Sonntag, 25. September 2022

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Erjagte Augenblicke

Thomas Oberender war Schauspieldirektor in Salzburg bei den Festspielen und ist jetzt neuer Chef der Berliner Festspiele. Außerdem hat er ein Faible für die Fotografie. Mit ihr würde man der Wirklichkeit ein Denkmal im Abbild errichten, sagt der Dramaturg und Autor.

Thomas Oberender im Gespräch mit Michael Köhler | 02.01.2012

    Michael Köhler: "Die Zeit ist ein sonderbares Ding, und wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie: Sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen, in Gesichtern rieselt sie, im Spiegel rieselt sie, in meinem Schläfen fließt sie, und zwischen mir und dir fließt sie wieder – lautlos wie eine Sanduhr." Hugo von Hofmannsthal dichtete dies im "Rosenkavalier" vor über 100 Jahren. Über Zeit und Dauer sprechen wir hier in dieser Neujahrsserie ein wenig mit Künstlern oder Theatermachern und auch Intellektuellen, und mit dem 45-jährigen Dramaturgen und Autor Thomas Oberender – er war Schauspieldirektor in Salzburg bei den Festspielen, ist jetzt neuer Chef der Berliner Festspiele – habe ich auch über Zeit und Dauer gesprochen, und ihn nach einer Art Hobby zuerst gefragt. Ist eines der erfolgreichsten technischen Medien, nämlich die Fotografie, eines Ihrer Hobbys? Stimmt es, dass Sie Fotografien des 19. Jahrhunderts sammeln?

    Thomas Oberender: Ich kaufe gelegentlich Bilder, möglichst aus dem 19. Jahrhundert, aber sozusagen ohne, das sonderlich systematisch oder gar nach Fotografen geordnet zu betreiben.

    Köhler: Was reizt Sie daran? Es ist ja eines der erfolgreichsten technischen Medien und eines der bedeutsamsten nach der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg, weil es so etwas Abgründiges verspricht wie Dauer.

    Oberender: Ja, zunächst ist es aber auch sozusagen das Trivialste. Es ist ein Medium – wir können uns heute gar nicht mehr vorstellen, welche pferdewagengroßen Apparaturen zu Beginn der Fotografie durch die Landschaft bewegt wurden, um Naturaufnahmen zu machen oder architektonische Aufnahmen. Aber die Geschichte der Fotografie ist ja auch eine der Demokratisierung dieser Technologie. Also das heißt, es ist sicher, die Hälfte aller Aufnahmen entsteht ja eigentlich, ohne dass irgendjemand Kunst machen möchte. Das hat auch immer etwas mit diesem Aufbewahren, mit diesem Festhalten zu tun, einer Zeit, die sozusagen alles, was da im Moment erblickt wird, sofort zur Vergangenheit macht. Und das ist natürlich irgendwo auch magisch.

    Köhler: Sie ist unbestechlich, sie ist vorurteilsfrei – manche haben in der Frühzeit auch gesagt, sie sei seelenlos, weil sie so ein technisches Medium ist. "Die Seele in der Silberschicht" heißt ein berühmtes Buch der Fototheorie. Ein Foto enthält was, was man später vielleicht mal vermisst. Ein Foto ist immer auch ein Stück Vermisstenanzeige und hat deshalb was Gespenstisches. Wir kennen das, wenn wir Bilder sehen von uns selber als Kindern, auf so Schwarz-Weiß-Fotos, die noch so einen Wellenrand haben, so aus den 60ern vielleicht, oder von Angehörigen, die schon nicht mehr leben. Will sagen, das Foto ist noch dann, wenn wir nicht mehr sind, und es ist auch schon dann, wenn wir noch nicht sind, also Ultraschallfotos sind so das andere Ende der Kette. Wir haben ganz verlernt, dass das auch was Gespenstisches hat, dieses Medium der Aufbewahrung, ne?

    Oberender: Ja, ja. Es gibt ja so die berühmten Erinnerungen an die Reaktionen der sogenannten Naturvölker, die im fotografischen Bild auch immer eine Beraubung ihrer Seele durch die Aufnahme befürchten, und tatsächlich ist ja sozusagen das Wort aufnehmen von einer unglaublich schönen Plastizität. Es ist ja so, als würde man sozusagen der Wirklichkeit ein Denkmal im Abbild errichten, dass sozusagen die Qualitäten des Originals nahezu unverfälscht in die Zeitlosigkeit überführt, nicht? Das ist so eine Suggestion, die von der Fotografie ausgeht. Der Maler – das fand ich immer faszinierend in der Beschäftigung mit Malerei – ist letztlich für uns als Bildbetrachter spürbar, wenn wir uns ungefähr so auf diese Armlänge vor das Gemälde stellen, und letztlich das Bild dann sehen, so wie er es im Malen gesehen hat, also im Akt des Malens. Und das heißt, man kann sozusagen mit dem Schöpfer des Bildes ungefähr in die Situation eintreten, die beim Entstehen des Bildes genau so wirksam ist wie beim Betrachten, nämlich eben diese Armeslänge. Und darin erschließt sich sehr, sehr oft auch noch mal der Blick des Malers, also wie er mit der Farbe, mit der Perspektive, mit den Kontrasten umgeht. Man kann tatsächlich seine Position einnehmen. Das kann man beim Foto nicht. Aber Sie haben letztlich nie das unmittelbare Verhältnis in der Begegnung mit der Wirklichkeit, wie das der Maler zur Leinwand hat – das haben Sie nie im Verhältnis zum Bild, ja? Also zum Abbild der Fotografie.

