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StartseiteTag für TagDie Botschaft des Friedens bleibt11.10.2019

Evangelische Kirche 1989 und heuteDie Botschaft des Friedens bleibt

Aus Gebeten wurden Proteste: Bei der Friedlichen Revolution 1989 spielten evangelische Christinnen und Christen eine zentrale Rolle. Warum gibt es keine zentrale Gedenkveranstaltung dreißig Jahre danach gibt, versucht Sachsens Landesbischof Carsten Rentzing zu erklären.

Von Alexandra Gerlach

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Bild von der Montagsdemonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989 (dpa / Volkmar Heinz)
Am Montag, dem 9. Oktober 1989, findet nach dem Montagsgebet in der Nikolaikirche die historische, friedliche Montagsdemonstration mit über 70.000 Teilnehmern statt. (dpa / Volkmar Heinz)
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Plauen am vergangenen Montagabend. Vor der Lutherkirche haben sich Posaunenbläser aufgestellt und begrüßen die Passanten, die zur Kirche gekommen sind, um auf den Stufen am Portal brennende Kerzen abzustellen. Eine Passantin sagt:

"Weil wir vor genau 30 Jahren hier standen und gebetet haben, dass es alles friedlich endet. Das habe ich mit meinen Kindern hier zusammen erlebt."

Was haben Sie da noch für eine Erinnerung genau an diesen Abend?

"Das Schrecklichste war eigentlich als der Hubschrauber kam und die Wasserwerfer, das war so ein Trauma-Erlebnis für meinen achtjährigen Sohn, der sich in mich eingekrallt hat und gesagt hat, "Mama, Mama, Du hast gesagt, es kommt kein Krieg mehr. Also, wir wussten ja alle nicht, was passiert!"

Voll ist die Kirche nur zum Friedensgebet

Lutherkirchen-Pfarrer Andreas Gläser hat gemeinsam mit Carsten Rentzing, dem evangelischen Landesbischof in Sachsen zum Friedensgebet geladen. Das hat Tradition in Plauen. Andreas Glaser sagt:

"Wir haben jedes Jahr diesen 7. Oktober hier in Plauen begangen, die ganzen 30 Jahre immer auch mit einer Andacht und mit einem Wendegedenken an die friedliche Revolution."

Sachsens neuer Landesbischof Carsten Rentzing blickt am 29.08.2015 in der Kreuzkirche in Dresden (Sachsen) nach dem Einführungsgottesdienst zu den Gästen. (picture alliance / Matthias Hiekel)Der sächsische Landesbischof Carsten Rentzing (picture alliance / Matthias Hiekel)

An diesem Abend ist die stattliche, warm erleuchtete Kirche fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Das freut den Bischof:

"Seien Sie alle ganz herzlich willkommen geheißen zu diesem Friedensgebet. Dass Sie sich so zahlreich haben einladen lassen, stimmt mein Herz voller Dankbarkeit."

Längst sind die evangelischen Kirchen in Sachsen an Sonn- und Feiertagen nicht mehr so voll wie an diesem Abend. In den vergangenen Jahren haben Zehntausende evangelische Christen die Kirche verlassen, sind ausgetreten oder verstorben. Die Entwicklung ist gravierend für die Finanzen der Landeskirche. In den nächsten knapp 30 Jahren rechnet man mit einer Halbierung der Zahl der Gläubigen, die dann noch Mitglied der evangelischen Kirche sind. Statt 716.000 werden es dann voraussichtlich nur noch gut 400.000 evangelische Christinnen und Christen sein im Freistaat Sachsen, dem Kernland der Reformation und der friedlichen Revolution.

Wie konnte es soweit kommen? Ein Erklärungsversuch von Landesbischof Carsten Rentzing:

"Die Zeiten haben sich gewandelt. Die Kirchen werden nicht mehr als Raum gebraucht, an dem man frei reden, an dem man frei denken darf, an dem man sich frei zusammentun darf, jenseits aller staatlichen Ideologien der damaligen Zeit. Diese Aufgabe hat sich für die Kirche erledigt, aber das was wir damals eingetragen haben, das bleibt ja auch für die Gegenwart, die Botschaft des Friedens, der Menschenwürde, der Gerechtigkeit. All die Dinge, die damals wichtig waren, sind heute wichtig und wir versuchen, mit unseren heutigen Möglichkeiten und Mitteln in die Gesellschaft hinein zu tragen.

