Donnerstag, 01. Dezember 2022

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Erster Weltkrieg
Neue Perspektiven auf einen globalen Konflikt

Zu den vielen Veröffentlichungen zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs gehört Jörn Leonhards Gesamtdarstellung "Die Büchse der Pandora". Das hervorragend komponierte und anschaulich geschriebene Buch zeigt erstmals, dass der Konflikt ein globaler Krieg war.

Von Nils Beintker | 14.04.2014

    Sturm auf das Winterpalais in St. Petersburg (Petrograd) am 7. November 1917.
    Wer den Ersten Weltkrieg als europäischen Krieg mit globalen Dimensionen verstehen will, muss die Westfront-Fokussierung aufgeben, meint Jörn Leonhard. (picture-alliance / dpa / UPI)
    Im Juli 1916 während der sogenannten Somme-Schlacht schilderte Ernst Jünger, wie er das im brutalen Stellungskrieg umkämpfte Territorium erlebte: "Nichts mehr zu sehen, aber auch gar nichts", heißt es in seinem Kriegstagebuch. "Die Schienen der Eisenbahn zur Spirale gedreht, die Berge abgetragen, kurz alles zur Wüste gemacht." Die ungeheuer verlustreichen Schlachten an der Somme und in Verdun gelten zu Recht als Symbol für den Wahnsinn des Ersten Weltkriegs. Jörn Leonhard, Verfasser der umfangreichsten neuen Gesamtdarstellung dieses globalen Konfliktes, erzählt ausführlich davon, vergleicht das Geschehen an der Westfront aber zugleich mit dem auf den Schlachtfeldern in Ost- und Mitteleuropa. 1916 starben in Galizien noch mehr Soldaten als in Frankreich: 700.000 Mann – eine Tatsache, die im kollektiven Gedächtnis Europas nicht präsent ist.
    Jörn Leonhard: "Das hat auch damit zu tun, dass in Osteuropa die alten Reiche, also das Zarenreich und die Habsburger Monarchie 1917/18 untergehen und damit auch die Staaten verloren gehen oder die staatlichen Rahmenbedingungen sich komplett verändern. Deshalb ist das, was 1916 in Galizien passiert, wenn man so will, aus dieser Geschichte fast heraus gefallen und vergessen worden. Und ich glaube, wenn wir den Krieg wirklich als einen europäischen Krieg mit globalen Dimensionen verstehen wollen, dann müssen wir von dieser Westfront-Fokussierung wegkommen. Und dafür ist das Jahr 1916, glaube ich, ein ganz wichtiges Schwellenjahr."
    Blick weit hinaus über Europa und das zerfallende Osmanische Reich
    Jörn Leonhard ist keineswegs der erste Chronist, der an die brutalen Schlachten an der Ostfront, vor allem im Rahmen der russischen Brussilow-Offensive, erinnert. Auch Herfried Münkler zum Beispiel berührt in seiner Geschichte des Ersten Weltkriegs die Ereignisse von 1916 – letztlich aber nicht mit der Konsequenz und Tiefe wie Leonhard, der in diesem Jahr in vielfacher Hinsicht eine wichtige Binnenschwelle zwischen der ersten und der zweiten Kriegshälfte sieht. Überhaupt versucht der Freiburger Historiker in seiner Gesamtdarstellung den Weltkrieg als wirklich globalen Konflikt zu betrachten – also weit hinaus zu blicken über Europa und das zerfallende Osmanische Reich. Er eröffnet damit viele neue Perspektiven, etwa indem er vom Kriegsverlauf im fernen Pazifik schreibt oder von den militärischen Konflikten in Afrika, bei denen allein im Osten des Kontinentes zwischen 1914 und 1918 650.000 Zivilisten getötet wurden.
    "Schon nach wenigen Monaten war der Konflikt in drei Erdteile expandiert: Der Krieg hatte Europa, Asien und Afrika erfasst, und die außereuropäischen Räume entwickelten eine Eigendynamik, die mit der Vorstellung verlängerter europäischer Kriegsräume nicht zu erfassen war. Das galt für die besonderen Bedingungen der Kriegführung und die hohen Opfer unter indigenen Bevölkerungen, es galt für Japans Hegemonialansprüche in Ostasien und die einsetzende ökonomische und monetäre Einbindung der Vereinigten Staaten zugunsten der Entente (...)."
    Jörn Leonhard: "Die Folgen etwa für die afrikanischen Gesellschaften nach 1918 sind exorbitant. Das ist die Vernichtung einer ganzen Generation von jungen Männern. Es hat enorme Konsequenzen für die Heimatgesellschaften. Es ist kein Zufall, dass die Spanische Grippe als ein globales Phänomen 1918 gerade in Afrika auf hundertTausende von ausgehungerten Menschen trifft und dort eine enorme Todesrate nach sich zieht. Diese Dinge haben wir lange Zeit in der Konzentration auf Westeuropa aus dem Blick gelassen und das verändert sich im Augenblick. Es hat auch etwas damit zu tun, dass wir begreifen: Dieser Krieg ist ein globales Phänomen, das wir eben auch aus den globalen Räumen heraus und nicht als eine Verlängerung Europas verstehen müssen."
