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StartseiteForschung aktuell"Erkrankungszahlen sollten der Kernfokus sein, nicht die Infektionszahlen"09.10.2020

Epidemiologe Gérard Krause"Erkrankungszahlen sollten der Kernfokus sein, nicht die Infektionszahlen"

Der Epidemiologe Gérard Krause plädiert dafür, bevorzugt Personen mit Symptomen auf das Coronavirus zu testen. Die Massen in den Blick zu nehmen, sei hingegen weniger wichtig. Es sei davon auszugehen, dass Erkrankte tatsächlich maßgeblicher zu der Übertragung beitragen, sagte er im Dlf.

Gérard Krause im Gespräch mit Ralf Krauter

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Krankenhausbetten stehen in einer Messehalle auf dem Messegelände Hannover. Seit dem Frühjahr wird für den Fall hoher Infektionszahlen mit dem Coronavirus ein Behelfskrankenhaus mit über 400 Betten vorgehalten. Im Einsatz war das Notfall-Krankenhaus bisher nicht.  (dpa / Julian Stratenschulte)
„Wenn man große Testkampagnen macht, dann wird man eine große Zahl positiver Tests finden von Menschen, die gar nicht erkrankt sind“, sagte Krause im Dlf. (dpa / Julian Stratenschulte)
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Es sei wichtiger, dass die wichtigen Laborbefunde schnell zur Verfügung stehen, "als dass wir Laborbefunde für einen großen Teil der Bevölkerung haben, wo wir jetzt schon vorhersagen können, dass die allermeisten davon negativ ausfallen", erläuterte Krause. Schließlich sei davon auszugehen, dass Personen mit Krankheitssymptomen stärker zur Übertragung des Virus beitragen.

Der Wissenschaftler forderte, Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie nicht von einem einzigen Parameter abzuleiten. "Es ist wichtig zu bedenken, dass die Infektionszahlen eigentlich nicht unser Kernfokus sein sollten, sondern die Erkrankungszahlen", sagte Krause. Auch Faktoren wie die Altersverteilung der Fälle oder der Schweregrad müssten dauerhaft im Blick behalten werden.

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Den vermehrten Einsatz von Antigen-Schnelltests, die bereits innerhalb von 15 Minuten Ergebnisse liefern könnten, befürwortet Krause grundsätzlich. Zugleich sei es wichtig, dass diese Tests ausschließlich durch Fachpersonal durchgeführt würden. "Wenn man nämlich die Probenentnahme ungeschickt macht oder nicht geschult durchführt, dann kann sie falsch negativ ausfallen, und dann hätten wir genau das, was wir nicht wollen."

  (HZI / Janos Krüger) (HZI / Janos Krüger)Gérard Krause
Nach Studium und Promotion der Humanmedizin arbeitete Gérard Krause u.a. am Universitätsklinikum Heidelberg im Bereich Tropenmedizin und später als "epidemic intelligence service officer" an den Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta. Im Jahr 2000 wechselte Krause ans Robert Koch-Institut (RKI), wo er von 2005 bis 2013 die Abteilung für Infektionsepidemiologie leitete. Krause habilitierte sich an der Charité Universitätsmedizin in Berlin im Fach Epidemiologie und Hygiene und gründete dort den Masterstudiengang für angewandte Epidemiologie. Seit 2011 ist der Wissenschaftler Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

Quellen: helmholtz-hzi.de, fz-juelich.de

Ralf Krauter: Wie brenzlig ist die Corona-Lage in Deutschland gerade? Läuft die Entwicklung aus dem Ruder oder haben wir das Infektionsgeschehen im Großen und Ganzen noch im Griff? Lothar Wieler, der Präsident des Robert Koch-Instituts, erklärte gestern, es sei möglich, dass wir schon bald über 10.000 Neuinfektionen pro Tag zu verzeichnen haben. Aber wenn er Recht hat: Müssten wir dann nicht stärker auf die Bremse treten, mit strikteren Maßnahmen zur Eindämmung der Virusausbreitung? Gérard Krause leitet die Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Ich habe ihn vor der Sendung gefragt: Welche maximale Zahl an Neuinfektionen wäre längerfristig akzeptabel in Deutschland?

