Freitag, 02. Dezember 2022

Die Rolle des Elternhauses
Wer wird heutzutage noch Fußball-Profi?

Fußball galt einst als Arbeiterdomäne. Inzwischen schmückt sich Deutschland beliebtester Sport mit seiner vermeintlichen Integrationskraft aller Schichten. Aber repräsentiert der Fußball wirklich die Breite der Gesellschaft?

Von Felix Lill | 01.10.2022

Fußballprofis und Fans des FC Schalke 04
Fußballprofis und Fans beim "Arbeiterverein" Schalke 04 (picture alliance / augenklick/ firo Sportphoto)
Wenn sich der ehemalige Nationalspieler Sandro Wagner an den schwierigen Weg in den Profifußball erinnert, denkt er an soziale Faktoren, die ihm geholfen haben:
"Erstmal glaube ich, wäre es wichtig, da ein gutes Elternhaus zu haben, einen guten Freundeskreis zu haben, der das alles einordnet, der vielleicht auch sagt: Du, wenn du jetzt bei Bayern München nicht weiterkommst und die B-Jugend deine Endstation ist, dann bist du trotzdem noch ein toller Junge und hast noch ein tolles Leben vor dir, kannst den Schulweg einschlagen, kannst einen guten Berufsweg einschlagen."

Fußballprofis "aus gutem Elternhaus"

Das sagte Wagner im vergangenen Jahr im Podcast des FC Bayern München, seinem Ausbildungsverein und einstigem Arbeitgeber. Und er spricht etwas an, das selbstverständlich klingt, weil man es im Fußball seit Jahrzehnten hört: Die Bedeutung des "guten Elternhauses" beim Weg in den Profifußball.
Aber was ist das eigentlich: Ein gutes Elternhaus? Und falls es dabei um den Bildungsstand oder das Einkommen der Eltern geht: Wäre so ein Vorteil nicht erstaunlich? Immerhin galt der Fußball historisch als Arbeitersport, feiert sich heute als Volkssport, der alle Schichten vereint.
Nur tut er das wirklich, wenn das Elternhaus offenbar einen wichtigen Einfluss auf Erfolg hat?

"Fußball hat anderes Umfeld als Handball oder Volleyball"

Dirk Mazurkiewicz, Professor für Sportmanagement an der Hochschule Koblenz, beschäftigt sich wissenschaftlich mit den sozialen Hintergründen des Profifußballs. Er hält seinen Lieblingssport tatsächlich für inklusiver als andere Disziplinen:
"Ich glaube, das kann man auf jeden Fall sagen, dass der Fußball in Deutschland und auch in anderen Ländern immer noch eines der breitesten Themengebiete sind, die die Menschen faszinieren; das finde ich auch schön. De facto ist es natürlich so, dass wir in anderen Sportarten eher dokumentieren können, dass Bildungshintergründe auch der Eltern ein Einflussfaktor sind, und dass wir im Volleyball, Basketball, im Handball vielleicht ein anderes Umfeld haben als wir das im Fußball haben."
Dirk Mazurkiewicz sagt das nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Vorsitzender des Regionalligisten Bonner SC, der einen leistungsbezogenen Nachwuchsbereich verantwortet und ständig nach jungen Talenten für die semiprofessionelle Herrenmannschaft sucht.
Auch Mazurkiewicz kennt das Attribut des "guten Elternhauses": "Also, das gibt’s auf jeden Fall. Wissenschaftlich kaum zu erfassen, aber ich kenne es selber auch als Vorsitzender eines Fußballvereins."
Und beim Bonner SC läuft es nicht anders als bei anderen Klubs. Mazurkiewicz will wissen:
"Woher kommt der Junge? Ob es sich um Menschen handelt, der in einer guten Gruppe von anderen Menschen großgeworden ist. Und da ist völlig egal, welcher Migrationshintergrund oder was das ist, sondern einfach die Tatsache: Funktioniert der Junge in der Mannschaft? Und da ist es gar nicht so schlecht herauszufinden: Was hat der denn für einen privaten und auch familiären Hintergrund?"

Kinder der Mittelschicht im Vorteil?

Das häufige Betonen eines "guten Elternhauses" für den Erfolg lässt also vermuten, dass im vermeintlichen Arbeitersport Fußball Kinder der Mittelschicht im Vorteil sind.
Denn sozial auffälliges Verhalten junger Menschen ist laut Studien dort besonders wahrscheinlich, wo die Eltern einen niedrigeren Bildungsstand oder ein geringes Einkommen haben.
Zwei Gruppen, die davon statistisch häufiger betroffen sind: Ausländer oder Deutsche mit Migrationshintergrund. Und aus diesen zwei Gruppen stammen fast 40 Prozent aller Fußballer in den Nachwuchsleistungszentren der Erst- und Zweitligisten - das hat eine Befragung der European Business School vor ein paar Jahren gezeigt. Die Studie ergab dabei außerdem:
"Zweifellos handelt es sich bei den befragten Nachwuchsspielern in den Leistungszentren der Bundesliga-Vereine um eine hoch leistungsorientierte Gruppe von Jugendlichen, die aus stabilen Elternhäusern stammen; so sind 20 Prozenz selbständig erwerbend und über 70 Prozent im Angestelltenverhältnis tätig. Nur drei Prozent sind arbeitslos. Sie können in den Leistungszentren – anders als die erdrückende Mehrheit ihrer Altersgenossen – unter privilegierten Rahmenbedingungen ihrer Passion nachgehen."
Im Vergleich zur Gesamtgesellschaft waren die Eltern dieser Spieler damit häufiger in einem sicheren Angestelltenverhältnis und seltener arbeitslos.

Ohne Nachwuchsleistungszentrum kaum Chancen auf Profikarriere

Und Dirk Mazurkiewicz wiederum bestätigt, dass man ohne den Besuch eines Nachwuchsleistungszentrums – kurz: NLZ – kaum Chancen auf eine Profikarriere hat:
"Also mittlerweile kann man in den Mannschaften die Ausnahmen wirklich an den Fingern abzählen. Also es gibt ganz wenig Jungs, die nicht so ab dem 15., 16. - das sind so die Jahre, wo sie dann springen - die NLZs der großen Klubs durchlaufen haben."

DFL und Bundesligaklubs mauern

Detaillierte Daten, aus welchen sozialen Schichten Fußballprofis kommen, gibt es nicht – obwohl DFB und Klubs gerne behaupten, ein wichtiger Integrationsmotor zu sein. Auf Anfrage schreibt der DFB, man möge sich an die DFL wenden. Die DFL wiederum sagt, es liegen keine Daten vor.
Und auch unter Profiklubs herrscht Schweigsamkeit. Großes Interesse an der Frage, wie wichtig ein "gutes Elternhaus" wirklich ist – und ob der deutliche Fokus hierauf wohl auch einige Gesellschaftsteile ausschließt, anstatt alle zu integrieren – scheint es im deutschen Profi-Fußball nicht zu geben.
Dieser Beitrag ist der Teil der Denkfabrik des Deutschlandfunks zum Thema "Von der Hand in den Mund - Wenn Arbeit kaum zum Leben reicht". Weitere Beiträge finden Sie hier.