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StartseiteBüchermarktTanzen bis zur Atemnot09.07.2020

Emmy Hennings: "Gedichte"Tanzen bis zur Atemnot

Bislang kennt man Emmy Hennings eigentlich nur als Dada-Mitbegründerin und Muse der 20er-Jahre-Bohème, die mit vielen Künstlern Affären hatte. So langsam aber wird die schillernde Frau endlich auch als Autorin und Dichterin gewürdigt. Nun ist erstmals eine Gesamtausgabe ihrer Gedichte erschienen

Von Michael Braun

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Buchcover: Emmy Hennings: „Gedichte“ (Buchcover: Wallstein Verlag)
Lange literarisch unterschätzte Bohème-Muse der Zwischenkriegszeit: Emmy Hennings (Buchcover: Wallstein Verlag)
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In den Literaturgeschichten der Moderne war für Emmy Hennings, die Dichterin, Sängerin und Weggefährtin der Dada-Bewegung, bislang nur ein Randplatz reserviert.

"Sie lebt Indianergeschichten, sie denunziert sich selbst und ihre Freunde der Polizei, nur der Sensation wegen. Sie hat mit sämtlichen Literaten geschlafen, zwei Literaturbewegungen inszeniert, (...) sie verkauft sich auf der Straße für 50 Pfenning; Morphinistin und Dichterin."

Lange abgestempelt als Femme Fatale 

Mit solchen drastischen Klischees, in Umlauf gebracht von Spöttern wie dem Kunstsammler Harry Graf Kessler, hat man die 1885 in Flensburg geborene und 1948 im Tessin gestorbene Sprachkünstlerin Emmy Hennings immer wieder abgewertet. Ihr "Anderssein", das sie sich selbst in ihrem 1922 veröffentlichten Gedicht "Traum" zuspricht, ist von erotischen Beutephantasien ihrer Kollegen aus der literarischen Avantgarde verdunkelt worden. In Egomanie begabte Dichter wie Johannes R. Becher, Ferdinand Hardekopf und Erich Mühsam rivalisierten um die Gunst der vielseitigen Künstlerin, während Emmy Hennings selbst durch exzessiven Konsum von Morphium und Kokain immer weiter in eine Spirale der Selbstzerstörung hineingeriet.

Aus der Geborgenheit des kleinbürgerlichen Elternhauses in Flensburg war Hennings in die unstete Welt der kleinen Theaterbühnen und der Wanderschauspielerei aufgebrochen, hatte früh, mit 16, ein Kind geboren, dessen Vater über Nacht verschwand. Danach begann ihre jahrelange Tour durch Cabarets in Berlin, München, Hannover oder Budapest, und mit ihr die Erfahrung grundlegender Orientierungs- und Haltlosigkeit. Dem "Todesengel" begegnet die Kunst-Nomadin zum ersten Mal 1910, als sie nach den kräftezehrenden Jahren als Wanderschauspielerin an Typhus erkrankte. Als die Krise überstanden war, konvertierte Hennings zum Katholizismus. Erst durch dieses katholische Erweckungserlebnis und die Begegnung mit dem Dadaisten Hugo Ball, mit dem sie 1915 in die politisch neutrale Schweiz ging und dort im Februar 1916 das Cabaret Voltaire mitbegründete, fand Emmy Hennings wieder inneren Halt.

1916 eröffnete sie mit Hugo Ball das "Cabaret Voltaire" 

In ihrem Gedicht "Tänzerin", das 1913 während ihres Engagements in einem Budapester Cabaret entstand, hat sie ihr Weltgefühl aufgezeichnet – in einem dunklen Gesang der Verlassenheit und Todesbeschwörung:

"Mir ist, als ob ich schon gezeichnet wäre

Und auf der Totenliste stünde.

Es hält mich ab von mancher Sünde,

Wie langsam ich am Leben zehre!

Und ängstlich sind oft meine Schritte,

Mein Herz hat einen kranken Schlag

Und schwächer wird’s mit jedem Tag.

Ein Todesengel steht in meines Zimmers Mitte.

Doch tanz ich bis zur Atemnot.

Bald werde ich im Grabe liegen,

Und niemand wird sich an mich schmiegen.

Ach, küssen will ich bis zum Tod."

