Donnerstag, 09. Dezember 2021

FachkräftemangelWie das Handwerk gegen die Personalnot kämpft

Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks fehlen derzeit bundesweit 250.000 Mitarbeiter. Der Personalmangel hat Folgen: Durchschnittlich liegt die Wartezeit, bis ein Auftrag begonnen werden kann, bei knapp neun Wochen. Es können aber auch deutlich mehr sein. Und ein Ende der Misere ist noch nicht in Sicht.

Von Anja Nehls | 18.10.2021

Im Handwerk werden Auszubildende dringend gesucht
Im Handwerk werden Auszubildende dringend gesucht (picture alliance / Arifoto Ug/Michael Reichel/dpa-Zentralbild/dpa | arifoto UG)
"Also genau sind wir jetzt beim Vorbereiten, um den Läufer zu verlegen. Also die Malerarbeiten sind durchgeführt und der letzte Schritt ist jetzt die Auslegeware, also der Treppenläufer." Baubesprechung im Mehrfamilienhaus von Tim Lehmann im Berliner Südwesten. Ewa Maciejewska hat mit ihrer kleinen Baufirma das Treppenhaus saniert, für eine Wärmedämmung des Daches gesorgt und muss jetzt noch die Gesimskästen unter dem Dachüberstand instandsetzen, weil das Haus in die Jahre gekommen ist.
In der Metallwerkstatt des Bildungswerks der Sächsischen Wirtschaft in Chemnitz (Sachsen) startet Thai Minh Nguyen aus Vietnam am in die Ausbildung zum Mechatroniker. Insgesamt sechs junge Leute aus Bulgarien, Polen und Vietnam haben dort 2014 ihre Berufsausbildung in den sogenannten Mangelberufen aufgenommen. 
Azubimangel in Kleinstbetrieben
Großfirmen locken Auszubildende mit materiellen Anreizen. Für kleine Betriebe ist die Suche hingegen zeit- und kostenaufwändig, oft geben sie auf – fatal für das duale Berufsausbildungssystem.
Mehrere Wochen hat Tim Lehmann gewartet, bis die Handwerker Zeit für ihn hatten. Und wenn man sich nicht schon so lange kennen würde, hätte es sowieso nicht geklappt, sagt Ewa Maciejewska, die sich vor Anfragen nicht retten kann: "Das ist jetzt im Moment tatsächlich so, dass ich nur Aufträge von Menschen nehme, die ich mag. Und alle anderen anderen nehme ich nicht oder ich verschiebe sie endlos."
Im Gesamthandwerk liegt die durchschnittliche Wartezeit derzeit bei knapp neun Wochen, bis ein Auftrag begonnen werden kann. Im Bau- und Ausbaubereich sogar bei zehn bis 15 Wochen. Auf eine Reparatur seiner Heizungsanlage wartet Tim Lehmann inzwischen seit über einem halben Jahr: "Und da musste ich mehrfach nachfragen und die Firma hat deutlich gemacht, dass sie Personal verloren hat und dass sie mit der Situation auch als Firma überfordert sind und hat mich immer weiter vertröstet. Es ist auch noch nicht erledigt."

