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Elsässer verlernen ihre Sprache

Die Deutschkenntnisse der im Elsass lebenden Franzosen nehmen immer mehr ab. 1962 hat die überwiegende Mehrheit Elsässerdeutsch verstanden. Inzwischen sind es weniger als die Hälfte. Hochdeutsch beherrschen auf der linken Rheinseite heute nur noch 15 Prozent.

Von Pascal Lechler | 03.01.2013

Outlet-Center Roppenheim im Elsass. Wer hier in einem der mehr als 70 Geschäfte arbeitet muss Französisch und Deutsch können. So wie Anne-Cathrin Koehlhoeffer. Die Elsässerin leitet die Filiale des deutschen Herrenausstatters Digel. Ohne ihre Deutschkenntnisse hätte sie den Job heute nicht.

"Hier in Roppenheim muss Deutsch sein. Wir haben wahnsinnig viele deutsche Kunden und obwohl auch viele Deutsche ein bisschen Französisch können, muss das sein und das ganze Team spricht auch Deutsch."

Doch die Deutschkenntnisse der im Elsass lebenden Franzosen nehmen immer mehr ab. 1962 hat die überwiegende Mehrheit Elsässerdeutsch verstanden inzwischen sind es weniger als die Hälfte. Hochdeutsch beherrschen auf der linken Rheinseite heute nur noch 15 Prozent. Wenig erstaunlich: Die Zahl der Grenzgänger nach Deutschland und in die Chemieregion Basel hat seit 2000 um 10.000 Elsässer abgenommen. Die Arbeitslosigkeit dagegen ist im Elsass inzwischen auf die Rekord-Marke von zehn Prozent geklettert, während auf deutscher Seite zum Teil händeringend Arbeitskräfte gesucht werden. Für den Präsidenten der Industrie- und Handelskammer in Straßburg Jean-Louis Hoerlé ist die Rechnung einfach.

"In Deutschland gibt es heute genügend Jobs. Wenn sich die Elsässer ob jung oder älter für diese Stellen interessieren, dann können sie sich dort bewerben - vorausgesetzt eben, dass sie die deutsche Sprache beherrschen."

In den Augen Hoerlés ist die aktuelle Situation, das Ergebnis der französischen Schulpolitik nach dem Krieg. Deutsch und Elsässisch waren nach 1945 und den Erfahrungen mit Nazideutschland verboten. Erst seit einigen Jahren gibt es wieder verbreitet zweisprachige Klassen. Lehrlinge können in einem französischen Betrieb lernen und auf eine deutsche Berufsschule gehen oder umgekehrt. Außerdem gibt es zweisprachige Hochschulabschlüsse. Straßburgs IHK Präsident Hoerlé hofft so, den schleichenden Verlust der Deutschkenntnisse im Elsass stoppen zu können.

"Ich habe mir ein Ziel gesetzt und zwar dass möglichst viele Elsässer Deutsch sprechen, das würde mir schon reichen. Und wenn man damit die Arbeitsmarktsituation hier verbessern könnte, dann wäre ich schon sehr zufrieden."

Für Thibaud Borsoni kommen die nun ergriffenen Maßnahmen wohl zu spät. Der 20-Jährige hat weder den Elsässer Dialekt noch die Hochsprache gelernt. Zuhause wurde nur Französisch gesprochen, weil der Vater kein Elsässisch kann, erzählt seine Mutter Carine Borsoni. Könnte ihr Sohn Elsässisch oder Deutsch

"Ja, dann könnte er in Deutschland fragen, ob er einen Job bekäme."

Auf ein gutes Jobangebot aus Deutschland konnte er sich Thibaud wegen seiner fehlenden Deutschkenntnisse nicht bewerben. Stattdessen steckt er jetzt in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme des französischen Arbeitsamtes. Als Installateur findet er im Elsass keine Arbeit.