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StartseiteFirmenporträtEnergie sparen mit Abwasser09.11.2012

Energie sparen mit Abwasser

Tüftler aus Südbaden sieht Energiequellen in der Kanalisation

Die Strompreise sollen deutlich steigen. Der südbadische Firmeninhaber Thomas Uhrig hat ein System entwickelt, das durch Wärmepumpen Abwasser als Energiequelle nutzt. Strom und Wärme kommen damit aus der Kanalisation.

Von Sebastian Bargon

Erhitztes Wasser läuft in den Abfluss und landet ungenutzt in der Kanalisation (Stock.XCHNG / Helle Bro)
Erhitztes Wasser läuft in den Abfluss und landet ungenutzt in der Kanalisation (Stock.XCHNG / Helle Bro)

Egal ob wir duschen, waschen, kochen oder die Geschirrspülmaschine anwerfen: Immer läuft erhitztes Wasser in den Abfluss und landet ungenutzt in der Kanalisation. Für Thomas Uhrig – er leitet die Kanaltechnikfirma mit 100 Mitarbeitern in der zweiten Generation – ist das pure Verschwendung. Schließlich habe der Verbraucher das Abwasser bereits bezahlt:

"Wenn man sich überlegt, dass die Abwärme, die wir in Deutschland produzieren, nahezu identisch ist mit dem kompletten Raumwärmebedarf, den wir in Deutschland haben, dann fragt man sich natürlich, warum schmeißt man die Energie weg und nutzt sie nicht? Warum kauft man die Energie ein? Weil diese Energie erzeugen wir ganz überwiegend mit Öl, Gas und Strom."

Thomas Uhrig hat mit dem sogenannten Therm-Liner ein System entwickelt, welches das erwärmte Abwasser in der Kanalisation als Energiequelle nutzt. Unterstützt wurde er von dem Diplomingenieur Peter Geueke:

"Über ein Wärmetauscherprinzip wird diese Wärme im Kanal abgegriffen und mittels einer Verbindungsleitung zu der Wärmepumpe, zu der Heizzentrale des bestehenden Gebäudes gebracht. Und diese Energie wird dann verwendet, um das Gebäude zu beheizen."

Die vorgeformten Wärmetauscher bestehen aus zwei Halbschalen und Verbindungskabeln. In der Edelstahlabteilung der Firma verbindet Fertigungsmeister Christian Becheler mit dem Schweißgerät Ober- und Unterschale, damit das Abwasser später durch einen Hohlraum fließen kann:

"Wir haben jetzt die vorgeformten Blechteile in die Vorrichtung gelegt. Es gibt für jede Wärmetauscherserie eine eigene Schweiß-Vorrichtung, um zu gewährleisten, dass jedes Teil wie das andere ist. Jetzt werden die Formteile zusammengeschweißt. Anschließend werden in der nächsten Vorrichtung Anbindeleitungen und Abdeckbleche angebracht."

Über 30 Mal hat die Firma bereits ihre Therm-Liner-Technik im In- und Ausland installiert. Firmenchef Thomas Uhrig ist stolz darauf, dass die Wärmetauschermodule für fast alle Kanalprofile tauglich sind und dass sie auch nachträglich in alte Kanäle eingebaut werden können:

"Das ist ein reines Ingenieurprodukt, ein Maßanzug. Jeder Wärmetauscher wird für den Kanal in Abhängigkeit von der Wassermenge, von dem Fließgefälle, von der Temperatur und dem Energiebedarf, den ich habe, bemessen und hergestellt. Also, wir haben noch nie einen Wärmetauscher hergestellt, der so ausgesehen hat wie ein vorangegangener."

Obwohl die Firma seit 2006 zwischen Berlin, Paris und Kopenhagen über 30 Referenzprojekte vorweisen kann, macht Thomas Uhrig bislang mit seinem Wärmetauschersystem noch keinen Profit. Da er jedoch von der neuen Energiequelle absolut überzeugt ist, finanziert er die Abwassernutzung mit den Gewinnen aus dem Tiefbaugeschäft und der Kanalsanierung. Für Einzelobjekte wie Einfamilienhäuser ist die Abwasserheiztechnik noch nicht wirtschaftlich, wohl aber für kommunale Gebäude, Sportanlagen, Verwaltungsgebäude und Neubaugebiete.

Bei weiter steigenden Energiepreisen könne sich die Anlage in acht Jahren amortisieren, so Peter Geueke:

"An diesen Neubaugebieten läuft oft ein Hauptsammler vorbei, ein Abwasserkanal, der sehr viel Abwasser führt. Und da sind einige Projekte in der Planung, wo man sagt, man baut ein Nahwärmenetz für dieses Neubaugebiet. Man baut mit 50 Wohneinheiten zum Beispiel als Richtwert und einer Heizzentrale, die diesen Abwasserhauptkanal anzapft und dann dieses Neubaugebiet mittels Abwasserwärme versorgt."

Laut einer Studie der Universität Stuttgart könnten zehn Prozent der Gebäude in Deutschland mit der Energie, die im Abwasser steckt, beheizt werden. Dennoch spielt die umweltfreundliche Technik, die keine neuen Leitungen braucht, bei den Planungen für die Energiewende bisher kaum eine Rolle. Dazu kommt, dass es nur wenige Anlaufstellen für Bauherren oder Investoren gibt, die sich für diese innovative Technik interessieren. Peter Geueke:

"Wenn sie das mit anderen erneuerbaren Energiequellen vergleichen wie zum Beispiel Wind: Es gibt Windkarten. Die werden momentan extrem entwickelt, um für die Planer eine Grundlage zu haben, wo könnte ich ein Windrad hinsetzen? Oder es gibt hydrogeologische Karten, wo begünstigte Gebiete ausgeschrieben werden für die Geothermie. Damit hat ein Planer ein Werkzeug in der Hand um seine Ressource einzuplanen. Aber bei dem Thema Abwasser gibt es das nicht."

Um der Ressource Abwasser eine faire Chance zu geben, fordert der Unternehmer Thomas Uhrig, dass in größeren Städten und Gemeinden Potenzialstudien durchgeführt und publiziert werden. Dann könnten die Planer der Energieagenturen das gesamte Spektrum der regenerativen Energiequellen analysieren. Uhrig sieht neben der Unabhängigkeit von ausländischen Energielieferanten auch den immensen volkswirtschaftlichen Nutzen:
"Wir reden da von einer Summe an die zehn Milliarden Euro, die wir eben nicht ins Ausland schicken müssten, die wir hier wieder nutzen könnten. Und wenn man nur 10 oder 20 Prozent von dem, was wir als Volkswirtschaft sparen, wieder investieren würde in Wärmepumpentechnik, in Wärmetauscher und so weiter, hätten wir ein gigantisches Konjunkturprogramm."

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