Dienstag, 23.07.2019
 
StartseiteGesichter EuropasWien und sein Benimm02.02.2019

EtikettenschwindelWien und sein Benimm

„Bei der Etikette zeigen die Österreicher all ihre Leidenschaften“, konstatierte die englische Lady Wortley Montagu einst. Das war allerdings im 18. Jahrhundert, zu Hochzeiten der Donaumonarchie. Vieles hat sich geändert - und hinter der Fassade ist nicht mehr alles wie es scheint.

Walzer beim Wiener Opernball (picture alliance/dpa/Foto: Votava)
Walzer beim Wiener Opernball (picture alliance/dpa/Foto: Votava)

"Ihr könntet‘s ein bisschen weniger g’schissn sein", findet Autor Markus Lust mit Blick auf seine grantelnden österreichischen Landsleute. Und Roman Svabek, Zeremonienmeister des Wiener Opernballs, fürchtet gar: "Wir haben die Etikette verloren".

Klar, auch heute nimmt der Kellner die Bestellung in der dritten Person entgegen, ein "Küss die Hand, gnäd’ge Frau" gehört in Wien zum guten Ton. Aber unter dem strengen Regel-Korsett brodelt es: Rechtsradikale in Nadelstreifen, Feministinnen im Vollwichs, Punkrocker in Buntfaltenhose. Die "Gesichter Europas" machen sich auf die Suche nach der österreichischen Etikette.

Die fünf Reportagen aus der Sendung Europa Heute als Audio zum Nachhören: 

13. 02. 2011 Tanzlehrer Roman Svabek: Tanzunterricht für die Opernball (imago stock&people) (imago stock&people)Im Walzertakt Manieren lernen
Wenn Apotheker, Juristen und Psychologen Walzer tanzen, ist Ballsaison in Wien. Höhepunkt: der Wiener Opernball. An der Zahl der Festlichkeiten kann es also nicht liegen, dass Tanzlehrer Roman E. Svabek den Verlust der Etikette befürchtet.

Markus Lust ist Autor und Chefredakteur des Online-Magazins "Vice" in Österreich (Philipp Jelenska) (Philipp Jelenska)"Küss die Hand" meint "Du kannst mich mal"
Das elitäre Gehabe, die Kleiderordnung, die verklausulierte Sprache in Österreich: Buchautor Markus Lust kann damit wenig anfangen. Dieses Theatralische sei typisch für sein Land, glaubt er. Seit dem Ende der Monarchie habe Österreich einen Minderwertigkeitskomplex.

Die Auslage der Hofzuckerbäckerei Demel in Wien (Imago/ Robert Harding) (Imago/ Robert Harding)Das Geschäft mit dem Glanz alter Zeiten
Schloss Schönbrunn und die Hofburg gehören zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten in Wien. Dafür gibt es drei Gründe, glaubt Karl Hohenlohe: Sissi I, II und III. Auch wenn die Monarchie überholt sei, ist dem langjährigen Kommentator des Opernballs die Etikette wichtig.

Die österreichische Journalistin Corinna Milborn  (Imago) (Imago)Wer dazu gehört - und wer nicht
Wer sich in Wien als Politiker zu einem informellen Plausch treffen will, geht ins Café Landtmann. Für die Journalistin Corinna Milborn liegt das Kaffeehaus nicht nur geographisch in der Nähe der Hofburg. Der Kaiserhof sei noch immer so präsent, dass es sich auf die politischen Beziehungen auswirke.

Die österreichische Theaterschauspielerin Lotte Tobisch hat 15 Jahre lang den Wiener Opernball organisiert (Imago) (Imago)Nicht immer so lange analysieren, bis man deppert wird"
Lotte Tobisch gilt als Inbegriff der "Wiener Salondame". 15 Jahre hat die Schauspielerin den Wiener Opernball organisiert. Heute sagt die über 90-Jährige : Haben Sie mich gern mit Ihrer Etikette.

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