Gérard Krause: Ich tue mich schwer damit, eine maximale Zahl zu definieren. Ich finde auch, dass wir unsere Maßnahmen nicht an einer Maßzahl überhaupt orientieren sollten. Zusätzlich ist es wichtig zu bedenken, dass die Infektionszahlen eigentlich nicht unser Kernfokus sein sollten, sondern die Erkrankungszahlen. Wir haben in den letzten Monaten die Situation, dass unter den Fallmeldungen der Anteil der Infektionszahlen, die nur aufgrund von Laborbefunden entstanden sind, deutlich gestiegen ist. Die Anzahl der Erkrankten ist auch gestiegen, aber wesentlich langsamer. Für mich ist die Anzahl der Erkrankungen doch auch ein sehr wichtiger Parameter, weil er darüber bestimmt, erstens, wer wird überhaupt krank, zweitens, ist davon auszugehen, dass die Leute, die erkrankt sind, tatsächlich maßgeblicher zu der Übertragung beitragen. Und: Das ist auch ein Vorbote für die schweren Erkrankungen, die ja eigentlich das sind, was uns wirklich bekümmert.

Krauter: Aber wie würden denn dann jetzt Behörden und Gesundheitsämter am besten damit umgehen, also welche Parameter sollten die zurate ziehen? Geht es denn auch um die freien Intensivmedizinbetten, die man noch hat, was zum Beispiel manche Experten fordern, dass das einbezogen werden müsste in die Kalkulation?

Krause: Unbedingt, wir müssen mehrere Parameter bedenken. Wir müssen schauen, wie ist die Altersverteilung der Fälle, wir müssen schauen, wie ist der Schweregrad der Erkrankung, also nicht erst nur warten, bis die Intensivversorgungsnotwendigkeit besteht, und wir müssen schauen, welche sind dann wirklich so schwer erkrankt, dass sie intensivmedizinisch betreut werden müssen. Ich hab jetzt hier schon mindestens vier Parameter genannt, die sich relativ einfach aus den Statistiken ableiten lassen, die uns zur Verfügung stehen, die wir miteinander vergleichen und in Beziehung setzen müssen. Eine einzige Maßzahl ist sicherlich nicht ausreichend, um daran allein die Strategien und die Maßnahmenpakete abzuleiten.

"Es ist wichtiger, dass die wichtigen Laborbefunde schnell zur Verfügung stehen"

Krauter: Das heißt aber, dass dieser Grenzwert 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche, der ja bisher noch gilt, dass der möglicherweise dann auch weniger gewichtet werden muss.

Krause: Unbedingt. Ich hab sowieso nie verstanden, wo der herkommt. Es wäre auch mal interessant zu erfahren, wie man auf den Wert gekommen ist. Wie gesagt, ich halte die Zahl der Erkrankungen für die maßgeblichere als die Zahl der Infektionen, denn die Zahl der Infektionen ist ganz, ganz anfällig für die Testaktivität. Wenn man große Testkampagnen macht, dann wird man eine große Zahl positiver Tests finden von Menschen, die gar nicht erkrankt sind.

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Krauter: Aber wenn man auf die Erkrankungen schaut, hat man dann nicht noch mehr Nachlauf? Das ist ja eins der Gegenargumente, die auch schon geäußert wurden, die Testergebnisse sind ja auch schon immer mit einer Woche Verzögerung zu werten. Wenn man wartet, bis die Leute dann auch noch krank werden, läuft man zwei Wochen der aktuellen Entwicklung hinterher, oder?

Krause: Nein, nicht notwendigerweise. Das Gesundheitsamt erfasst ja schon systematisch die Erkrankungen. Für jede Fallmeldung geht das Gesundheitsamt hin und recherchiert, ob die Person Symptome hat oder nicht. Das kann zeitnah erfolgen, es könnte sogar sehr viel zeitnäher erfolgen, wenn man beim ganzen Testen sich auf die Personen konzentrieren würde, wo die Testergebnisse wirklich relevant sind. Dann würde nämlich diese Verzögerung beim Bereitstellen des Laborergebnisses nicht so groß ausfallen. Das halte ich für ein weiteres großes Problem. Es ist wichtiger, dass die wichtigen Laborbefunde schnell zur Verfügung stehen, als dass wir Laborbefunde für einen großen Teil der Bevölkerung haben, wo wir jetzt schon vorhersagen können, dass die allermeisten davon negativ ausfallen – das wissen wir ja auch schon aus der Beobachtung.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Krauter: Das heißt ein klares Plädoyer dafür, eben nur tatsächlich Betroffene oder bei Menschen mit begründetem Verdacht auch zu testen. Nun gibt es Leute, die große Hoffnung setzen auf sogenannte Antigen-Schnelltests, die innerhalb von 15 Minuten schon Ergebnisse liefern können. Erste Produkte sind auf dem Markt, und die Hersteller sagen, wenn wir die massenhaft einsetzen und jeden Deutschen, ich sag mal, zweimal pro Woche so einen Test machen lassen, dann könnten wir flächendeckende Lockdowns verhindern. Ist das realistisch?

