Dienstag, 27. Februar 2024

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Ex-Tagebau-Gebiet Sophienhöhe
Rekultivierung als Chance

Im Zuge des Kohleausstiegs wird viel über den Strukturwandel und über Arbeitsplätze diskutiert. Doch was passiert mit den Tagebauflächen? Eine Idee: Rekultivierung. Durch sie soll nicht nur die Natur zurückkehren, sondern auch neuartige Erlebniswelten entstehen. So wie auf der Sophienhöhe bei Jülich.

Von Moritz Küpper | 17.12.2019
Die Sophienhöhe, die rekultivierte und bewaldete Abraumhalde des Tagebaus Hambach.
1998 begann die Rekultivierung des Tagebaus Sophienhöhe im Rheinland (Deutschlandradio / Moritz Küpper)
Georg Eßer ist vorgelaufen, über den matschigen Boden der Sophienhöhe, zeigt auf den kleinen Erdwall, hinter dem es steil bergab geht:
"Ich glaub, hier kann man nochmal gut erkennen, aus diesem Tagebau raus, wird die Landschaft, die wir gerade gesehen haben..."
Er schaut über den Erdwall. Tief unten, hunderte Meter entfernt, steht einer dieser gigantischen Schaufelradbagger im Tagebau Hambach. Eßers Finger zeigt hinab:
"Selbstredend ist das ein großer Eingriff hier in Natur und Landschaft, den wir hier verursachen, aber die Selbstheilungskräfte der Natur wirken sehr schnell und man sieht: Daraus werden Lebensräume, die sehr schnell einen hohen Wert haben."
Rekultivierung als Chance
"Leiter der Forschungsstelle Rekultivierung bei ‚RWE Power‘", so lautet Eßers offizieller Titel. Der 48-Jährige, blauer Pullover, schwarz Hose, braune Haare, ist nahe dem benachbarten Braunkohle-Tagebau Garzweiler aufgewachsen, studierte Ingenieurwesen, kümmerte sich einige Jahre in der freien Wirtschaft um die Renaturierung von Gewässern, bevor er – vor etwa zehn Jahren – begann, sich um die Renaturierung des Tagebau Hambachs zu kümmern. Er zeigt auf die Erdmassen, die der Schaufelradbagger freigelegt hat, auf Sand, auf Ton – und schwenkt seinen Blick vom Loch rüber, auf die andere Seite, auf der Gräser wachsen, Bäume stehen:
"Wir haben hier eine Riesen-Tool-Box unterschiedlicher Substrate und wenn wir die klug zusammenbauen, klug rekultivieren, dann ist Rekultivierung auch eine Chance, um das zu erstellen, was artenreich ist, was für den Menschen noch interessanter ist, als was vorher war."
Er zuckt mit den Achseln.
"Und ich glaub, diese große Chance, die wird bei der ganzen Diskussion, die man ja durchaus führen kann, wenn man so einen Tagebau sieht, die wird vollkommen… Oder: Die wird viel zu wenig gesehen."
Sein Blick schweift zurück, auf das Loch. Das Rheinische Revier, zwischen Aachen, Köln und Mönchengladbach gelegen, ist mit rund 55 Milliarden Tonnen die größte zusammenhängende Braunkohlelagerstätte Europas, der Tagebau Hambach der tiefste darin. Auf der anderen Seite des Tagebaus, liegt der Hambacher Forst beziehungsweise die restlichen 400 Hektar, jenes einst 12.000 Hektar großem Waldgebietes, das nun wohl stehenbleiben soll, in dem Aktivisten in Baumhäusern wohnen.
Die Sophienhöhe ist ein bereits vor Jahren rekultiviertes Gebiet. Das heißt, die Landschaftsflächen die dem Tagebau zunächst dienlich waren, sind wieder aufgeforstet und lebensnah für Pflanzen und Tiere gestaltet worden.
Die Sophienhöhe ist ein bereits vor Jahren rekultiviertes Gebiet. Das heißt, die Landschaftsflächen die dem Tagebau zunächst dienlich waren, sind wieder aufgeforstet und lebensnah für Pflanzen und Tiere gestaltet worden. (Deutschlandradio / Moritz Küpper)
Direkt an den Wald wird künftig wohl der große Tagebau-See heranreichen. Doch: Noch ist offen, woher die Massen Erdreich und Ähnliches kommen soll, das die steilen Kanten rechts und links vor dem Hambacher Forst abflachen.
"Also, letztendlich ist klar, dass die Sophienhöhe den katastrophalen Eingriff in Natur und Landschaft dort nicht ersetzen kann."
Dirk Jansen, Geschäftsleiter des Umweltverbandes BUND in NRW, einer der größten Gegner des Braunkohle-Tagebaus, sitzt in seinem Büro in Düsseldorf. Es waren Jansen und seine Mitstreiter, die sich nun als Sieger fühlen dürfen, die mit Großdemonstrationen und in der sogenannten Kohlekommission durchgesetzt haben, dass der Kohle-Ausstieg früher kommt, dass er im Westen beginnt und dass der Hambacher Forst wohl stehen bleibt.
