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StartseiteInterview"Es geht wirklich um Demütigung und Zerstörung der Frauen"01.10.2008

"Es geht wirklich um Demütigung und Zerstörung der Frauen"

Monika Hauser ist mit dem Alternativen Nobelpreis 2008 ausgezeichnet worden

Die Kölner Frauenärztin und Gründerin der Organisation "medica mondiale", Monika Hauser, ist "für ihren unermüdlichen Einsatz für Frauen, die in Krisenregionen schrecklichste sexualisierte Gewalt erfahren haben" von der Right Livelihood Award Stiftung in Stockholm, zusammen mit drei anderen Preisträgern, ausgezeichnet worden.

Monika Hauser im Gespräch mit Christoph Heinemann

Auch in Afghanistan leiden Frauen unter "sexualisierter Gewalt" (AP)
Auch in Afghanistan leiden Frauen unter "sexualisierter Gewalt" (AP)

Christoph Heinemann: Guten Tag, Monika Hauser.

Monika Hauser: Guten Tag!

Heinemann: Frau Hauser, können Sie Beispiele von Menschen nennen, die Ihrer Hilfe bedürfen?

Hauser: Ja. Wir unterstützen traumatisierte Frauen in Kriegs- und Nachkriegsgebieten, die vergewaltigt worden sind. Zum Beispiel in Bosnien während der schrecklichen Kriegsjahre haben wir immer wieder gesehen, dass Frauen und Mädchen zu kriegsstrategischen Zwecken vergewaltigt worden sind. Sie sind als Individuen zerstört worden, aber natürlich durch die Vergewaltigungen ging auch das Signal an die feindlichen Männer, dass sie damit noch nicht mal ihre Frauen schützen konnten und so auch den Krieg verloren haben.
Wir unterstützen aber auch Frauen in Nachkriegsgebieten wie in Afghanistan. Wir sehen dort leider, dass seit Kriegsende die Kinderverheiratung extrem zugenommen hat. Das heißt, 11-, 12jährige Mädchen werden zwangsverheiratet und können dann natürlich nicht mehr in die Schule gehen und sind letztendlich mit 20 schon körperliche und seelische Wracks, weil sie halt ein Kind nach dem anderen kriegen sollen und keine Lebensperspektiven mehr haben. Oder auch Frauen in Liberia, die schreckliche Gewalt während des Krieges erlebt haben und jetzt im Nachkrieg die Männer einfach glauben, dass Gewalt gegen Frauen zur Normalität gehört und Frauen auch im Nachkrieg weiter vergewaltigen - sei es auf der Polizeistation, sei es in den Schulen. Also Frauen zu unterstützen, dass sie aus diesem Teufelskreis herauskommen, dass sie mit ihren Trauma-Symptomen umgehen können, aber auch immer wieder laut der Politik zu sagen, dass sie sich hier einmischen muss.

Heinemann: Und wie, das heißt mit welchen Mitteln helfen Sie?

Hauser: Wir unterstützen die Frauen erst mal fachlich, das heißt mit gynäkologischer, psychosozialer und juristischer Begleitung, und dann auch mit Einkommen schaffenden Maßnahmen, damit die Frauen nach der Therapie wirklich auch für sich die Möglichkeit haben, überhaupt wieder eine Lebensperspektive aufzubauen, weil diese Frauen sind völlig verarmt in diesen Gebieten und erhalten natürlich keine Unterstützung von staatlicher oder sonstiger Seite. Daher ist es wichtig, nach dem Therapieerfolg die Frauen weiter zu begleiten durch finanzielle Unterstützung.
Und wir machen politische Menschenrechtsarbeit. Das ist unser zweites Standbein neben der fachlichen Unterstützung, weil wir immer wieder anmahnen müssen, dass auch die internationale Politik sich dieses Themas annimmt. Es sind genug gute Resolutionen geschrieben worden; jetzt müssen diese Forderungen auch endlich umgesetzt werden.

Heinemann: Frau Hauser, wie nachhaltig können Sie helfen? Therapien brauchen Zeit.

Hauser: Das braucht Zeit und da ist natürlich die Finanzierung immer wieder die Schwierigkeit. Viele Geldgeber geben uns nur für zwei, drei Jahre Arbeit. Daher ist es sehr wichtig, dass wir länger in Ruhe arbeiten können. Zum Beispiel im Kosovo haben wir Frauen nach dem Krieg, nach '99, vier, fünf Jahre lang mit psychosozialer Gruppenarbeit begleiten können. Sie kamen ins Leben zurück, wie die Frauen auch selber sagen, und danach haben wir diesen Bäuerinnen, die ja auch Witwen waren und überhaupt keine Unterstützung durch niemanden bekommen haben, einen Traktor, eine Kuh, Bienenstöcke gegeben, dass sie wieder als Bäuerinnen arbeiten können und wirklich eine würdige Perspektive für sich und ihre Kinder aufbauen können.

Heinemann: Ins Leben zurückkehren, sagten Sie gerade. Wie bekommen Sie traumatisierte Opfer zum sprechen?

