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StartseiteInformationen am MittagBundesregierung zählt mehr Atommüll18.11.2014

Endlager-PlanungBundesregierung zählt mehr Atommüll

Die Bundesregierung fasst den Atommüllbegriff weiter. Sie rechnet jetzt auch Nuklearabfälle dazu, die bisher als Wertstoff zur Wiederverwertung galten. Bundesumweltministerin Hendricks sagte dem DLF, diese Neudefinition solle dabei helfen, ein Endlager zu planen. Dadurch steige auch die Menge an, die jetzt als Atommüll gelte.

Von Theo Geers

Ein Tank mit radioaktiv-strahlendem Wasser in der Schachtanlage Asse in Niedersachsen. (afp / Jochen Luebke)
Die Bundesregierung hat neu definiert, was als Atommüll gilt. Dadurch steigt die Menge. (afp / Jochen Luebke)
Weiterführende Information

Atommüll-Kommission - "Richtige Bürgerbeteiligung findet nicht statt"
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 29.10.2014)

Atomendlager Gorleben - Eingemottet, aber nicht aufgegeben
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 01.10.2014)

Atommülllager - Gorleben wird weitgehend geschlossen(Deutschlandfunk, Aktuell, 29.07.2014)

Endlagersuche - Wohin mit dem ungeliebten Atommüll?
(Deutschlandradio Kultur, Kommentar, 22.05.2014)

Es ist der Versuch, sich ehrlich zu machen und mit Lebenslügen aufzuräumen. So sieht es Bundesumweltministerin Barbara Hendricks. In ihrem Entwurf des nationalen Entsorgungsplans führt diese neue Ehrlichkeit auf einen Schlag zu einer Verdoppelung des schwach- und mittelradioaktiven Abfalls: Bisher waren es 298.000 Kubikmeter vor allem aus dem Abriss stillgelegter Atomkraftwerke. Nun könnten es rund 600.000 Kubikmeter werden, so die Süddeutsche Zeitung. Den zusätzlichen Atommüll hat es dabei schon immer gegeben, er wurde bisher nur nicht mitgerechnet.

"Die Menge ist nicht um das Doppelte gewachsen, sondern wir haben vorsorglich alle denkbaren Mengen in den Entwurf mit aufgenommen, der im August nächsten Jahres der EU-Kommission gemeldet werden soll. Die Menge ist nicht gewachsen."

...versichert denn auch die Bundesumweltministerin, die nun weitere Nuklearabfälle aber mitzählt. Beispielsweise die 13.000 Tonnen Abfälle aus der Urananreicherungsanlage Urenco in Gronau im Münsterland. Bisher galten sie als Wertstoff. Begründung: Daraus ließen sich wieder Kernbrennstoffstäbe für Atommeiler herstellen. Nun werden sie zum potenziellen Abfall gezählt, der wahrscheinlich auch entsorgt werden muss.

Mitgezählt werden auch die 126.000 Fässer mit Atommüll aus dem Bergwerk Asse, die nach jetzigem Stand dort herausgeholt und woanders eingelagert werden sollen. Diese Menge könnte sogar noch steigen, wenn zu dem eigentlichen Müll noch radioaktiv kontaminiertes Salz aus der Asse hinzukäme.

Neue Ehrlichkeit

Die atompolitische Sprecherin der Grünen, Sylia Kotting-Uhl, begrüßt die neue Ehrlichkeit, verweist aber auf das Problem, dass dieser Atommüll einmal seinen Platz finden muss. Die bisher 298.000 Kubikmeter sollen ab 2022 im Schacht Konrad bei Salzgitter eingelagert werden. Mit 303.000 Kubikmetern reicht die Kapazität dort auf dem Papier bisher gerade so aus, für die zusätzlichen 300.000 Kubikmeter muss aber eine andere Lösung her. Bisher, so Sylvia Kotting-Uhl, sollten diese Mengen mit das Endlager für hochradioaktive Abfälle eingelagert werden. Aber:

"Auch da kann es Probleme geben, weil diese chemischen Reaktion dieser Stoffe, von denen wir jetzt reden, etwas anderes sind als das, was die abgebrannten Brennelemente tun in einem Endlager. Das kann vielleicht nicht zusammenpassen. Also da gibt´s ´ne Menge offene Fragen, vielleicht auch ein drittes noch zu suchendes und zu findendes Endlager. Aber wichtig ist, dass jetzt mal die Menge auf dem Tisch liegt, ehrlich, und dass wir wissen, wovon wir reden."

Für dieses neue Endlager beginnt derzeit die Suche. Es geht dabei um die Frage, ob für den hochradioaktiven Atommüll ein neues Endlager gebaut werden muss oder ob dieser Müll und möglicherweise jetzt noch mehr schwach- und mittelradioaktiver Müll doch nach Gorleben kommt.

"In 20 Jahren noch mal neu nachdenken"

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) besucht das Atommüll-Lager Asse. Sie trägt einen weißen Schutzanzug und Helm. (picture alliance / dpa / Jochen Lübke)Umweltministerin Barbara Hendricks im März 2014 bei einem Besuch im Atommüll-Lager Asse (picture alliance / dpa / Jochen Lübke)Zum Mengenproblem hinzu kommt möglicherweise ein Zeitproblem, auch wenn Barbara Hendricks erst einmal auf die Zeitschiene verweist

"Das bedeutet, dass wir etwa in 20 Jahren wahrscheinlich noch mal neu nachdenken müssen."

Und bis dahin muss der gesamte Atommüll – der hochradioaktive in den Castor-Behältern und der schwach- und mittelradioaktive in den Fässern – in Zwischenlagern aufbewahrt werden. In einigen Lagern rosten derweil die Fässer schon jetzt, weil bei ihrer Befüllung niemand gedacht hat, dass die Zwischenlagerung so lange und möglichweise noch länger dauern werden. Doch Sylvia Kotting-Uhl von den Grünen warnt davor, sich deswegen unter Zeitdruck setzen zu lassen.

"Wir werden am Ende wahrscheinlich Zeitprobleme auch in den Zwischenlagern bekommen, aber meine persönliche Sicht der Dinge ist, dass wir auf keinen Fall uns unter Zeitdruck setzen dürfen bei der Beantwortung der Frage, : Wie muss ein Endlager für hochradikaktiven Müll aussehen, und wohin gehen wir mit all diesen Chargen von Atommüll, die bisher nicht erfasst waren?"

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