Eine protestantische Revolution

In einer Podiumsrunde an diesem Abend in der Plauener Lutherkirche erinnert der DDR-Bürgerrechtler und langjährige Grünen-Politiker Werner Schulz an die Bedeutung der evangelischen Gotteshäuser in der DDR:

"Wir haben ja praktisch seit Anfang der 80er Jahre in den Kirchen Oppositionskreise aufgebaut, Friedenskreise, Umweltkreise, Frauenkreise. Es hat sich eine widerständige Opposition gebildet und ich glaube, dieses Netzwerk war entscheidend und ich glaube auch, dass es ein Art protestantische Revolution war, diese friedliche Revolution, weil sie ging nie von Rathäusern und von Kulturhäusern, von Clubhäusern, FDGB-Häusern und dergleichen aus, es war immer die Kirchen."

Der frühere DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz in Berlin am 6.10.2015 bei einer Pressekonferenz des Verlags Kiepenheuer und Witsch zu Michail Sygars Buch "Endspiel. Die Metamorphosen des Wladimir Putin"  (imago / Metodi Popow)Werner Schulz gehört zu den prominenten DDR-Bürgerrechtlern. Er gründete das Neue Forum mit und saß nach dem Mauerfall mit am Zentralen runden Tisch der DDR. (imago / Metodi Popow)

Die Kirchen und ihre Gemeinden seien damals wichtige Rückzugs- und Orte der Stärkung für all jene gewesen, die den Aufbruch wagten, die sich nicht mehr mit den Verhältnissen in der DDR abfinden wollten, sagt Schulz rückblickend. Die Bedeutung der Evangelischen Kirche in dieser Umbruchzeit von 1989 sei groß und elementar gewesen:

"Dort haben sich die Menschen versammelt und wer Angst hatte, konnte sie dort überwinden, weil das hat Mut gemacht. Man hat die Leute ermutigt, ermächtigt, geht auf die Straße, gewaltlos und dieses ‚keine Gewalt!‘, das ist die prägnanteste und kürzeste Formel der Bergpredigt, die revolutionärste Stelle im Evangelium, wenn man so will."

"Die Gemeinschaft hat Mut gemacht"

Und heute? Zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution gibt es viele kirchliche Veranstaltungen landauf landab. Friedensgebete und Gottesdienste, aber keine zentrale Veranstaltung, die die Rolle der Kirche von 1989 nochmals hervorheben und würdigen könnte. Für Landesbischof Carsten Rentzing ist das keine Überraschung und auch nicht unbedingt gewollt:

"Eine gesamtkirchliche Veranstaltung! Aber das wäre dann auch wieder sehr in der Binnenlogik verblieben, wir sind ja Teil dieser Gesellschaft und diese Gesellschaft würdigt die Anlässe, den 7. Oktober, den 9. Oktober dann in Leipzig. Also insofern ist es, glaube ich, für uns als Kirche auch wichtig und gut, an dieser gesamtgesellschaftlichen Erinnerungskultur teilzuhaben und uns nicht davon irgendwo abzusetzen und eigenen Sachen zu machen."

In Leipzig ziehen an diesem Mittwochabend des 9. Oktober wieder Zehntausende Menschen nach einem Friedensgebet in der Nikolaikirche mit Kerzen in der Hand zum Augustusplatz und von dort auf den Ring, so wie 1989. Erinnerungen sind plötzlich wieder ganz präsent, es ist ein Abend der Emotionen. Eine Passantin, die auch 1989 mitgegangen ist, sagt:

"Wir kamen von der reformierten Kirche am Ring und sind durch die Stadt gelaufen, ja und dann über den Karl-Marx-Platz und dann über den ganzen Ring wieder zurück."

Wie war das vom Gefühl her damals?

"Hab jetzt schon wieder Gänsehaut, das werde ich nie in meinem Leben vergessen."

Was hat Sie damals alle so mutig gemacht?

"Ich glaube die Gemeinschaft. Wir waren mit den Kolleginnen, Freundinnen unterwegs, das hat uns, glaube ich, mutig gemacht, und was mich auch sehr mutig gemacht hat, war der Pfarrer in der Kirche."

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