Mangel in vielen Branchen

Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks fehlen im Handwerk bundesweit 250.000 Mitarbeiter – in einigen Bereichen sei die Situation sogar dramatisch, sagt der Präsident Hans-Peter Wollseifer: "Da kann ich benennen den Hochbau, Tiefbau, Straßenbau, natürlich alle Ausbaugewerke, aber auch Sanitär, Heizung, der Bereich Elektro, aber auch so Bereiche wie Lebensmittelgewerke, Metzger, Bäcker, in den Gesundheitshandwerken wie Orthopädietechniker herrscht Mangel vor, also es gibt breit angelegt einen Mangel an Fachkräften im Handwerk mittlerweile."
Der Fachkräftemangel führt zusammen mit den derzeit stark gestiegenen Preisen für Baumaterialien zu höheren Kosten für Handwerkerleistungen. Ob das nun gut oder schlecht ist, sei aber letztlich eine Frage der Perspektive, so Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung: "Es ist natürlich erstmal gut für die, die Fachkräfte sind, die Handwerker sind, die viele Nachfragen haben und sich gewissermaßen aussuchen können, was sie machen und auch ihre Preise erhöhen können. Also Knappheit von Fachkräften heißt, man muss die Menschen besser bezahlen und besser behandeln und das ist jetzt erstmal für die Betroffenen nichts Schlechtes."
Ein Azubi steht im Berufsbildungszentrum der Remscheider Metall- und Elektroindustrie an einer Werkzeugmaschine.
Jugendliche in der Pandemie Wechselunterricht und geschlossene Schulen haben Jugendliche in die eigenen vier Wände verbannt. Etliche klagen über psychische Belastungen.
Ewa Maciejewska beschäftigt sechs langjährige Mitarbeiter, allesamt aus Polen. Für mindestens 15 weitere gäbe es zwar Arbeit genug, aber es sei einfach niemand zu bekommen – trotz Stundenlöhnen von bis zu 30 Euro: "Gute Handwerker, also Arbeiter, die muss man gut bezahlen, sonst funktioniert das nicht. Also wenn man schlecht die Leute bezahlt, dann sind sie demotiviert und haben keine Lust."
Und liefern dann eben auch schlechte Arbeit, so Maciejewska. Gute Handwerker seien inzwischen wertvoll wie Goldstaub. Wenn Bauen teurer wird, wird auch Wohnen teurer, so Marcel Fratzscher. Während ein Fachkräftemangel in anderen Branchen durch Automatisierung und Digitalisierung teilweise aufgefangen werden kann, wird es im Handwerk nämlich schwierig: "Wir sehen schon jetzt, dass die Knappheit der Fachkräfte im Handwerk eine Bremse für die Bauwirtschaft ist. Wenn die Baubranche diese Menschen nicht einstellen kann und die Aufträge nicht abarbeiten kann, dann entsteht weniger schnell zum Beispiel neuer Wohnraum. Der ja in den größeren Städten dringend benötigt wird."

Zahlreiche Ausbildungsplätze nicht besetzt

Nach Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung konnten die Betriebe im vergangenen Jahr 30 Prozent der Ausbildungsplätze für Betonbauer, Bodenleger und Gerüstbauer nicht besetzen. Zwar steigen die Ausbildungszahlen wieder leicht an, aber das reiche längst nicht aus, um den Bedarf zu decken - auch weil etwa die Hälfte der Fachkräfte binnen fünf Jahren nach der Ausbildung die Branche verlassen und in andere Berufe wechseln, so die IG Bau. Ohne Zuwanderung wird es nicht gehen, meint Marcel Fratzscher.
Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sitzt während eines Interviews mit der Deutschen Presse-Agentur dpa in seinem Büro.
DIW-Präsident Marcel Fratzscher (picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka)
Neben 60.000 bis 80.000 sogenannten Entsendearbeitnehmern, die jedes Jahr legal auf deutschen Baustellen arbeiten, kamen durch die 2016 in Kraft getretene Westbalkan Regelung bisher auch Menschen zum Beispiel aus Serbien, Montenegro oder Albanien, die hier zum Beispiel als Eisenflechter dringend gebraucht werden, meint Ilona Klein vom Zentralverband Deutsches Baugewerbe: "Die brauchen sie bei größeren Bauvorhaben, im Mietwohnungsbau, wo sie eben viel mit Beton arbeiten, braucht man solche Menschen. Die kommen zurzeit aber gerade nicht ins Land wegen Corona und die deutsche Botschaft in Sarajevo braucht Ewigkeiten, um überhaupt ein Visum zu erteilen. Aber das können sie nicht ersetzen."
Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, prophezeite kürzlich, dass Deutschland eine Zuwanderung von 400.000 Arbeitskräften im Jahr benötige, damit der zunehmende Arbeitskräftemangel nicht nur im Handwerk halbwegs begrenzt werden könne.