    Wiederentdeckte Quellen
    Auf über 1.000 Seiten entwirft Jörn Leonhard eine chronologische und systematische Ordnung. Der keineswegs zwingende Weg in den Krieg und das immer verhängnisvollere Agieren der politischen Eliten Europas im Vorfeld der Juli-Krise beschreibt der Historiker in einem einleitenden Kapitel, es folgen ausführliche Überblicksdarstellungen für jedes der vier Jahre zwischen 1914 und 1918. Leonhard greift auch auf neue oder wiederentdeckte Quellen zurück, wie etwa das Tagebuch von Harry Graf Kessler. In den einzelnen Kapiteln widmet er sich dem Kriegsgeschehen an den Fronten, ebenso aber den sogenannten Heimatfronten wie auch wichtigen technologischen, kulturellen und mentalen Phänomenen, etwa der Sprache des Krieges, also den verschiedenen Formen der Kommunikation im und über den Krieg.
    "Der Krieg als Kampf um die Meinungshoheit bezog sich (...) von Anfang an nicht allein auf die Kommunikation nach außen. Mindestens ebenso wichtig wurde der Kampf um die eigene Bevölkerung. Das reichte von der immer stärker systematisierten Beobachtung der Stimmungen in der Bevölkerung über Pressezensur bis hin zu Versuchen, die öffentliche Meinung aktiv zu beeinflussen. In allen Kriegsgesellschaften entstanden neue Institutionen wie Kriegspresseämter und Nachrichtenbüros."
    Der Erste Weltkrieg wird damit nicht allein als militärisches, politisches, soziales und wirtschaftliches Ereignis beschrieben, sondern in einer großen Vielseitigkeit. Stück für Stück wird die ungeheuerliche Entfesselung der Gewalt rekonstruiert, ebenso das jahrelange millionenfache Sterben an den Fronten und die immer größere Präsenz des Konfliktes in den Zivilgesellschaften. Und auch das große Paradox dieses Ersten Weltkriegs wird deutlich: Aus Sicht der militärischen Stäbe sollte der Krieg spätestens Weihnachten 1914 zu Ende sein. An der Wende des Jahres 1917/18, so zeigt Leonhard, war der Ausgang aber noch immer offen. Eine im Sommer zuvor veröffentlichte Friedensnote von Papst Benedikt XV. verhallte nahezu ungehört. Unter dem Kommando von Ludendorff begann die deutsche Armee im Frühjahr 1918 mit der sogenannten Michaels-Offensive, genau auf dem Territorium an der Somme, das schon 1916 brutal umkämpft war.
    Jörn Leonhard: "Jede Seite hat das Gefühl, dass ein zu früher Verständigungsfrieden die eigenen Opfer bis 1918 entwerten würde. Und deshalb kommt es zu dieser fast perversen Mechanik, dass die immer höheren Opferzahlen in gewisser Weise den Weg zu einem Verständigungsfrieden verbauen, weil man sagt: Nur mit einem umfassenden Siegfrieden können wir diese enormen Opfer rechtfertigen. Und für Deutschland ist das von elementarer Bedeutung, weil auf diese Art der Niederlage im Oktober und November 1918 letztlich niemand vorbereitet ist. Da kann man nicht fassen, dass wenige Monate nach diesem Frieden von Brest-Litowsk im Westen der Krieg verloren geht."
    So konnte auch, im deutschen Fall, die sogenannte Dolchstoß-Legende entstehen – die folgenschwere Behauptung, ein angeblich möglicher Sieg im Krieg sei durch die Revolution in Deutschland verhindert worden. Unter den vielen neuen Veröffentlichungen zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs ist Jörn Leonhards Gesamtdarstellung eine der wichtigsten, das neue Standardwerk, das die historische Auseinandersetzung mit diesem globalen Konflikt künftig mitbestimmen wird. Wer das Gefühl hat, über den Ersten Weltkrieg sei bereits alles gesagt, wird in diesem hervorragend komponierten und anschaulich geschriebenen Buch eines besseren belehrt. Erstmals wird deutlich gemacht, dass dieser Krieg wirklich ein globaler Krieg gewesen ist – und das nicht erst seit dem Kriegseintritt der USA im April 1917. Jörn Leonhard hat mit seiner Arbeit viele neue Blicke eröffnet und für künftige Darstellungen zum Ersten Weltkrieg neue Maßstäbe gesetzt.
    Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs.
    C.H.Beck Verlag, 1157 Seiten, 38 Euro