Dienstag, 24. Mai 2022

Deutschlandfunk-Nachrichten
Warum wir nicht mehr täglich die RKI-Zahlen nennen

Zwei Jahre lang haben wir in den Deutschlandfunk-Nachrichten jeden Tag über die vom Robert Koch-Institut registrierten Zahlen zur Corona-Pandemie berichtet. Seit dem 5. Mai 2022 geschieht das nicht mehr. Hier sind die Gründe.

Von Annette Meisters | 11.05.2022

Illustration: Coronavirus in Rot
Seit mehr als zwei Jahren Gegenstand intensiver Berichterstattung in den Medien: das Coronavirus. (picture alliance / Maximilian Schönherr)
Wie häufig war die Zahl der Neuinfektionen seit März 2020 der Aufmacher in den Deutschlandfunk-Nachrichten im Radio? Wie oft stand die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz ganz oben auf unserer Webseite? Wir haben es nicht gezählt. Aber es gab Zeiten, da gehörte es für viele Menschen zu den ersten Dingen des Tages, sich über die aktuellen RKI-Zahlen zu informieren. Wenn das Robert Koch-Institut einmal technische Probleme hatte und wir die Zahlen deshalb erst mit Verspätung vermelden konnten, bekamen wir Anrufe und Zuschriften von verunsicherten Hörerinnen und Nutzern.
Denn die Sieben-Tage-Inzidenz und die Zahl der Neuinfektionen, etwas später auch die Hospitalisierungsrate, vermittelten uns lange Zeit eine Vorstellung davon, wie die Pandemie in Deutschland sich gerade entwickelte und in welchem Umfang sie das Gesundheitssystem belastete. Epidemiologen, Virologinnen und Modellierer hatten uns in zahllosen Interviews erklärt, wie die vom RKI veröffentlichten Zahlen zu interpretieren seien. Und jetzt?
Jetzt sagen einige Parameter, auf die wir uns in den vergangenen Monaten verlassen haben, nicht mehr viel aus. Die Zahl der registrierten Neuinfektionen sinkt kontinuierlich. Sicher auch, weil sich weniger Menschen mit dem Sars-Cov-2-Virus infizieren als noch zu Beginn des Jahres. Denn das Wetter wird besser, man verbringt wieder mehr Zeit im Freien und steckt sich nicht so leicht an.

Mit steigender Dunkelziffer sinkt die Aussagekraft der Inzidenz

Doch dass deutlich weniger Fälle registriert werden als noch vor zwei Monaten hat weitere Ursachen. Die meisten Menschen lassen sich weniger regelmäßig testen als noch im März, als sich die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz der 2.000 näherte. Viele erfahren also gar nicht, dass sie sich mit dem Coronavirus infiziert haben, denn sie verspüren auch keine Symptome. Andere machen zwar zuhause einen Schnelltest und bekommen ein positives Ergebnis, lassen dieses aber nicht durch einen PCR-Test bestätigen. Das heißt, die Gesundheitsämter erfahren nichts von der Infektion, offiziell bleibt sie unerkannt.
Das alles treibt die Dunkelziffer der Corona-Neuinfektionen in die Höhe - und senkt die Aussagekraft der Sieben-Tage-Inzidenz.

Das Problem der verzögerten Daten-Übermittlung

Doch selbst wenn eine Infektion offiziell erfasst wird, erfährt das RKI nicht unbedingt sofort davon. Denn seit Anfang Mai werden aus den meisten Bundesländern die Neuinfektionen nur noch montags bis freitags ans RKI übermittelt. Ansteckungen, die am Wochenende bestätigt wurden, werden von den Gesundheitsämtern zu Beginn einer jeden Woche "nachgemeldet" - und verfälschen die Ergebnisse am Folgetag.
So meldete das RKI am 2. Mai 2022, einem Montag, zum ersten Mal seit Monaten keine neuen Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Was nach einer guten Nachricht klang, war lediglich dem Umstand geschuldet, dass die Gesundheitsämter die Zahlen vom Wochenende schuldig geblieben waren. Am 3. Mai wurde "nachgemeldet" - und die Zahl der Verstorbenen stieg von 0 auf 240.

Die Dlf-Nachrichten ziehen Konsequenzen

Wir haben uns deshalb entschieden, die vom Robert Koch-Institut veröffentlichten Zahlen nicht mehr täglich zu nennen. Stattdessen werden wir uns künftig auf den Wochenbericht konzentrieren, den das RKI donnerstags auf seine Internetseite stellt. So wollen wir verhindern, dass von Tag zu Tag stark schwankende Zahlen das Bild verzerren. Nach Rücksprache mit internen und externen Expertinnen und Experten halten wir dies derzeit für den sinnvollsten Weg, Sie über den Stand der Pandemie zu informieren. Sollten die Lage oder neue Erkenntnisse es erforderlich machen, werden wir über diese Frage neu entscheiden.