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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturWarum der Brexit nicht überraschend kam21.06.2021

England und seine GeschichteWarum der Brexit nicht überraschend kam

Vor fünf Jahren entschied sich eine Mehrheit der Briten für den Austritt des Landes aus der EU. Der britische Schriftsteller und Germanist James Hawes hatte den Brexit kommen sehen. Er hat eine historische Erklärung parat: Es liege an der uralten Spaltung der britischen Gesellschaft.

Von Benjamin Dierks

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Das Buchcover von James Hawes: Die kürzeste Geschichte Englands vor britischen Flaggen (Buchcover Ullstein Verlag / Hintergrund (c) Ole Spata/dpa)
James Hawes: Die kürzeste Geschichte Englands (Buchcover Ullstein Verlag / Hintergrund (c) Ole Spata/dpa)
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England heißt noch nicht einmal England, da hat der Autor James Hawes schon die erste Kluft im Land zwischen dem Norden und dem Süden ausgemacht: Vor mehr als 2.000 Jahren, 55 vor Christus, Julius Caesar macht sich das erste Mal auf den Weg zur Insel - zunächst nicht als Eroberer, sondern als Entdecker.

Im Landesinnern stößt er auf die alteingesessene Bevölkerung, an der Südküste hingegen auf zugewanderte Belgier, die noch äußerst streitlustig sind. 150 Jahre später hat der Südosten sich mit den römischen Eroberern arrangiert. Die Region ist eine wohlhabende und friedliche Kolonie. Der Westen und der Norden hingegen machen es Rom – und vielleicht sich selbst – nicht so leicht. Diese Teilung ist der rote Faden, der sich von da an durch "Die kürzeste Geschichte Englands" von James Hawes zieht.

"Drei Jahrhunderte vor der Eroberung durch die Normannen waren die Grenzen zwischen England und seinen Nachbarn im Grunde genommen dieselben wie heute. Und bereits damals wurde von einem Nord-Süd-Gefälle unter den Engländern gesprochen."

Geografische und kulturelle Kluft

Bald fallen die Wikinger ein. Sie verstärken die Gegensätze. Und die Normannen? Sie reißen mit ihrem Feldzug gegen den Norden und ihrer kulturellen Hegemonie einen Graben, der die nunmehr französisch sprechenden Eliten, so erzählt es Hawes, bis heute von den gewöhnlichen Engländern trennt.

"Die gewöhnlichen Engländer – 90 Prozent der Bevölkerung – wurden ohne eigene Führung zurückgelassen. Indem sie die Sprache und Kultur ihrer Eroberer annahm, hatte sich die überlebende englische Elite auf Dauer vom Rest ihrer Bevölkerung entfernt." 

In den Rosenkriegen wird die Sprache des Südens der Inbegriff von Bildung, der Norden fällt weiter ab.

Diese Ungleichheit halle bis heute nach, sagt James Hawes: "Das Land war immer von der Geografie, von der Geologie, von der Kultur gespalten, wurde dann – die Engländer vergessen es allzu leicht selber – 400 Jahre lang von einer Elite regiert, die Französisch sprach, woraus es sich ergibt, dass bis heute die englische Elite und das englische Volk fast verschiedene Sprachen sprechen."

"Das Weltreich ist längst hin"

Der Germanist und Schriftsteller Hawes machte vor vier Jahren bereits auf sich aufmerksam, als er "Die kürzeste Geschichte Deutschlands" verfasste. Darin argumentierte er, dass die Teilung in West- und Ostdeutschland keinesfalls künstlich, sondern bereits in den Grenzen des historischen Deutschlands entlang der Elbe angelegt gewesen sei.

Nun nimmt er sich England vor und wieder einmal verlaufen die historischen Trennungslinien entlang eines Flusses: Was in Deutschland die Elbe war, ist Hawes zufolge in England der Trent, der durch die Midlands fließt. Der Fluss ziehe nicht nur eine für lange Zeit unüberwindbare geografische Grenze, sondern auch eine sprachliche, ökonomische, politische, religiöse und soziale.

Hinzu kommen Klassenunterschiede, die sich verschärfen, als im 16. Jahrhundert bis dahin gemeinschaftlich genutztes Ackerland allein Gutsbesitzern zugesprochen wird.

"Einhegungen machten Landbesitzer reicher, halfen der besser gestellten Bauernschaft und schufen den größten destabilisierenden Faktor jeder Gesellschaft: eine Klasse Armer ohne Hoffnung, dass für sie je etwas besser werden könnte." 

Auch die Industrialisierung lässt den Norden mit seinen Bodenschätzen und seiner Arbeitskraft nur kurz aufblühen. Er schafft es nicht, zum elitären Süden aufzuschließen. Das Empire und das Vereinigte Königreich weiten die Herrschaft zwar aus, vermögen es in Hawes Lesart aber allenfalls vorübergehend, nationale Einheit zu schaffen.    

Ein Taschenspielertrick

James Hawes: "Das Land zusammen mit seinen tiefen historischen Spaltungen hat sich sozusagen seit 300 Jahren hinter Großbritannien, hinter dem Vereinigten Königreich und natürlich hinter dem Weltreich verschanzt. Jetzt aber ist das Weltreich längst hin. Irland ist längst weg, Schottland wird auch bald hin sein. Und dann stehen wir Engländer alleine auf der Welt und werden uns endlich die Frage stellen müssen, was wir wirklich sind."

Was Hawes da beschreibt, ist freilich eine Folge des Brexit - und hier stoßen wir zum Motiv seiner Erzählung vor. Während die Befürworter des EU-Austritts davon tönen, das Vereinigte Königreich zu neuer alter Größe und Einheit zu führen, ist Hawes vom genauen Gegenteil überzeugt.

Für ihn ist der Brexit der Taschenspielertrick einer konservativen Clique um den heutigen Premierminister Boris Johnson, die die lange Spaltung des Landes instrumentalisiert hat, um sich als Retter des englischen Volks aufzuspielen.

"Nicht zum ersten Mal wurden die Engländer dazu aufgefordert, ihrer europafreundlichen, freiheitsberaubenden, hochtrabend fremdländisch sprechenden Elite einen kräftigen Tritt zu verpassen, und zwar von einem vollwertigen Mitglied eben jener Elite. Und nicht zum ersten Mal taten sie genau das." 

Geschichte und Polemik

Hawes schreibt nicht die, sondern eine Geschichte Englands. Seine Perspektive ist gerade in einer Zeit interessant, in der die Geschichte Englands und Großbritanniens hoch umstritten ist. Brexiteers auf der einen Seite beschwören die Größe Englands, kritische Stimmen stellen auf der anderen Seite die Kolonialvergangenheit des Königreichs in Frage. 

Das Buch ist von Beginn an von Hawes’ These der Teilung getrieben. Und es hilft, sie im Blick zu behalten. Andernfalls lässt sich bei dem halsbrecherischen Tempo, mit dem Hawes auf 385 Seiten durch 2000 Jahre Geschichte pflügt, schon mal der Faden verlieren. Vor allem im ersten Teil fliegen die Namen von Königen, Herzogen und Grafen nur so an einem vorbei.

Wer aber bereit ist, Hawes These zu folgen – oder sich daran zu reiben – und sein Buch nicht nur als historische Abhandlung zu verstehen, sondern auch als Polemik, liest "Die kürzeste Geschichte Englands" mit großem Gewinn.

James Hawes: "Die kürzeste Geschichte Englands"
Aus dem Englischen übersetzt von Stephan Pauli
Ullstein Verlag, 400 Seiten, 10 Euro

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