Jeder zweite Geflüchtete in Ausbildung lernt ein Handwerk

"Die Brille ist Gleitsicht, also für Gleitsichtgläser gibt es hier immer Markierungen, das kann ich hier sehen, sie haben fast keine Stärke in der Ferne, sie haben bloß ein bisschen Hornhautverkrümmung, hier Zylinder, und in der Nähe plus zwei Dioptrien." Issa Attaff berät eine Kundin bei Brillen Marx in Berlin Tempelhof. 2015 kam er aus Syrien und entschied sich für das Handwerk: "Es gibt Mangel hier beim Handwerk, das ist sehr gut, dass man erstmal eine Ausbildung machen kann und dann direkt eine Arbeit findet, also, genau, medizinische Richtung und handwerkliche Richtung sind sehr gesucht in Deutschland."
Als Augenoptiker hat Attaff inzwischen ausgelernt, studiert Optometrie und jobbt nebenbei in seinem Ausbildungsbetrieb. Jeder zweite Geflüchtete in Ausbildung lernt ein Handwerk. Das waren im vergangenen Jahr 25.000 junge Menschen. Für Augenoptikermeister Peter Ziegner sind die jungen Syrer in seinem Geschäft willkommene Nachwuchskräfte. Er erwartet aber auch generell bessere Zeiten, wenn es darum geht, Auszubildende zu finden, der Grund sei Corona.
Ein Antrag auf Ausbildungsförderung (BAföG)
"Mit dem Meisterbrief wird eine Eintrittsbarriere errichtet"
Nachdem die Meisterpflicht in bestimmten Handwerksberufen abgeschafft worden sei, habe der Markt eine hohe Dynamik entwickelt, sagte Achim Wambach, Vorsitzender der Monopolkommission.
Denn viele Handwerker waren systemrelevant: "Handwerk ist wichtig und die konnten arbeiten, man kann sie nicht ins Homeoffice setzen. Man hat seine Kollegen, die Struktur des Alltags ist ziemlich gleichgeblieben. Viele Leute haben zuhause gebaut, man hat gemerkt, wie wichtig mit den Fingern zu arbeiten ist. Und dadurch ist Handwerk glaube ich groß im Kommen. Das sind Auswirkungen von Corona, das glaube ich wirklich."
Noch ist das Zukunftsmusik. Denn seit Jahren geht die Zahl der Auszubildenden im Handwerk zurück. Im vergangenen Jahr sank durch die Corona Krise die Zahl der Ausbildungsverträge insgesamt um elf Prozent. Weil im Handwerk größtenteils weitergearbeitet wurde, ging die Zahl hier nur um 7,5 Prozent zurück. Jetzt steigen die Auszubildendenzahlen wieder an, beim Handwerk stärker als anderswo. Das führt auch Thomas Bareiß, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, auf einen Imagegewinn zurück.
Handwerker können nicht durch Maschinen ersetzt werden und hätten nun auch noch eine politische Bedeutung durch die beschlossene Energiewende "und den schrittweisen Umbau unserer Heizungsanlagen oder auch Modernisierung der Häuser. Denn oftmals sind die Ziele, die wir uns vorgenommen haben, von solchen Dingen ganz besonders abhängig. Und wenn wir nicht genügend Handwerksbetriebe und Fachkräfte haben, die das umsetzen, was wir in der Politik beschließen, dann wird jedes Ziel, das wir uns vorgenommen haben, nicht erreichbar sein."

