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StartseiteEuropa heuteDas Tessin und der Schweizer Volksentscheid11.02.2014

EU-FreizügigkeitDas Tessin und der Schweizer Volksentscheid

Mit sehr knapper Mehrheit haben die Schweizer der Begrenzung der Einwanderung zugestimmt und damit das EU-Grundprinzip der Personenfreizügigkeit infrage gestellt. Im Tessin stimmten fast 70 Prozent der Eidgenossen für die rechtskonservative Initiative. Rund 60.000 Grenzgänger kommen hierher zur Arbeit.

Von Kirstin Hausen

Sommerwetter in Lugano am Luganer See im Schweizer Kanton Tessin. (picture alliance / dpa / Karl Mathis)
Sommerwetter in Lugano am Luganer See im Schweizer Kanton Tessin. (picture alliance / dpa / Karl Mathis)
Weiterführende Information

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Angst vor der EU? Vor Druck und Repressionen wegen des Abstimmungsergebnisses, das im Ausland heftig kritisiert wird? Nein, sagt dieser Tessiner auf dem Weg zum Supermarkt. Angst habe er nicht.

"Unsere Politiker müssen jetzt eine Lösung finden mit der EU. Wir sind rational genug, um auch diese Spannungen zu beheben."

Angst haben die Tessiner viel mehr vor der steigenden Zahl italienischer Einwanderer, mit denen sie auf dem Arbeitsmarkt konkurrieren müssen. Auf 300.000 arbeitende Tessiner kommen 60.000 italienische Grenzgänger. Sie arbeiten in der Schweiz und leben in Italien. Die 22-jährige Einzelhandelskauffrau Ylenia Jaffi fühlt sich ihnen gegenüber benachteiligt.

Auf 300.000 Tessiner kommen 60.000 italienische Grenzgänger

"Es sind zu viele. Und die Arbeitgeber stellen inzwischen bevorzugt Italiener ein, weil sie mit weniger Lohn zufrieden sind."

Aber die Italiener arbeiten nicht nur im Tessin. Sie schaffen auch Arbeitsplätze. Das wird oft vergessen.

Die 38-jährige Italienerin Sara Granzella beispielsweise hat zwei Tessinerinnen in ihrem Massagestudio eingestellt. Die in Mailand ausgebildete Masseurin berät gerade eine Patientin mit akuten Spannungen im Schulterbereich.

"Ich habe sechs Jahre lang in einem orthopädischen Zentrum gearbeitet, mein beruflicher Background ist also medizinisch."

Dann war sie es leid, für knapp 1000 Euro netto im Monat einen Acht-Stunden-Tag zu absolvieren und ist ins Tessin umgezogen.

"Du musst zeigen, was du kannst. Und Fragen beantworten, die klar darauf abzielen, herauszufinden, wer du bist und warum du hergekommen bist. Sobald ich sage, dass ich hier im Tessin verheiratet bin, ändern sich die Dinge."

2004 hat Sara Granzella  in Lugano ihr eigenes Studio eröffnet. Ihr Diplom von der Massageschule in Mailand hängt gut sichtbar am Eingang. So sehen alle, wo sie gelernt hat. Ihre italienischen Wurzeln versteckt sie nicht. Über den Ausgang der Abstimmung ärgert sie sich so wie die meisten Italiener, die im Tessin heimisch geworden sind, und auch, wer wie die Grenzgängerin Sonia Becucci, täglich zur Arbeit über die Grenze fährt, ist enttäuscht.

Verärgert über Ausgang der Abstimmung

"Wir tragen doch dazu bei, dass die Wirtschaft hier wächst. Seitdem die Krise Italien fest im Griff hat, ist die Zahl der italienischen Arbeitskräfte im Tessin zwar gestiegen, aber der Schweiz geht es doch gut. Und trotzdem werden wir nicht akzeptiert."

Sowohl Sonia als auch ihr Freund verdienen im Tessin das Doppelte von dem, was sie in vergleichbarer Anstellung in Italien bekämen. Und die Lebenshaltungskosten sind auf der italienischen Seite der Grenze deutlich niedriger als auf der schweizerischen. Der Nachteil ist die Anreise, denn jeden Morgen bilden sich an den Grenzübergängen kilometerlange Staus. Sonias Freund Giuseppe:

"Ich muss vor 5 Uhr am Morgen aufstehen, um bis halb sechs an der Grenze zu sein. Wenn ich auch nur eine Minute später hier ankomme, lande ich in einem Gewimmel von Autos, das mich an einen Ameisenhaufen erinnert. Dann brauche ich eine Dreiviertelstunde, für die 500 Meter von Italien in die Schweiz."

Infrakstruktur überlastet, Sozialsysteme unter Druck

Die Infrastruktur im Tessin ist überlastet, die Sozialsysteme geraten unter Druck. Und im benachbarten Italien ist von einem Ende der Wirtschaftskrise nichts zu spüren. Die Arbeitslosigkeit steigt weiter und mit ihr die Zahl der Menschen, die sich im Tessin um eine Anstellung bemühen. Die Schweizer Regierung wird Ideen entwickeln müssen, wie sie die Einwanderung in Zukunft regulieren will. Laut Volksinitiative hat sie dafür bis zu drei Jahre Zeit. Im Tessin hoffen die meisten, das es nicht so lange dauern wird.

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