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StartseiteKultur heuteBraucht das Theater noch einen Vorhang?02.04.2020

Endlich mal erklärtBraucht das Theater noch einen Vorhang?

Manchmal ist er zu Beginn schon offen. Manchmal gibt er den Blick auf die Bühne erst frei, wenn das Publikum sitzt - und ziemlich häufig ist er rot. Inzwischen ist der Theatervorhang oft selbst Teil der Inszenierung.

Von Michael Laages

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Blick in den Zuschauerraum eines Theaters (picture alliance / Tetra Images)
Die "vierte Wand" zwischen Bühne und Publikum: kein Theater ohne Vorhang. (picture alliance / Tetra Images)
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Braucht das Theater noch einen Vorhang? Klare Frage, einfache Antwort: Nein, unverzichtbar ist der Vorhang nicht. Die Rolle, die ihm über Jahrhunderte hin zugedacht war, die Handlung eines Theaterstückes nämlich zu eröffnen und zu beenden, ist ihm schon seit langem nicht mehr exklusiv vorbehalten. Alle denkbaren Alternativen sind inzwischen handelsüblich. Meist entscheidet mittlerweile das Licht oder die Musik darüber, wann es losgeht und wann Schluss ist. Oder noch einfacher: das erste Wort, die erste Geste der Darstellerinnen und Darsteller, wenn sie die Bühne betreten.

Kein Vorhang bei Griechen und Römern

Das antike Theater in Griechenland kannte den Vorhang nicht - naturgemäß: Die Aufführungen und Rituale der Antike fanden unter freiem Himmel und mit Tageslicht in Arenen statt. Das blieb auch später in Rom noch lange so.

Erst aus der Zeit, als Aufführungen in geschlossenen Räumen - etwa in Kirchen - stattfinden durften, sind erste Beispiele dafür überliefert, dass so etwas wie ein "Vorhang" den Raum für das Spiel vom Raum für das Publikum trennte. Die "vierte Wand" war erfunden. Durch sie schauen wir auf das Spiel, wenn der Vorhang sich öffnet. Derweil "brauchte" das Volkstheater auf Plätzen und Märkten den Vorhang nicht, aber es begann mit ihm zu spielen.

Höfisches Statussymbol

An den Höfen wechselnder Epochen begann dann tatsächlich die große Zeit der Theatervorhänge. Gern aus feinem roten Stoff genäht, waren (und sind!) sie ja immer auch Zeichen der Repräsentation gewesen: reicher Herrscher, elegantes Theater, feiner Vorhang. In ganz alten Hoftheatern, etwa in Gotha, oder in restaurierten Residenztheatern wie dem Cuvilliéstheater in München, ist solch repräsentative Kraft noch immer zu spüren.

Besondere Phantasie wurde stets auf die Art und Weise verwendet, wie der Vorhang, gern aus Samt, sich öffnen lässt: mittig nach links und rechts aufrauschend mit der Muskelkraft von Vorhangziehern, unterschiedlich gerafft - oder am Stück und in ganzer Breite nach oben gezogen. Jedes Staats- und Stadttheater verfügt noch heute über mindestens einen dieser Vorhänge – kann sie aber inzwischen mit Maschinenkraft bewegen. Gelegentlich aber zieht auch jemand aus dem Ensemble erst eine und dann die andere Seite auf: als kommentierender Zeremonienmeister.

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"Eiserner Vorhang"

Seit dem Wiener Ringtheaterbrand 1881 wurde auch der "Eiserne Vorhang" überall vorgeschrieben. Er ist tatsächlich aus Metall und soll beim Ausbruch von Feuer den Bühnen- vom Zuschauerraum trennen. Einige dieser "Eisernen" wurden nach außen hin kunstvoll gestaltet und bemalt, etwa der am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Andere, wie der am Schauspielhaus in Bochum, nehmen in der Stahlkonstruktion sogar die gerundete Form der Bühnenrampe auf. Wer den Eisernen Vorhang in Inszenierungen verwendet, will die Endgültigkeit von Text oder Spiel markieren. Eine meiner grundsätzlichsten frühen Theater-Erfahrungen stammt noch aus der Schulzeit: der "Eiserne" am Schlosstheater in Celle, nach Rolf Hochhuths "Stellvertreter". Da mochte niemand mehr klatschen.

Spätestens mit Brecht wurde auch hier alles anders. Anstelle des Vorhangs ließ er in halber Höhe eine Schnur über die Bühne spannen, an der die später legendäre "Brecht-Gardine" auf- und zugezogen wird - oft vom Ensemble selbst. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde an Brechts Theater, dem "Berliner Ensemble", ein Vorhang mit Picassos Friedenstaube montiert.

Voyeure im Publikum

Das zeitgenössische Theater heute entscheidet frei über Vorhang oder Nicht-Vorhang. Manchmal geschieht das ironisch, wie neulich in Braunschweig, wo Goethes "Iphigenie" in Spiel und Ausstattung streng wie zur Zeit der Entstehung gezeigt wurde; also auch mit extrem konventionellem Vorhang. Manchmal rabiat und brachial verändert, wie vor langer Zeit in Hamburg, als für "A Clockwork Orange" durchsichtige dicke Gaze das Publikum vor der Aktion auf der Bühne schützte. In solchen Momenten werden wir, das Publikum, sehr deutlich daran erinnert, dass wir Voyeure sind.

Peter Zadek war der erste, der den Vorhang weg und obendrein das Licht im Zuschauerraum eingeschaltet ließ: Jeder und jede sieht immer alles wie im (vorhanglosen) "Globe Theatre" der Shakespeare-Zeit. Die freie Szene ist mittlerweile auf Mobilität angewiesen und muss überall spielen können. Weil aber Vorhänge nicht überall vorhanden sind, hat der Vorhang ausgespielt auf diesem Markt-Terrain. Er bleibt ein Requisit, das auf unterschiedlichste Art genutzt werden kann – oder eben nicht.

Vorhang? Muss nicht sein.

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