Viele brechen Ausbildung ab

Besonders gefragt bei der Umsetzung der Energiewende sind die SHK-Handwerker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Auch hier steigen die Ausbildungszahlen an, dennoch fehlt bereits jetzt jeder zehnte Mitarbeiter, Tendenz steigend, sagt Andreas Koch-Martin von der SHK Innung Berlin: "Weil das, was uns von der Politik auch vorgegeben wird an Energiewendeleistungen, das ist mit dem, was wir bisher an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben in der Branche gar nicht zu machen. Zumal die demografische Entwicklung deutlich dahin weist, dass in den nächsten Jahren mehr ausscheiden werden, als wir mit den Zahlen, selbst wenn sie erstmal ganz gut sind, dazugewinnen."
Junge Erwachsene mit Atemschutzmaske arbeitet stehend an einem Tisch in einer Werbefirma
Ausbildungsprämie erntet Lob und Kritik
Damit sich der Fachkräftemangel nicht zusätzlich verschärft, hat der Bund eine Ausbildungsprämie beschlossen. Sie soll Betriebe mit bis zu 3.000 Euro pro Azubi bezuschussen.
Noch dazu sind die jetzt abgeschlossenen Ausbildungsverträge noch lange kein Garant dafür, in drei Jahren auch einen neuen Handwerker zu haben. Viele brechen die Ausbildung unterwegs ab oder schaffen die Prüfungen nicht. "Wir hatten in diesem Winter in der Winterprüfung eine Durchfallquote von 55 Prozent. Und das vor dem Hintergrund, dass wir während der Ausbildung schon ein Drittel verloren haben. Das heißt de facto kommt nur zwischen 30 und 40 Prozent hinterher durch die Prüfung. Und selbst dort wissen wir nicht genau, ob die denn auch hinterher dem SHK-Handwerk gewogen bleiben oder ob die woanders hingehen."
Weil über die Hälfte der Auszubildenden zu schlechte Mathekenntnisse hat, unterstützt die Innung mit Förderunterricht. Und weil sich nur 20 Prozent der Auszubildenden bewusst und auf eigenen Wunsch für den Beruf entscheiden, sollen die anderen nachträglich überzeugt und an den Betrieb gebunden werden. Onboarding heißt das Zauberwort. Dazu werden die Ausbilder geschult, in manchen Fällen gibt es auch Firmenkleidung, Diensthandy und Dienstwagen.
Insgesamt seien aber die Klimaberufe so anspruchsvoll geworden, dass die jungen Leute tatsächlich überfordert seien, so Koch-Martin.Schon 2003 waren der Sanitärinstallateur und der Heizungsbauer zum Anlagenmechaniker zusammengefasst worden: "Anlagenmechanikerin heißt Heizung, heißt Wasser, Sanitär, heißt erneuerbare Energien und heißt Klimatechnik, das ist alles hochanspruchsvoll. Ich denke, es wird so kommen, dass wir uns künftig über Teilqualifikationen unterhalten werden müssen, weil wir sonst die gesamtgesellschaftlichen und wirtschaftlichen und ökologischen Herausforderungen nicht in den Griff bekommen werden."
Neben einer besseren Schulbildung und viel Zeit für die Ausbildung der jungen Leute in den Betrieben brauche es deshalb auch hochmoderne Ausbildungszentren, die den künftigen Anforderungen gerecht werden, so Handwerkspräsident Hans-Peter Wollseifer: "Die Universitäten werden im Milliardenhöhe unterstützt, unsere Bildungsstätten sind weit davon entfernt. Und die müssen wir digital ausrichten, da müssen wir innovative Einrichtungen, 3D-Drucker und vieles mehr installieren. Dafür braucht es natürlich finanzielle Mittel."