    Köhler: Ich greife dieses Wortfeld jetzt der Kunst und Malerei gerne auf aus zwei Gründen. Erstens: Die frühen Fotografen waren – das ist auch in Vergessenheit geraten – alles ursprünglich mal Dekorationsmaler. Also der Daguerre, der Marais, der Ottomar von Anschütz – alles gelernte Dekorationsmaler, und die fangen dann an, die Reihenfotografie und so was zu entwickeln. Ich spreche mit Thomas Oberender, langjähriger Chef der Salzburger Festspiele, jetzt Chef der Berliner Festspiele, also einem Kunst- und Theatermann, wenn ich so salopp sagen darf. Weil wir bei unserem eigenen Anfang irgendwie nicht selber dabei sind, müssen wir davon erzählen. Das ist so die Idee des Mythos, also Ursprungserzählung, Geburt, Anfangserzählung. Ist Kunst, und damit auch das, was Sie machen, Theater, nicht auch so eine Art nachträglicher Fotografie von kulturellen Zeitabschnitten, also auch eine Erzählungsform?

    Oberender: Es ist nicht möglich, mit Kunst nichts zu sagen, ja? Also selbst, wenn das als nichtssagend empfunden wird, es ist quasi so ein Kommunikationsgebot. Sie können nicht kommunizieren. Und das heißt, wir werden – ob wir eine Fotografie betrachten oder eine Aufführung – wir werden immer mit einer Form von Botschaft, Aussage, Erzählung konfrontiert, und schreiben die dann sozusagen in unserer eigenen Wahrnehmung weiter und fort. Und was mich so an der Fotografie fasziniert, aber das ist eigentlich in einem ganz anderen Sinne auch für das Theater zu beschreiben ist, Kunst hat sozusagen eine vage Zeitlosigkeit. Ein wirklich großes Kunstwerk funktioniert sozusagen über die eigene Epoche hinaus auch noch Hunderte von Jahren später, auch Tausende von Jahren später. Ich ...

    Köhler: Darum gucken wir uns Shakespeare und die antiken Dramatiker an.

    Oberender: Zum Beispiel, oder schauen Sie sich die antiken Plastiken an. Und gleichzeitig, wenn wir jetzt an die Fotografie denken, ist es natürlich ein absolut zeitliches Medium, nicht? Es geht immer um die Aufnahme, um den Schnappschuss, um diesen erjagten Augenblick, ja? Und diese verrückte Ambivalenz, dass also in dieser hochverdichteten Augenblickhaftigkeit dann doch so etwas entstehen kann, das sozusagen zum Inbild, zu etwas ganz Bleibendem und sozusagen neben der Zeit als eine eigene Zeit oder Form von Zeitrechnung existierendes Werk entsteht, das ist sicher an der Fotografie, die sozusagen das schnellste Medium lange Zeit war und vielleicht auch immer noch ist, also auch in ihren Wandlungen, etwas sehr Faszinierendes, im Übrigen auch dann auf einer ganz anderen Weise verwandt mit dem Theater, nicht? Das Theater ist ja sozusagen auch eine Präsenzkunst. Sie werden Aufführungen eben immer nur im Hier und Jetzt und im Augenblick verfertigt erleben, und auch nie – so alt das Stück auch ist, Sie können es halt immer nur jetzt, jetzt heute erleben und auch darin ein im Medium begründetes, ganz eigentümliches Verhältnis zur Zeit. Das ist nie nur jetzt.

    Köhler: Der erjagte Augenblick bringt mich zu einer Formulierung, um ein Gottfried-Benn-Wort spontan abzuwandeln: Wer Theater macht, ist nicht tot.

    Oberender: Ja, aber er spielt sozusagen dauernd Tote, das ist das Verrückte. Wer Theater macht, hat sich ja entschieden – in der Regel jedenfalls, in einer zumindest traditionellen Form von Theater –, dass er die Leichen belebt, ja? Also im Grunde eine der größten Erfindungen des menschlichen Geistes sind Figuren. Wie so was Verrücktes wie Hamlet überhaupt entstehen kann, dass Sie über Jahrhunderte sozusagen in eine Figur etwas von der Melancholie des Lebens und der Tragik verstehen, weil es darin so gebündelt ist, oder in einem Gretchen oder Faust – aber grundsätzlich sind das ja alles vergangene Figuren, keiner lebt mehr. Aber wir leben, erkennen uns in diesen herbeibeschworenen, diesen auch irgendwo festgehaltenen, aufgenommen großen Charakteren, und wer sie spielt, spielt im Grunde – das ist vielleicht auch die Wurzel des Theaters –, dass die Toten wiederkehren, auch für eine bestimmte Zeit. Und es wird nur im Theater nicht wirklich gestorben.

    Köhler: Sagt Thomas Oberender, Dramaturg, Autor, Chef der Berliner Festspiele in unserer Serie "Wir schenken Ihnen Zeit" über erjagte Augenblicke, Dauer und lebende Leichen auf der Bühne.

    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

    Weitere Teile der Serie: "Wir schenken Ihnen Zeit"

    Teil I - Der Soziologe Hartmut Rosa über Kunst und die Beschleunigungskultur
    Teil III - Gesine Schwan über Demokratie und Gemeinsinn
    Teil IV - Opernsängerin Edda Moser: Ein Loblied auf die deutsche Sprache
    Teil V - Kulturpolitikerin Monika Grütters über die Rolle der Kultur in multi-ethnischen Gesellschaften
    Teil VI - Der Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski über die Chancen des Philosophierens
    Teil VII - Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu im Gespräch über das Ruhrgebiet
    Teil VIII - Die Schriftstellerin Juli Zeh über Krisenhysterie und Schwangersein