Samstag, 21. Mai 2022

Von der Corona-Pandemie zur Endemie
Ins Ziel - aber wie?

Könnte Omikron das Ende der Pandemie einläuten? Der Weg zurück in die Normalität ist nicht ohne Risiken. Deutschland ringt mit einer niedrigen Impfquote, für Kinder unter fünf ist ein Vakzin noch nicht zugelassen. Das Virus wird endemisch werden, die Frage ist, zu welchem Preis.

23.01.2022

An einem Corona-Testzentrum wird einem Mann ein Nasenabstrich abgenommen.
An einem Corona-Testzentrum wird einem Mann ein Nasenabstrich abgenommen. (picture alliance / SVEN SIMON)
Seit Ende November rauscht die jüngste Corona-Variante mit Rekordzahlen durch die Welt; Und trotzdem ändert sich ausgerechnet mit Omikron die Stimmung. Könnte die jüngste Variante der Anfang vom Ende der Pandemie werden? Wieviel müssen wir jetzt richtig machen – und was kann noch schief gehen? Mit dieser Frage befasst sich „Wissenschaft im Brennpunkt“ in einem thematischen Schwerpunkt.
Übersicht:
  1. Meyer-Hermann: "Warten auf Daten zur Intensivbettenbelegung" (ab 1:30)
  2. War die russische Grippe eine Coronapandemie? (ab 6:50)
  3. Drosten: „Omikron ist kein Ersatz für die Impfung" (ab 15:15)

Was genau bedeutet eigentlich „Endemie“?

Kurz gesagt: eine Art Normalzustand ohne größere Einschränkungen unseres Alltags.
Zusammengesetzt aus den altgriechischen Wörtern „en“ für „in“ und „ dēmos“ für „Volk“, beschreibt die Endemie den Zustand, wenn eine Erkrankung in einer Gesellschaft zwar überdurchschnittlich häufig auftritt – allerdings zugleich auf einem stabilen Niveau bleibt. Anders als bei der Pandemie verändert sich bei einem endemischen Status die Zahl der Krankheitshäufigkeit sowie der Neuerkrankungen über einen längeren Zeitraum nur gering. Dauerhafte Konstanz ist hier also ein charakterisierendes Kriterium.
Was Endemie nicht ist – zumindest nicht zwangsläufig: Die harmlose Form der Pandemie.
Das Wort Endemie sagt erst einmal nichts über die Krankheitsschwere nach Infektion aus. Allerdings wird der permanente Kontakt einer Bevölkerung mit Sars-CoV-2 dazu führen, dass die Krankheitslast mit der Zeit nachlässt. Dafür muss das Virus nicht harmloser geworden sein. Die immunisierte Bevölkerung kann sich aber wehren.

Mehr zum Thema:


1. Meyer-Hermann: "Wir warten auf Daten zur Intensivbettenbelegung" 

Zehn Prozent der deutschen Bevölkerung haben sich in den zurückliegenden zwei Pandemiejahren mit Sars-CoV-2 angesteckt. Mit den aktuellen Inzidenzen kämen etwa zehn Prozent pro Monat dazu, sagte Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung im Deutschlandfunk. „Das ist eine ganze Menge. Das heißt, wir müssen uns Gedanken machen, wo sind die Grenzen dessen, was das Gesundheitssystem aushalten wird. Und dafür brauchen wir tatsächlich mehr Daten, denn wir wissen im Moment nicht, wie viele Menschen von den Erkrankten ins Krankenhaus müssen, und wie viele intensiv beatmet werden müssen.“
Michael Meyer-Hermann, Epidemiologe am Hemlholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig
Michael Meyer-Hermann, Epidemiologe am Hemlholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig und Mitglied des Expertenrats der Bundesregierung. (www.imago-images.de)
Man versuche sich im Ausland zu orientieren, dort finde man aber sehr variable Aussagen. Aussagekräftige Werte für Hospitalisierungsrate und Intensivbettenbelegung für Deutschland seien die Daten, auf die er jetzt warte. Deutschland stehe am Anfang der Welle, vorsichtige Schätzungen gingen davon aus, dass wir bei Inzidenzen von einigen tausend landen könnten.
Michael Meyer-Hermann: „Die endemische Situation wird umso schneller erreicht, je mehr Leute immun sind, deshalb impfen, impfen, impfen. Boostern, boostern boostern“. Die zweite Ebene: sei: „Wieviel können wir uns leisten, die gleichzeitig krank werden, und das hängt von der Hospitalisierungsrate ab.“