"Wenn es denn so kommt, dass die Reste des Hambacher Waldes erhalten bleiben, dann eröffnen sich ganz andere Spielräume für Rekultivierung auch."
Aktuell gibt es wohl Pläne, die Massen rund um den Hambacher Forst zu generieren. Jansen schüttelt den Kopf:
"Also, es wäre ja geradezu absurd, jetzt noch Flächen des Hambachers Waldes in Anspruch zu nehmen oder auch Flächen links und rechts des Hambacher Waldes, die ja entsprechende Entwicklungspotentiale hin zu einer Waldgesellschaft bieten. Die zu vernichten, also zwölftausend Jahre alte Böden zu zerstören, um damit die Sophienhöhe dann weiter anzuschütten."
Georg Eßer, Leiter der Forschungsstelle Rekultivierung bei "RWE Power"
Georg Eßer, Leiter der Forschungsstelle Rekultivierung bei "RWE Power" (Deutschlandradio / Moritz Küpper)
Georg Eßer, der "Leiter Forschungsstelle Rekultivierung", sitzt im Auto, fährt auf Schotterwegen durch die Sophienhöhe, aus dem Fenster zeigen sich unterschiedliche Landschaften: Mal sandiger Untergrund, dichter Waldbewuchs, viele kleine Lichtungen und ab und an ein paar kleine Teiche. Eßer zeigt auf tote Baustämme, die einfach in der Landschaft stehen.
"Solche Tothölze, die in den Beständen drin stehen - das wird oft als Marterpfahl belächelt, sollte man aber nicht tun, weil es gibt keinen Baum, der nicht wichtiger Lebensraum für irgendeine Art ist: Fledermäuse, Vögel, für Insekten, aber auch selbst Reptilien, die sich da reinzwängen."
Naherholungsgebiet statt Baggerlärm
Laut Eßer leben Rehe, Dachse, Füchse, Muffelwild, Damwild, natürlich Wildschweine, aber auch viele Kleintiere auf der Sophienhöhe. Im Jahr 1988 begann die Rekultivierung, mittlerweile ist der 13 Quadratkilometer große Hügel fast komplett bewaldet, ist das Ganze ein Naherholungsgebiet geworden. Auf einer Bank am Wegesrand, sitzt ein älteres Paar, schaut in die Landschaft:
"Ja, dass es langsam alles wieder natürlicher wird. Das wieder Altbestand ist. Es ist alles noch zu jung."
Seine Frau unterbricht ihn:
"Mein Geburtsort, der ist praktisch durch Rheinbraun, RWE, weg. Hat mich damals nicht." - "Weggebaggert." - "Aber heute sage ich, ich hätte das gern meinen Kindern mal gezeigt. Aber: Das hier haben wir schon sehr viel genutzt."
Eßer fährt weiter, passiert einige künstlich aufgeschüttete Ameisenhaufen. Er, der RWE-Mann, erzählt davon, dass auch sie die enorm trockenen Sommer merken, dass dies auch bei der Aufforstung eine Rolle spielt:
"Hm, natürlich macht man sich Gedanken darüber, welche Forstpflanzen verwenden wir jetzt noch, ob man vielleicht zukünftig auch mal die Pflaumeneiche oder die Kastanie verstärkt benutzt, als eine Art, die durchaus auch solchen Klimaveränderungen gut mit klar kommt."
Der Wagen stoppt, Eßer steigt aus, läuft einen sandigen Hügel hoch:
"Wir sind hier am Höller Horn, zweithöchster Punkt der Sophienhöhe und was man hier wunderschön erkennen kann, ist dieser einfache, aber ganz wichtige und wertvolle Satz: Standortvielfalt schafft Artenvielfalt."
Die stille Attraktion der Sophienhöhe
Eßer zeigt auf den umliegenden Sand:
"Die Attraktion der Sophienhöhe, die lebt hier eben nicht von irgendwelchen krachmachenden Besonderheiten, sondern die lebt von dieser Biotop-Vielfalt, die für uns Menschen auch einen hohen Erlebniswert hat, weil: Von hier aus sehen wir den Kölner Dom, wir sehen von hier aus fast bis ins Siebengebirge."
Und wer einen Tag mit Georg Eßer über und durch die Sophienhöhe fährt, bekommt einen Eindruck davon, warum die Rekultivierung hier als vorbildlich gilt.
"Wenn alle Bagger hier längst verschwunden sind, wenn die Baumhäuser alle abgebaut sind, dann ist die Rekultivierung das, was über viele Jahrhunderte bleibt. Und deswegen sollte man da nicht einfach irgendwas schaffen oder was Langweiliges schaffen, sondern was richtig Gutes und die Chance haben wir genau jetzt."
In der Zeit des endgültigen Kohle-Ausstiegs.