Was die Abschaffung der Meisterpflicht brachte

Laut einer Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung am Institut der deutschen Wirtschaft fehlen dem Handwerk aktuell 54.000 Gesellen, und 5.500 Meister. Bereits 2004 ist deshalb für 53 Handwerksberufe die Meisterpflicht abgeschafft worden. Man musste also keinen Meisterbrief haben, um ein Unternehmen zu gründen. So wurden zwar mehr Betriebe gegründet, es fehlte aber schnell an Nachwuchs, weil viele Betriebe ohne Meister nicht ausbildeten.
Also wurde im vergangenen Jahr die Meisterpflicht in zwölf Berufen wieder eingeführt – unter anderem für Fliesenleger, Parkettleger und Raumausstatter, sagt Wirtschaftsstaatsekretär Thomas Bareiß: "Der Meisterbrief ist ein Siegel für gute Qualität, für eine wichtige Ausbildung. Ich finde die Qualität des Handwerksberufs darf nicht leiden, deshalb darf auch die Eintrittsschwelle zum Handwerksberuf nicht weiter reduziert werden, damit der Beruf auch attraktiv bleibt."
Offenbar nicht attraktiv genug für den Nachwuchs. Viele Betriebe haben deshalb bereits Konsequenzen gezogen. Thomas Bareiß stellt fest, "dass viele Handwerksbetriebe aufgrund dessen, dass sie nicht mehr den Nachwuchs bekommen, dass sie auch nicht mehr genügend qualifizierte Schulabgänger für ihre freien Ausbildungsberufe haben, dass die sich dann verkleinern, sie ersetzen Mitarbeiter, die aus dem Unternehmen ausscheiden nicht mehr nach und das führt dazu, dass die Engstellen immer noch größer werden und dann Schritt für Schritt viele Handwerksbetriebe dann auch aussterben in den nächsten Jahren."
Knapp 28.000 Ausbildungsplätze im Handwerk sind für dieses Ausbildungsjahr noch unbesetzt. Auch weil zwischen den Handwerksberufen große Unterschiede bestehen, gibt es keine einheitliche Strategie, um den Mangel zu beheben. Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer betont die guten Karrieremöglichkeiten im Handwerk, setzt auf moderne Ausbildungszentren und eine Imagekampagne. Darüber hinaus hat jede Innung, jeder Betrieb und jedes Gewerk eigene Probleme und deshalb eigene Konzepte. Junge Augenoptiker müssen anders gewonnen werden als Maurer. Die SHK Innung will verstärkt in den Schulen und auf Messen um den Nachwuchs werben. Staatsekretär Thomas Bareiß möchte junge Handwerker beim Weg in die Selbstständigkeit besser unterstützen und das Baugewerbe wünscht sich ein flexibleres Einwanderungsrecht, das Fachkräften auch aus Nicht-EU-Ländern erlaubt, hier zu arbeiten. Zwei Probleme würden alle diese Vorstöße allerdings nicht lösen, so Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung:
"Man muss ehrlich sein, wir haben eben ein demographisches Problem, es kommen immer weniger junge Menschen nach, wir haben eine zunehmende Anzahl von Schulabbrechern, die dann eben auch keine Lehre machen können oder nicht so leicht eine Lehre machen können, das kommt hinzu. Wer den Handwerkermangel bekämpfen will, muss bei der Schulbildung anfangen, so Fratzscher.
Ein Nachwuchsproblem gibt es bei der Dachdeckerei Viellechner in Berlin Tempelhof nicht. Viele der Auszubildenden haben Abitur, einige studieren hier sogar neben ihrer Ausbildung studieren.