Krause: Das Potenzial dieser Antigen-Nachweise ist sehr groß, weil sie tatsächlich den Gang zum Labor ersparen und dass man an Ort und Stelle das Ergebnis finden kann. Daraus jetzt zu schließen, dass man regelmäßig alle soundso viel Tage testet, halte ich für Unsinn, aber man kann diese Methode tatsächlich für die kritischen Bereiche sehr gut einsetzen. Zum Beispiel bei Besuchen von Krankenhäusern, bei Besuchen von Altenheimen, bei pflegendem Personal, bei medizinischem Personal, da wäre das sehr, sehr hilfreich. Es hat allerdings einige Aspekte, die man wirklich bedenken muss: Zum einen muss man sehr sorgfältig prüfen, ob die Zuverlässigkeit dieser Tests tatsächlich so ist, wie sie angekündigt worden ist. Das andere ist, dass die Wertigkeit dieser Tests ganz stark davon abhängt, wie gut die Probenentnahme erfolgt. Wenn man nämlich die Probenentnahme ungeschickt macht oder nicht geschult durchführt, dann kann sie falsch negativ ausfallen, und dann hätten wir genau das, was wir nicht wollen. Dass diese Probe direkt vor Ort getestet werden kann, ist ein gigantischer Fortschritt, aber es ist nicht so, dass man es einfach so als Selbsttest durchführen kann. Insbesondere, wenn die betroffene Person ein Eigeninteresse hat, dass das Testergebnis negativ ist, dann muss man ja befürchten, dass vielleicht sogar mutwillig die Probenentnahme, wenn man es selbst durchführt, so gemacht wird, dass sie negativ ausfällt, und das müssen wir unbedingt verhindern. Ich glaube, wir kommen also nicht drumherum, dass diese Vor-Ort-Tests, diese Schnelltests von geschultem Personal durchgeführt werden, und das wird auch Ressourcen kosten.

"Grundsätzlich sind die Erhebungssysteme vorhanden"

Krauter: Kommen wir zum Schluss, Herr Professor Krause, noch mal auf diese zusätzlichen Parameter für die Lagebeurteilung zu sprechen, über die wir vorhin geredet haben, also freie Krankenhausbetten, Altersverteilung der neu Erkrankten, Zahl der tatsächlich Erkrankten: Sind die Entscheider denn heute schon in der Lage, diese Informationen zu bekommen, die sie brauchen, um kluge Entscheidungen zu treffen?

Krause: Absolut. Die Systeme stehen, das jetzige Meldesystem in Deutschland sieht bereits vor, dass diese Informationen erfasst und übermittelt werden. Es gibt schon auch ein paar Handicaps, das ist wahr. Ich hab mir die Daten neulich erst noch angeguckt und hab gesehen, dass zum Beispiel der Anteil der Fallmeldungen, wo die Information zum klinischen Bild vom Gesundheitsamt mitgeliefert wird, dass dieser Anteil geringer geworden ist. Das bedeutet, ein größerer Anteil von Meldungen kommt jetzt an der Landesbehörde und beim Robert Koch-Institut an mit der Information: Wir wissen nicht, ob die Person Symptome hat oder nicht. Das ist natürlich nicht gut, sondern wir sollten möglichst komplett wissen, ob Symptome vorliegen oder nicht, das ist ein wichtiger Punkt, aber grundsätzlich sind die Erhebungssysteme vorhanden, und es ist eigentlich keine Schwierigkeit, diese Daten verfügbar zu machen.

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Krauter: Wie gut werden wir durch den Herbst kommen, was glauben Sie?

Krause: Das hängt ganz stark davon ab, wie wir uns verhalten, welche Politik wir betreiben, welche Strategien wir in den Vordergrund setzen. Ich bin der Meinung, dass wir unsere ganze Aufmerksamkeit dem Schutz der alten Personen, der Personen mit Risikofaktoren zuwenden müssen. Wir haben gerade hier in unserer Gruppe die wissenschaftliche Literatur dazu systematisch ausgewertet und haben festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit, an COVID zu sterben, um ein Zigfaches erhöht ist, wenn man ein entsprechend hohes Alter hat – die Assoziation ist wirklich bemerkenswert hoch. Darauf müssen wir reagieren und müssen deswegen zusehen, dass wir alle unsere Ressourcen, unsere Kreativität und Aufmerksamkeit auf den Schutz der betagten Personen in den Altenheimen und auch bei den mobilen Pflegediensten investieren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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