2. War die Russische Grippe die erste Coronapandemie?

Um die Dynamik hinter einer Pandemie zu verstehen, kann manchmal auch ein Blick in die Geschichte helfen. Im Jahr 1889 tauchte in Zentralasien eine neue Atemwegsinfektion auf. Weil sie in der Hauptstadt des Zarenreichs erstmals auffiel, wurde sie als „Russische Grippe“ bekannt.
Die Krankheitsbilder sind ausführlich dokumentiert. In Großbritannien zum Beispiel im rund 350 Seiten dicken Parsons Report von 1891. Und in Deutschland erschien ein Jahr später ein umfangreicher Bericht des Vereins für Innere Medizin. Aus diesen Quellen und molekularbiologischen Daten jüngerer Zeit ergibt sich ein Verdacht: Nicht ein Influenza-Erreger war für historische Pandemie verantwortlich, sondern ein Coronavirus. Eines, das mittlerweile endemisch geworden ist.
War die Russische Grippe von 1889 die erste Corona-Pandemie?
Würde auch bei uns SARS-CoV-2 irgendwann endemisch werden, wäre es sprichwörtlich in guter Gesellschaft: Hierzulande kursieren bereits vier weitere Corona-Schnupfenviren mit endemischem Status, die allesamt harmlos sind.
Porträt des Virologen Christian Drosten
Der Virologe Christian Drosten warnt: "Omikron ist kein Ersatz für eine Impfung" (imago images/IPON/Stefan Boness)

3. Drosten: „Omikron ist kein Ersatz für die Impfung“

Was den Sprung von der Pandemie in die Endemie begünstigt, ist vor allem eines: nahezu flächendeckende Immunität. Zumindest theoretisch wäre diese auch durch unbekümmertes „laufen lassen“ der jeweiligen Infektionswellen zu erreichen. „Die Frage ist nur, was das kostet“, mahnte der Virologe Christian Drosten. Der Leiter des Instituts für Virologie an der Berliner Charité verwies im Dlf darauf, dass vor allem Länder mit hohem Durchschnittsalter auf diesem Wege viele Tote zu verzeichnen hätten. Für Deutschland sei der Ansatz der natürlichen Immunisierung also keine Option, der Preis wäre deutlich zu hoch.
Drosten: Es ist keinesfalls sicher, dass Omikron im abgemilderten Zustand bleiben wird (23.01.)
Auch mit Blick auf die Effektivität ist eine Strategie der sogenannten natürlichen Immunisierung fragwürdig: Während es wahrscheinlich erscheint, dass Impfungen – zumindest teilweise – auch gegen neu aufkommende Varianten schützen (abhängig von den jeweiligen Mutationen), wären hingegen Ungeimpfte, die bereits eine Infektion mit einer Variante mitgemacht haben, keineswegs automatisch gegen eine neue Variante immun, so Drosten. Um eine stabile Immunität zu erreichen, müssten sich Menschen nach der Grundimmunisierung durch Impfung  mehrfach infizieren – ein äußerst langwieriger Prozess.

Der Preis der Impflücke

Dass hierzulande noch immer einige Menschen eine Impfung ablehnten, sei „ein wirkliches Problem“, sagte Drosten. Dadurch würde Deutschland zumindest mit verhindern, dass sich die Weltbevölkerung mehr oder weniger zeitgleich immunisiere.
Christian Drosten: Die Pandemie wird nur für die Geimpften vorbei sein (30.12.)
Drosten: „Während in Afrika – beispielsweise in Ländern mit glücklicherweise jüngeren Bevölkerungsprofilen (...) – jetzt eine Bevölkerungsimmunität schon fast abgeschlossen ist, haben wir in den Industrieländern an einigen Stellen diese Zögerlichkeit.“
Natürlich könne man auch ohne Impfungen eine Bevölkerungsimmunität aufbauen, so Drosten. „Die Frage ist nur, was das kostet – in Form von Todesfällen in Bevölkerungen, die relativ alt sind.“ Er glaube nicht, dass es gelingen werde, bis zum Beginn des nächsten Winters eine komplette Immunisierung durch Impfung zu erlangen – also dass die große Mehrheit auch zusätzlich eine omikron-spezifische Impfung nachgeholt habe. „Wenn wir das hinbekämen, könnte ich mit Überzeugung sagen: Im nächsten Winter ist die Pandemie vorbei.“