkehr: +0,03.
    Viele Faktoren beeinflussen die globale Erwärmung. In dieser Grafik sind die Einflüsse einiger Faktoren nebeneinandergestellt. Die menschengemachte Erwärmung durch Treibhausgase hat den größten Einfluss. Die Klimaschaukel El Nino und La Nina wirkt erheblich in unterschiedliche Richtungen. Der Sonnenzyklus, ein großer Vulkanausbruch im Pazifikstaat Tonga sowie die Wirkung von neuen Regeln im Schiffsverkehr sind weitere Einflussgrößen. (Deutschlandradio / Andrea Kampmann / Berkeley Earth)
    2025 erreichten nach WMO-Angaben sowohl der Wärmegehalt der Ozeane als auch das Energieungleichgewicht der Erde neue Höchststände, also das Ungleichgewicht zwischen Energieaufnahme und -abgabe der Erde.  
    Meereis und Gletscher gehen weiter zurück, der Meeresspiegel steigt, und extreme Wetterereignisse richten weltweit massive Schäden an. Die WMO warnt deshalb vor einer sich zuspitzenden Klimakrise mit immer größeren Folgen für Gesundheit, Ernährungssicherheit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. 
    Der Klimawandel, der sich in den Copernicus-Daten zeigt, hat wiederum Auswirkungen beispielsweise auf das ENSO-Phänomen. Er verändert ENSO, etwa über die Verlagerungen großräumiger Luftströmungen. Außerdem sorgen die sich erwärmenden Ozeane dafür, dass sich Temperaturgefälle zwischen Äquator und Pol abschwächen und Niederschlagsmuster verändern.

    Dagmar Röhrlich, Elena Matera