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StartseiteKalenderblattDie Zeitschrift "Jugend", Keimzelle des Jugendstils 01.01.2021

Erste Ausgabe vor 125 JahrenDie Zeitschrift "Jugend", Keimzelle des Jugendstils

"Jugend" taufte der Münchner Verleger Georg Hirth seine "illustrierte Wochenschrift", die er am 1. Januar 1896 erstmals herausgab. Die Zeitschrift sollte konservativer Kunstpolitik die Stirn bieten, wurde gewichtiges Forum für Künstler und Intellektuelle - und gebar schließlich eine neue Kunstrichtung.

Von Jochen Stöckmann

Ein farbiges Plakat mit einer Druckgrafik des Künstlers osef Rudolf Witzel wirbt  mit den Worten“Münchner illustrierte Wochenschrift 'Jugend' hier zu haben"  (picture alliance / akg-images | akg-images)
Ein Plakat von Josef Rudolf Witzel bewirbt 1896, die zum Anfang des Jahres erstmals erschienene Zeitschrift "Jugend" (picture alliance / akg-images | akg-images)
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Mit einem Fußtritt stößt der Museumswärter vor der Berliner Nationalgalerie die nackte Frau über steile Treppenstufen hinab, einige Gemälde werden ihr hinterhergeworfen – und der schnauzbärtige preußische Schutzmann in der Karikatur von 1908 kommandiert:

"Portier, schmeißen Se man det Weibsbild, die moderne Kunst, raus, damit Platz wird for unsere echte, preußische Kunst!"

Das Wort der "Jugend" hat Gewicht

Die französische Moderne, Gemälde von Courbet, Manet, Renoir hat Kaiser Wilhelm II. aus der Nationalgalerie verbannt. Gegen diese Berliner Museumspolitik richtet sich die Karikatur der Münchner Zeitschrift "Jugend". Als "illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben" ist sie zur Bühne für Künstler und Intellektuelle avanciert. Das Wort der "Jugend" hat Gewicht – von Anfang an, wie einer ihrer Autoren, der Schriftsteller Ludwig Thoma, betont:

"Am 1. Januar 1896 erschien die erste Nummer der 'Jugend'. Mit welcher Aufmerksamkeit betrachtete man die Zeichnungen, prüfte man die Beiträge, las man die Namen der Künstler und Schriftsteller! Sie waren Ereignisse, über die man diskutierte, nicht Kaffeehauslektüre, die man durchblätterte und weglegte."

Illustre Redaktion: Franz von Stuck, Lovis Corinth, Arnold Böcklin

Dahinter steckt ein umtriebiger Journalist: Der Ökonom Georg Hirth, hat als ambitionierter Kunstsammler 1892 gegen eine konservative Kultur- und Ausstellungspolitik die Gründung der Münchner Secession unterstützt. Deren Künstler holt er 1896 für seine Zeitschrift mit ins Boot. Neben Franz von Stuck und Lovis Corinth kommt der Maler Arnold Böcklin zum Zuge. Im ersten Heft der "Jugend" stellt ihn der Verleger vor, mit einer Fotografie, für die er selbst zur Kamera gegriffen hat: Das von Vignett­­­­­en umrahmte Doppelporträt zeigt Arnold Böcklin, den Maler, in trauter Eintracht neben Adolf Bayersdorfer, dem Kunsthistoriker und Kritiker. Hirths Absicht:

"Indem ich hier den großen unvergleichlichen Arnold und seinen feinsinnigen gelehrten Ruhmkünder Adolf bildlich vereinigte, konnte ich auch dem Ammenmärchen von der notwendigen Gegnerschaft zwischen Könnern und Kennern eins versetzen."

Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg mit der Ausstellung "Titel für die Zeitschrift "Jugend" - Nr.14 des Künstlers Hans Christiansen aus dem Jahre 1897.  (picture-alliance / dpa / Museum Für Kunst Und Gewerbe Hamburg)Ein Titelbild des Künstlers Hans Christiansen für eine frühe Ausgabe der "Jugend" 1897 (picture-alliance / dpa / Museum Für Kunst Und Gewerbe Hamburg)
Hirth öffnet seine Zeitschrift "für alle Talentierten und für alle Tendenzen", und er schreibt Wettbewerbe aus für die Gestaltung von Bucheinbänden, Plakaten oder Menükarten. Viele Teilnehmer lassen sich inspirieren von Böcklins Bilderwelt mit Nixen, Faunen und Fabelwesen, die durch ornamental verschlungene Gefilde wandeln, bekränzt von Blumengirlanden. Daraus entwickelt sich der "Jugendstil". Die neue, nach der Zeitschrift benannte Ästhetik wird schnell zur Mode. Ein Redakteur listet auf, wie Kunstgewerbe und Industrie sich aus dem Mustervorrat floraler Motive bedienen:

"Jugendstil heißen sie jeden Topf, auf dem eine schauerlich stilisierte Lilie, oder ein Frauenzimmer mit verrückter Frisur, oder eine Orchidee abgebildet ist. Die Leute verfertigen jetzt die haarsträubendsten Gegenstände aus Gips, Blech, Glas, Papier, Pappe, Leder, Zink und Weißtduwas. Und nun soll ich für alle Auswüchse die Kosten tragen, für alle Verballhornung durch eine rohe Massenindustrie, die doch nur Jugendstil produziert, weil die Rokokomuster nimmer gehen!"

Georg Hirths politische Ambivalenzen

Ironisch wird selbst der eigene Erfolg infrage gestellt – das ist typisch für die "Jugend" und den Eigensinn ihres Verlegers. Als Liberaler attackiert Georg Hirth Zensurmaßnahmen und den katholischen Klerus, hält aber Abstand zu den Sozialdemokraten. Sein Ideal ist ein durch das Kaisertum geeintes Deutschland. Doch der preußisch-reale Kaiser, Wilhelm II., gilt ihm als lächerlicher Zampano, der die Zukunft der Nation durch cholerisches Säbelrasseln verspielt:

"Durch ewige Zollstänkereien und Attentate auf das ABC der Kultur machen wir uns verhasst. Wie kann man nur einen Industriestaat allererster Klasse fortwährend mit Gott und aller Welt verfeinden?"

Jäher Niedergang in den 20er-Jahren 

Diesen kritischen Stachel verliert die "Jugend", als Georg Hirth 1916 stirbt. Die Zeitschrift stimmt ein in die nationalistischen Schlachtgesänge des Ersten Weltkriegs, verliert in der Weimarer Republik vollends ihren Kurs und wird nach zaghaften Anpassungsbemühungen an die nationalsozialistische Diktatur 1940 eingestellt.

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