Dienstag, 17.07.2018
 
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EuropaEine politische Reise

Brüssel ist zu unscheinbar. Das ist einer der Befunde des schwedischen Autors und Journalisten Per Wirtén, nach einer Reise quer durch Europa, auf der Suche nach der EU. Seine Impressionen hat er in einem Buch zusammengefasst. Auf deutsch lautet der Titel "Sind wir bald da?"

Von Berthold Forssman

Eine Landkarte der EU-Mitgliedsländer auf einer Wand aus Bausteinen, umrahmt von der EU-Flagge (Hintergrundbild). Buchcover (im Vordergrund) (picture alliance / dpa / epa belga EC und Albert Bonniers Förlag )
Durch das ständige Heraufbeschwören von Krisen werde übersehen, wie stark Europa inzwischen zusammengewachsen und wie kosmopolitisch und multikulturell es tatsächlich sei. (picture alliance / dpa / epa belga EC und Albert Bonniers Förlag )
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In Bulgarien fahren die Züge langsam, in Deutschland sind sie superbequem und zwischen Aachen und Maastricht verkehren kleinteilige Vorortzüge. Wirténs Beschreibungen des Unterwegsseins haben sinnbildlichen Charakter - ebenso wie die Stationen seiner Reise für zentrale Probleme stehen, die Wirtén im Europa von heute ausgemacht hat: In Bulgarien ist es die Kluft zwischen Arm und Reich, in Ungarn der Nationalismus, Deutschland steht seiner Schilderung nach für die rigide Sparpolitik einer Eurozone ohne politischen Überbau, Brüssel für die EU-Zentrale und London mit seinen Banken für die kapitalistische Gier. Und überall sieht Wirtén die Folgen von Krisen, von denen Europa eine schlechter bewältigt habe als die andere.

"Die Krise des Europäischen Gedankens ist längst ein journalistischer Gemeinplatz geworden, und überall wird der Zusammenbruch des Projekts vorausgesagt. Es ist auch gar nicht ausgeschlossen, dass es tatsächlich eines Tages so weit kommt, vielleicht ganz plötzlich oder auch rein zufällig. Aber der europäische Gedanke würde trotzdem weiterleben, und Europa wächst durch Streit und Rückschläge, durch das Ausprobieren unterschiedlicher Modelle wie auch durch die Gegensätze zwischen diesen unterschiedlichen Prinzipien."

Durch das ständige Heraufbeschwören von Krisen werde übersehen, wie stark Europa inzwischen zusammengewachsen und wie kosmopolitisch und multikulturell es tatsächlich sei. Das lasse sich nicht mehr rückgängig machen, und das wollten die Bürger auch gar nicht, meint Wirtén.

Das urbane Europa

Auf seiner Reise findet er denn auch genug Beispiele dafür, wie selbstverständlich und unaufgeregt dieser europäische Alltag längst gelebt werde: "Der Hauptbahnhof in Krakau ist seit ein paar Jahren Teil eines großen Einkaufszentrums. Es hat eine polnische Note, könnte sonst aber auch in Bremen oder Barcelona liegen. Der urbane Lebensstil gleicht die Städte mit Nachdruck einander an. Es wäre jedoch falsch, in diesem Zusammenhang von 'Amerikanisierung' zu sprechen - vielmehr findet eine 'Europäisierung' statt. Fast alle großen Ketten sind deutsch, schwedisch oder spanisch, überall trinkt man irgendeinen Latte Macchiato, und ob nun in Budapest, Vilnius oder Wien - überall stößt man auf die Leuchtreklamen derselben europäischen Großbanken."

Aber wenn die EU gar nicht so sehr von ihren politischen Krisen und den Differenzen zwischen den Mitgliedsländern bedroht wird, wo liegt dann das Problem? Wirtén macht einen klaren Schuldigen aus: den Rückfall in den Nationalismus.