Spitzenquote in Berlin

"Das wird jetzt ordentlich ins Regal einsortiert, weil das leider ein bisschen zuviel war. – Restemanagement. – Genau. Können wir noch verwenden für andere Sachen, ich schau jetzt, wie der Zuschnitt ist. Wenn man jetzt sagt, ich brauche ein 20er-Blech, also 20 cm im Zuschnitt, kann man direkt das im Regal hier finden ohne länger suchen zu müssen."
Alina ist Auszubildende kurz vor dem Abschluss. In einem Hinterhof stapeln sich in mehreren kleinen Gebäuden Metallbleche und Dachrinnen, Bretter und Balken und Kleinteile wie Schrauben, Nägel und Dübel tip-top sortiert und katalogisiert. Heute nachmittag müssen die Auszubildenden ihre Berichtshefte abgeben, anschließend wird gemeinsam gegrillt:
"Ich lerne Klempner. Die meisten Leute denken, das ist diese Sanitärgeschichte, ist es aber gar nicht, es geht eigentlich um Metallarbeiten am Dach und an der Fassade. Ich wollte was Handwerkliches machen, ich hatte das in meiner Jugend nie gelernt und irgendwann habe ich mal im Urlaub festgestellt, dass mir das eigentlich liegt, dass mir das Spaß macht. Also bei mir in der Berufsschule sind auch super wenig Leute, die kriegen die Klassen kaum voll. Und so generell werden die Leute einfach so darauf geimpft, ins Studium zu gehen. Also ich habe auch Abitur gemacht, ich habe auch erst angefangen zu studieren, obwohl ich gar nicht so der Mensch dafür bin eigentlich."
Junge Menschen wie Alina sind die Chance des Handwerks, sagt ihr Chef Lasse Kutzbach, der selber nach seiner Lehre noch Architektur studiert hat. Von 60 bis 70 Mitarbeitern bei der Firma Viellechner sind 20 Auszubildende. Eine Spitzenquote in Berlin. Ausgebildet werden hier Dachdecker, Zimmerer und Klempner. Gerade eben hat Lasse Kutzbach wieder zwei Bewerbungsgespräche geführt: "Heute hatten wir einen Dachdecker und einen Zimmermannsbewerber da. Wir sind in der glücklichen Lage nicht gezielt suchen zu müssen. Also wenn wir mal so spezielle Posten zu besetzen haben ja, aber das meiste passiert initiativ oder Empfehlungsmarketing unter den Mitarbeitern."
Das Arbeitsklima ist gut, die Ausbildung hervorragend. Joschi hat gerade als Innungszweiter mit Eins abgeschlossen. Nun steht er in der traditionellen Zimmermannskluft vor seinem Ausbilder: schwarze Cordhose mit Schlag, Weste und weißes Hemd, genannt Staude:
"Praktisch ist es nicht, aber es ist der Stolz, dass man Zimmererhandwerk, Zimmermannskunst gelernt hat. – Und es sind acht Knöpfe für acht Stunden am Tag und die Jacke hat sechs Knöpfe für sechs Tage in der Woche. Das ist durchgestylt. Als ich nach meiner Lehre hier zum Studium nach Berlin gekommen bin, saß ich auch mit Staude und Kluft und habe mir so Arbeit gesucht, um mein Studium zu finanzieren und die Leute sind weggerückt, ja, in der U-Bahn, so als Arbeiter. Und ich stolz wie Oskar, vom Land so aus Norddeutschland, Ostfriesland, wenn man da Zimmermann war, war man der König auf dem Bau und hier in Berlin war man der Abschaum. Ich habe wirklich das Gefühl, das ändert sich langsam wieder."
Aber natürlich sei es auch leichter, Auszubildende für das Zimmermannshandwerk zu finden, als für andere Gewerke, sagt Lasse Kutzbach: "Die Romantik beim Zimmermann, ja Kluft, Sonnenuntergang, Dachstuhl aufzimmern, aufschlagen, das ist was Besonderes. Wenn sie an Handwerk denken, dann an Zimmermann, das wollen die machen. Unsere Kunst ist es dann, diese Romantik in die Realität umzusetzen, dass die Enttäuschung nicht da ist, wenn wir dann eine Deckenbalkensanierung mit Schlackeschüttung von unten machen und die von oben bis unten schwarz gepudert rauskommen."
Die meisten seiner Auszubildenden bleiben und machen hier als Gesellen erstmal weiter. Einige besuchen die Meisterschule und werden in der Firma nach Kräften unterstützt. Viele kommen Samstags freiwillig, um zu üben – der Chef ist auch dabei: "Zimmerleute bauen hier ihre Modelle, Dachdecker decken ihre Dachmodelle ein, bei anderen Chefs haben sie das nicht, dass die Material zum Üben nehmen dürfen. Und da kommen sogar andere Azubis, die das bei sich nicht lernen dürfen und lernen hier mit. Und wenn sie irgendwann mal keinen Job haben, wo haben sie gute Erinnerungen und rufen an? Jetzt hier Dachdeckermeisterschule, da haben wir auch dieses Jahr einen, der das macht, der kommt jetzt samstags mit vier anderen aus seiner Schule, weil ich hier die Räume habe, da bin, Fragen beantworte. Und da wird einer mit Sicherheit keinen Job haben im Anschluss, das heißt, ich habe aus einem Meister zwei Meister gemacht, ohne abwerben zu müssen."
Demnächst will Lasse Kutzbach seine Firma vergrößern. Um genügend Mitarbeiter muss er sich nicht sorgen und Aufträge gibt es so viele, dass nur fünf Prozent überhaupt bearbeitet werden können. Die Pläne für ein größeres Firmengebäude in Tempelhof liegen fertig in der Schublade und bauen werden das alle gemeinsam hier natürlich selbst.