Hauser: Die Frauen müssen diesen Zeitpunkt selber bestimmen. Wir begleiten sie darin, dass sie erst einmal überhaupt stabilisiert werden, nicht von ihren Erinnerungen und dem schrecklichen Film, der immer im Kopf abläuft, ständig überwältigt werden, sondern wirklich ihren Alltag geregelt bekommen. Und langsam, langsam entscheidet die Frau dann selber mit unserer Unterstützung, wann sie wie darüber sprechen will. Dafür braucht es aber stabile politische Verhältnisse. Von einer eigentlichen Therapie können wir eigentlich nur im Frieden hier in Deutschland reden. In diesen Regionen vor Ort geht es erst mal vor allem um Stabilisierung der Frauen und sie dann zu ermutigen und zu begleiten, wenn sie reden wollen.

Heinemann: Frau Hauser, ist sexuelle Gewalt ein Mittel, welches zunehmend gezielt eingesetzt wird?

Hauser: Wir nennen das sexualisierte Gewalt, weil wir sagen, es geht um aggressive Akte. Das ist etwas, was wir kennen, solange es die Männer und Frauen gibt. Wir sehen ja auch die sexualisierte Gewalt in den so genannten Friedenszeiten, aber natürlich im Krieg immer die Spitze des Eisbergs. Da wird das in extremer Weise als kriegstrategisches Mittel angewendet. Wir müssen schon in den extremen Kriegen gerade jetzt auch im Kongo verzeichnen, dass dort wirklich marodierende Banden Frauen in extremster Weise nicht nur vergewaltigen, sondern auch verletzen, brutalst verstümmeln. Das zeigt also, es geht nicht um den sexuellen Akt, sondern es geht wirklich um Demütigung und Zerstörung der Frauen.

Heinemann: Kongo haben Sie genannt. In welchen Regionen ist das Problem sonst noch besonders groß?

Hauser: Sicherlich aktuell im Kongo am schlimmsten, weil dort wieder ein neuer Krieg tobt, aber auch in Regionen wie Afghanistan oder Liberia ist der Krieg für die Frauen nicht zu Ende, selbst wenn der Friedensvertrag unterzeichnet wurde, weil die Frauen weiterhin unter Gewalt in der Familie oder auch durch Außenstehende leiden. Daher ist es dort immer wieder wichtig zu sagen, dass die Gewalt des Krieges von den Männern einfach in die Nachkriegszeit übernommen wird, und da immer wieder zu sensibilisieren und darauf hinzuweisen, dass sich hier ganz dringend etwas verändern muss.

Heinemann: Frau Hauser, können Sie mit oder müssen Sie gegen die Behörden der betroffenen Länder arbeiten?

Hauser: Das ist sehr unterschiedlich. In Liberia haben wir ja eine wunderbare Präsidentin, mit der wir sehr gut zusammenarbeiten können, Hand in Hand. In Afghanistan zum Beispiel ist das schon wieder sehr viel schwieriger, weil dort natürlich auch sehr viele ehemalige Kriegsherren in der Regierung sind, die natürlich auch nicht wollen, dass über Vergewaltigungen, die sie während des Krieges angerichtet haben, gesprochen wird. Da haben wir es also mit sehr viel Widerständen zu tun. Aber ich möchte auch betonen, dass wir es durchaus in der deutschen und sonstigen internationalen Politik immer wieder mit Widerständen zu tun haben. Wenn wir zum Beispiel anprangern, dass so genannte Peacekeeper, also Friedenssoldaten, in ihren Einsatzländern auch wieder Frauen vergewaltigen oder in Bordelle gehen, wo Frauen versklavt sind, dann haben wir hier sehr wenig Gesprächsbereitschaft auf deutscher verantwortlicher Seite.

Heinemann: Warum ist das so?

Hauser: Das müssten Sie den Verteidigungsminister fragen. Aber das Thema wird ausgesessen. Man spricht nicht mit uns oder man schreibt uns lapidare Briefe. Es wird die Verantwortung nicht gesehen, dass solche Dinge vor Ort vorkommen. Es heißt immer wieder, unsere deutschen Männer tun so etwas nicht. Leider werden da die Augen verschlossen. Ich hoffe auch, dass dieser Preis zum Beispiel uns helfen kann, hier doch endlich mal Türen öffnen zu können, die bis jetzt verschlossen waren.

Heinemann: Sie sagten eben, viele Resolutionen sind geschrieben worden. Ein Beispiel haben Sie gerade mit den Peacekeepern genannt. Welche Forderung generell an die Politik ergibt sich aus Ihrer Arbeit?

Hauser: Es ergibt sich, dass Frauen endlich geschützt werden müssen. Schauen wir noch mal in den Kongo. Die größte UN-Mission je ist zurzeit im Osten des Kongos, in den beiden Kiwus, die auch eine Unmenge Geld verschlingt, und trotzdem gehen die Kriegshandlungen nicht nur unvermindert, sondern sogar verstärkt weiter. Die UN muss da hilflos zuschauen. Ich denke, dass hier endlich ganz andere politische Sanktionen auch greifen müssten, wirklich zum Wohle der Frauen, dass der UN-Sicherheitsrat mit seinem Vetorecht immer wieder in solchen Fragen zerstritten ist und nicht einig ist und wichtige Einsätze blockiert. Hier müsste wirklich endlich auch vor den Einsätzen das Personal für diese ganze Frauenthematik sensibilisiert werden, dass die Frauen wirklich vor Ort ganz, ganz anders geschützt werden können.

Heinemann: Monika Hauser, eine der diesjährigen Trägerinnen des alternativen Nobelpreises. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören.

Hauser: Ich danke Ihnen. Auf Wiederhören!

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