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Endlich mal erklärtWarum sind die Franzosen so cinephil?

Volle Kinos, kein Popcorn, heimische Stars und verehrte Regisseure - Franzosen lieben ihre Filme. Die Zuschauerzahlen sind stabil, die Förderung üppig und die Erfolge groß. "Wie haben sie das gemacht, die Franzosen?", fragt sich der Rest der Welt. Wie kommt es, dass der Film in Frankreich heilig ist?

Von Rüdiger Suchsland | 24.07.2020

Die Front des Kinogebäudes Gaumont in Montpellier, Frankreich. In großer Leuchtschrift ist der Name des Kinos "Gaumont" zu lesen. FRANCE - CINEMA - FRONT OF GAUMONT CINEMA Facade of a Gaumont cinema. France, June 16, 2020. MONTPELLIER PROVENCE ALPES COTE D AZUR FRANCE PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xJean-BaptistexPrematx HLJBPREMAT1164641
Kino gilt in Frankreich als große Kunst - die Filmtempel sind häufig alt, aber gut besucht (imago-Jean-Baptiste Premat)
Tatsächlich sind ganz konkret die Praxis des Kinobesuchs und das Erlebnis für die französischen Kinogänger komplett anders als in Deutschland: Zunächst einmal gibt es kein Popcorn - das haben die Deutschen aus Amerika übernommen. Überhaupt wird im Kino nicht viel gegessen. Die Säle sind insgesamt weniger komfortabel, oft alte Gebäude mit altem Mobiliar. Das kann man charmant finden oder überholt.
Abo für den Kinobesuch
Jedenfalls gibt es trotzdem in Frankreich viel mehr Zuschauer. Das liegt zum einen an den niedrigeren Preisen. Und daran - das ist der größte Unterschied -, dass es ganz selbstverständlich und seit Jahrzehnten in den französischen Kinos ein Abonnement-System gibt, ähnlich wie bei uns im Theater oder in der Oper. Hinzu kommt, dass viel mehr Filme in Originalversionen mit Untertiteln laufen, denn die Achtung vor der Stimme der Schauspieler und der ursprünglichen Tonmischung der Regisseure ist in Frankreich deutlich größer.
Auf einem aufgeschlagenen Kunstlexikon liegt eine Brille
Spezialwissen der Kultur - Endlich mal erklärt Postdramatik? Dystopie? Keine Ahnung. Jede Kulturszene pflegt ihre Fachausdrücke, weil sie griffig sind. Wir erklären endlich mal die Begriffe der Spezialsprachen und antworten auf Fragen, die man sich vielleicht nicht zu stellen traut. Denn Arroganz war gestern.
Auch die französische Filmförderung funktioniert ganz anders. Es gibt es viel mehr Geld, nämlich doppelt so viel wie in Deutschland. Kino sei eben Kunst und müsse gefördert werden, heißt es in Frankreich. Überdies ist die Macht des Fernsehens zwar nicht gleich Null, aber extrem eingeschränkt. An zwei Tagen in der Woche ist es den Sendern einfach verboten, Kinofilme auszustrahlen - um den Kinobesuch zu fördern.
Jetzt in Corona-Zeiten gibt es viele konkrete Hilfsmaßnahmen, um der Filmbranche Einnahmen zu sichern: Extraprämien im Fall schneller Re-Starts von Filmen, die Aufhebung von Auswertungseinschränkungen, Produktionsförderungen. Seit jeher hilft auch die berühmte "exception culturelle" Frankreichs: Quoten für französische und europäische Filme.
Intellektuelle Filmstars
Somit ist die öffentliche Rolle, die das Kino in Frankreich spielt, komplett anders. Kino wird grundsätzlich anders wahrgenommen: In der Öffentlichkeit, in Talk-Shows, bei politischen Debatten sind Filmemacher und Filmstars wie zum Beispiel Catherine Deneuve oder Juliette Binoche gefragte Gesprächspartnerinnen, und sie werden intellektuell für voll genommen - in Deutschland ist dergleichen unvorstellbar.
Das berührt auch die Filmkritik: Während Filmkritik in Deutschland oft an Gastro-Kritik erinnert - schmeckt der Film? Lohnt er das Geld? -, ist sie in Frankreich eindeutig Kunstkritik. Film steht in einer Reihe mit Bildender Kunst, Theater und Literatur. Schließlich ist der französische Kinobegriff international, nicht national: Zum Beispiel lebt Michael Haneke in Paris und spricht Französisch - er wird quasi adoptiert. Das französische Kino ist ein Weltentwurf!