Die EU ist kein "Superstaat"

Ausführlich legt er dar, dass sich das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen lässt und die Einzelstaaten durch solche Versuche in Wirklichkeit geschwächt statt gestärkt werden. Die Macht werde nicht dem Volk zurückgegeben, sondern in den Händen einiger weniger konzentriert. Auch gehe es den Nationalisten von heute nicht mehr um Pathos, Symbole und Volksmusik, sondern nur noch um das Schüren von Hass auf alle, die nicht zur Mehrheitsbevölkerung gehörten. Schuld an Politikverdrossenheit hätten aber auch Politiker, die sich aus den Parteien zurückzögen und ein Vakuum hinterließen. Besonders verheerend sei jedoch die überall grassierende Angst, auch vor Europa:

"Europa ist kein Superstaat, und ein solcher würde auch nur den Fehler der Nationalstaaten wiederholen, wenngleich auf höherer Ebene. Europa lebt stattdessen von seiner Vielfalt und braucht sie. Brüssel ist kein Moloch, sondern in Wahrheit viel zu unscheinbar, und das Problem ist auch keine übertriebene Machtkonzentration, ganz im Gegenteil: Die Macht ist zu stark fragmentiert und zu unklar verteilt. Zu viel Macht bei der Kommission führt zur Herrschaft der Bürokraten. Hat der Europäische Rat der Staats- und Regierungschefs zu viel Macht, setzt sich am Ende der Stärkste durch, und die Kleinen bleiben auf der Strecke. Ein ermutigendes Zeichen ist dagegen die zunehmende Bedeutung des Europaparlaments, aber diese Entwicklung geht zu langsam, und der Widerstand ist stark."

Europa ist zum Greifen nahe

Wirtén lässt also keinen Zweifel daran, wo seine Sympathien liegen, und ein föderales Europa ist für ihn die Lösung, ein Modell, das eine politische Union mit lokaler Selbstverwaltung kombiniert und nicht alle Macht an einem Ort konzentriert. Um dieses Ziel zu erreichen, fordert der Autor die Bürger auf, ihre Angst hinter sich zu lassen und endlich den demokratischen Durchbruch zu wagen.

"Die Ziele der Europapolitik sind nicht länger ein entfernter Traum, auf den man nur geduldig warten muss - sie sind eine realistische Möglichkeit. Zum ersten Mal kann Europa zu diesem letzten Sprung ansetzen, wir sind ja schon so nah dran. Aber die Zeit zerrinnt uns zwischen den Fingern, und die Angst gewinnt wieder die Oberhand. Wir können nicht ewig warten - wann sind wir endlich da?"

Das Buch ist ein raffiniertes Konstrukt aus verschiedenen Ebenen, aus persönlichen Reiseerlebnissen, Reflexionen, historischen Ausführungen und politischen Stellungnahmen. Weniger gelungen ist dagegen die Verknüpfung mit einer weiteren Ebene: Wirtén schildert immer wieder seine Augen-Erkrankung und die drohende Erblindung. Die Metaphern und Parallelen zwischen dem persönlichen Gesundheitszustand und der Lage Europas sind entweder zu gewollt oder zu intim, und sie überzeugen auch nicht wirklich.

Außerdem bleibt Wirtén in einem Punkt erstaunlich vage: Wenn die Eurozone der Kern der künftigen EU werden soll - was soll dann aus Ländern wie Schweden werden, die freiwillig außerhalb stehen?

Trotz dieser kleinen Mängel ist Wirtén jedoch ein ebenso leidenschaftliches wie ausgewogenes Plädoyer für Europa und gegen die Angst vieler Bürger gelungen. Mit Zahlen und handfesten Argumenten werden gängige Klischees widerlegt, sowohl seitens der Kapitalismusgegner als auch der Nationalisten. Nicht auf alles gibt es schnelle und einfache Antworten, und es wird sie auch nie geben. Europa bleibt in Bewegung, und Krisen künden nicht automatisch vom drohenden Untergang, sondern sind Teil dieses Prozesses. Das Buch ist eine wahre Fundgrube spannender Gedanken - und das unabhängig davon, ob man Wirténs Einstellungen und Visionen teilt oder nicht.

Per Wirtén: "Är vi framme snart?" [Sind wir bald da?]
Albert Bonniers Verlag, Stockholm 2017, 220 Seiten, Preis: ca. 11 Euro

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