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StartseiteKultur heuteBrauchen Orchester wirklich Dirigenten?06.04.2020

Endlich mal erklärtBrauchen Orchester wirklich Dirigenten?

Komponistenwille oder eigene Interpretation: Was gibt der Dirigent oder die Dirigentin ans Orchester weiter? Und können die Streicherinnen und Bläser und Harfen und Pauken die "Zauberflöte" und "Carmen" nicht ohnehin längst auswendig?

Von Uwe Friedrich

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Ken-David Masur dirigiert mit ausgestrecktem Arm und Taktstock (Beth Ross Buckley)
Der Taktstock als verlängerter Komponistenwille und Dirigenteninterpretation - elegant geschwungen von Ken-David Masur (Beth Ross Buckley)
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Pultlöwe und Musikdarsteller, musikalischer Leiter und Taktschläger werden Dirigenten mal ehrfurchtsvoll, mal herablassend genannt. Im Barock, als die ältesten der heute noch bestehenden Orchester als Hofkapellen gegründet wurden, gab es noch keinen Dirigenten moderner Prägung. In der Regel leitete der Cembalist die Konzerte und Opern in den Schlössern und Hoftheatern, oft unterstützt vom ersten Geiger. Am Hof des französischen Sonnenkönigs schlug Jean-Baptiste Lully den Takt gut hörbar mit einem prunkvollen Stab. Ein gefährliches Geschäft, denn als er sich mit dem Stab in den Fuß stach, führte das zu eine Blutvergiftung und seinem vorzeitigen Tod.

Bis ins 19. Jahrhundert war der musikalische Leiter auch der Komponist der Werke. Erst dann bildete sich der eigenständige Beruf des Dirigenten heraus – weil die Werke immer komplizierter wurden und nicht mehr von einem der Orchestermusiker nebenbei koordiniert werden konnten. Im Barock war das noch nicht nötig, weil nur Gegenwartsstücke gespielt wurden, die stilistisch so einheitlich waren, dass Diskussionen über die Interpretation gar nicht stattfanden. Die Wiederentdeckung dieser inzwischen historischen Werke im 19. Jahrhundert benötigten dann einen Fachmann, der Entscheidungen über die Spielweise trifft – und diese im Konfliktfall auch gegen das Musikerkollektiv durchsetzen kann, weil die anderen sich unterordnen. Vorreiter dieser Bewegung und erster Dirigent moderner Prägung war Felix Mendelssohn Bartholdy.

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Widerstand der Komponisten

Im Idealfall entsteht dann unter der Leitung des Dirigenten eine überzeugende Interpretation, die den Intentionen des Komponisten entspricht. Je komplizierter die Partituren wurden, desto mehr Freiräume öffneten sich für die Dirigenten, was wiederum zu Konflikten mit den Komponisten führte. Giuseppe Verdi ärgerte sich sehr über Dirigenten, die gegen seine akribischen Vorschriften verstießen, Richard Wagner rief die Dirigenten zu strikter Unterordnung unter seinen Willen auf, während er sich sehr viele Freiheiten nahm, wenn er Werke anderer Komponisten aufführte.

Auch mit dem idealen Standort des Dirigenten wurde in den Opernhäusern noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts experimentiert. Wolfgang Amadeus Mozart dirigierte noch von der Seite, wo das Cembalo stand. Als mit den Seccorezitativen auch das Cembalo aus den Opernhäusern verschwand, saß der Dirigent häufig direkt vor dem Souffleurkasten, um direkten Kontakt mit den Sängern zu haben. Giuseppe Verdi gab wichtige Einsätze häufig mit einem gut hörbaren Schlag auf den Kasten. Bei dieser Anordnung musste der erste Geiger für die genaue Koordination mit dem Orchester sorgen. Dass gute Orchestergeiger das auch heute noch können, lässt sich gelegentlich bei Aufführungen schlechter Dirigenten beobachten, wenn die Orchestermusiker ihren direkten Vorgesetzten ignorieren und die Sache unter sich regeln.

Unterordnung und Gefolgschaft

Das unterminiert allerdings die nötige Autorität des Dirigenten, denn seine Tätigkeit beruht auf Unterordnung und Gefolgschaft der Musiker. Um diese Autorität überhaupt ausstrahlen zu können, benötigen Dirigenten ein großes Selbstbewusstsein; schließlich stehen sie nur mit ihrem Dirigentenstab bewaffnet vor bis zu 150 Musikerinnen und Musikern und müssen diese von ihrer Sichtweise überzeugen. Diese Durchsetzungsfähigkeit haben die damals fast ausschließlich männlichen Orchestermitglieder, aber auch weite Kreise des Publikums Frauen lange nicht zugetraut.

Zusammen mit den gesellschaftlichen Vorstellungen, dass ein Leben in den "notorisch unsittlichen Musikerkreisen" nichts für ein "anständiges Frauenzimmer" sei, führte das zu einem eklatanten Frauenmangel auf dem Dirigentenpodium. Das ändert sich in den letzten Jahren dank Vorkämpferinnen wie Jane Glover oder Simone Young, inzwischen erobern immer mehr Frauen den prestigeträchtigen Posten der Generalmusikdirektorin. Auch deshalb endet langsam die Zeit der Pultdiktatoren und Musikmachos, deren Macht auf der Angst aller anderen beruhte und die ihre Vorstellungen nur brüllend durchsetzen konnten.

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