Emmy Hennings´ Gedichte haben von Beginn an einen Zustand der Selbstauflösung aufgezeichnet, den Absturz in Drogenrausch und in Liebesabgründe. Sie sind in ihrem konventionellen Versbau in Volksliedstrophen weit entfernt vom Wörterschamanismus ihres Mannes Hugo Ball, weit entfernt auch von den radikalen Formzertrümmerungstechniken ihrer dadaistischen Weggefährten. So dürfen wir uns Emmy Hennings denn auch nicht als Dadaistin, sondern sollten sie uns als wilde Neo-Romantikerin vorstellen.

Aber erst die kürzlich erschienene, akribisch kommentierte Studienausgabe ihrer Gedichte hat nun Texte und Materialien bereitgestellt, die das Bild der in "Vielfachheiten" zerrissenen Poetin genauer beleuchten.

Die Neo-Romantikerin wandelte sich zur Mystikerin

Die von Nicola Behrmann und Simone Sumpf vorzüglich kommentierte Ausgabe enthält nicht nur sämtliche veröffentlichten Gedichte der Dichterin, insgesamt 153 Texte, sondern auch nahezu alle Gedichte von Emmy Hennings, die im Nachlass auffindbar waren. Neben ihren drei zu Lebzeiten erschienenen Bänden "Die letzte Freude", "Helle Nacht" und "Der Kranz" sind hier auch über 100 Gedichte aus dem Nachlass abgedruckt, die bisher unveröffentlicht waren. Dazu gehören auch jene Gedichte aus dem von Hennings noch selbst geplanten Band "Die mystische Rose", den die Dichterin 1941 eigentlich schon für den katholischen Herder Verlag zusammengestellt hatte, der dann aber nie erschien, weil die Autorin kurz vor Drucklegung das Manuskript plötzlich wieder zurückzog, mit einem Mal nicht mehr von der Qualität ihrer Gedichte überzeugt.  

Der Untertitel des damals nicht erschienenen Bandes "Marien- und andere Gedichte" zeigte 1941 allerdings auch schon an, wie sehr Hennings nach dem Tod Hugo Balls 1927 immer mehr zu einer dichtenden Mystikerin wurde. Denn in diesen nun erstmals veröffentlichten späteren Gedichten von Emmy Hennings wird deutlich, wie sehr auch künstlerisch eine mystische Marien-Verehrung nun immer mehr ins Zentrum rückte.

Wobei der Einfluss der mittelalterlichen Mystikerin Mechthild von Magdeburg eine große Rolle spielte, die in ihren Aufzeichnungen "Das fließende Licht der Gottheit" regelmäßig eine "heilige Ordnung" der Liebe beschwor. Allerdings verstand die mittelalterliche Mystikerin unter "Liebe" nicht eine mehr oder weniger narzisstische Unternehmung zur Maximierung privaten Glücks, wie man sie heutzutage meist definiert, sondern als eine erotische Hingabe an Gott. Mechthilds emphatische Lobpreisung Gottes unter völliger Selbstzurücknahme des Ichs finden wir auch in den späten Gedichten von Emmy Hennings wieder. Etwa im frommen Lied "Maria zum Schnee", das eine Marienerscheinung vergegenwärtigt:…

"Du stehst im Schnee, von Licht umwoben
In Deinen Armen ruht das Kind.
Es will ein kleiner Stern Dich loben,
Will blühn hier unten und dort oben,
weil gütig deine Augen sind.
Du stehst im Schnee und lächelst leise
In lauter Liebe eingeschneit ...
Du reinstes Bild, Du leuchtend schöne Weise,
Führ uns, o Jungfrau, auf die lichte Reise
Zu Dir, o Mutter, in die Ewigkeit"

Ab 1946 begann die verarmte Dichterin in einer Tabakfabrik zu arbeiten, dann in einer Strumpffabrik und schließlich kurz vor ihrem Tod in einer Besenbinderei. Die in "Vielfachheiten" existierende Dichterin versuchte sich am Ende ihres Lebenswegs mithilfe trostreicher Volksliedstrophen in eine Glaubensgewissheit zu retten. Eine Gewissheit, die aber für die zeitlebens auf der Bordsteinkante balancierende Sinnzweiflerin Emmy Hennings immer fragil blieb.

Emmy Hennings: "Gedichte"
Herausgegeben und kommentiert von Nicola Behrmann und Simone Sumpf.
Mit einem Nachwort von Nicola Behrmann.
Wallstein-Verlag, Göttingen. 698 Seiten, 38 Euro.

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