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StartseiteDeutschland heuteSchlechte Noten vom ADFC09.04.2019

Fahrradfreundliche StädteSchlechte Noten vom ADFC

Bremen, Karlsruhe und Bocholt zählen nach der aktuellen Erhebung des ADFC zu den fahrradfreundlichsten Städten in Deutschland. Es gebe Verbesserungen, erklärte Christoph Schmidt vom ADFC im Dlf, aber es müsse bundesweit noch viel mehr getan werden, um die Menschen aufs Rad zu locken.

Christoph Schmidt im Gespräch mit Jessica Sturmberg

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Zwei Radfahrer fahren über den Bremer Marktplatz, im Hintergrund das Rathaus.   (dpa / Michael Bahlo )
Bremen zählt laut ADFC zu den fahrradfreundlichsten Städten Deutschlands. (dpa / Michael Bahlo )
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Jessica Sturmberg: Seit 31 Jahren wird Jahr für Jahr die fahrradfreundlichste Stadt in Deutschland ermittelt. Seit 21 Jahren macht das der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) und inzwischen wertschätzt auch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer die Bedeutung des Fahrrads als klimafreundliches Verkehrsmittel und war bei der Präsentation der neuen Ergebnisse des ADFC heute in Berlin dabei.

Die Ergebnisse sind seit gut einer Stunde raus: Der ADFC unterscheidet bei dem Vergleich nach Größe der Stadt. Da gibt es verschiedene Kategorien. Aber was man sagen kann: Die beste Note von allen Städten hat Bocholt erhalten. Bei den Großstädten lag Bremen vorne, bei den größeren Städten Karlsruhe, und wer jetzt den Namen Münster vermisst: Die Stadt ist von Karlsruhe überholt worden.

Das wollen wir jetzt alles einordnen mit Christoph Schmidt vom ADFC. Herr Schmidt, guten Tag!

Christoph Schmidt: Hallo!

Sturmberg: Was sind denn für Sie bedeutende Kriterien bei der Ermittlung der fahrradfreundlichsten Städte?

Kriterien bei der Bewertung

Schmidt: Wir haben eine ganze Bandbreite von Kriterien dort. Wir schauen insbesondere, ob es stressig ist, mit dem Rad zu fahren, oder ob es Spaß macht, in der jeweiligen Stadt zu fahren. Es wird unter anderem bewertet, ob man Konflikte hat mit Fußgängern, mit anderen Radfahrern, mit Kraftfahrzeugen, ob die Radwege eine gute Qualität haben, eine angemessene Breite, ob man das Rad sicher parken kann, verschiedenste Dinge quer über die Bandbreite der Radnutzung.

Sturmberg: An der Befragung kann jeder teilnehmen? Oder wie wird das genau erhoben?

Schmidt: Es kann jeder teilnehmen. Es ist letztendlich keine repräsentative Umfrage, aber es sind doch so viele Teilnehmer dabei, dass wir davon ausgehen, dass das schon die Stimmung im Land sehr gut wiedergibt. Es gibt jetzt kein Kriterium, dass man bestimmte Kilometerlänge pro Woche oder irgendwas fahren muss. Jeder kann teilnehmen und man gibt aber auch an, ob man Vielfahrer ist, oder ob man selten Rad fährt.

Sturmberg: Wird das Ganze denn auch wissenschaftlich begleitet?

Schmidt: Es wird wissenschaftlich begleitet. Wir haben erst mal jemanden, der an der TU Dresden promoviert hat, und die TU Dresden ist auch im wissenschaftlichen Beirat des Klimatests drin. Natürlich hat das Ganze Hand und Fuß, was wir da tun, seit vielen Jahren.

Insgesamt schlechte Schulnoten

Sturmberg: Wir haben über Rangfolgen schon gesprochen, aber das wird ja beurteilt nach Schulnoten. Und wenn wir uns die anschauen, da schneidet eigentlich keine Stadt so richtig gut ab. Bocholt hat in der Kategorie der Städte 50.000 bis 100.000 Einwohner mit 2,39 noch die beste Schulnote. Bocholt ist ganz nah an der niederländischen Grenze. Hat das einen Einfluss?

Schmidt: Es hat schon einen Einfluss, dass die Leute, wo das Land flach ist, wo man nah an Holland ist, wohl auch mehr in der Freizeit zumindest Rad fährt. Aber ich glaube, es ist auch ein Kriterium, dass in kleineren Städten die Kriterien auch anders sind als in den großen. Wenn ich in einer großen Stadt lebe, dann fahre ich häufig auch mit dem Rad zur Arbeit, weil ich dem Stau entgehen möchte. Es gibt viel mehr Menschen, die ganz normale Pendler sind auf dem Fahrrad, in den großen Städten, während in den kleinen Städten das Freizeitradeln mehr im Vordergrund steht. Da stehen kleinere Städte oft ganz gut da, wenn es da gute Freizeitradwege gibt.

Sturmberg: Ich habe schon Bremen genannt. In der Kategorie der Großstädte belegt die Stadt den ersten Rang mit einer Note von 3,55. Jetzt würde man in der Schule sagen, das ist jetzt aber nicht toll...

Schmidt: Ja! Es spricht nicht unbedingt für unser Land, wenn eine Stadt mit 3,55 auf dem ersten Platz liegt, und dementsprechend sehen wir, dass bundesweit noch viel mehr getan werden muss, um die Menschen aufs Rad zu locken. Wir bewerten ja jetzt hier über die gesamte Bandbreite der Radfahrer und viele Menschen geben uns auch die Informationen, dass die eigentlich viel mehr Radfahren würden, wenn die Bedingungen besser wären.

Wenig familienfreundlich

Sturmberg: Nun haben Sie das erste Mal auch die Familienfreundlichkeit getestet. Wer ist denn da vorbildlich und warum?

Schmidt: Bei der Familienfreundlichkeit haben wir auch relativ schlechte Noten insgesamt. Da haben wir die Stadt Wettringen, eine kleinere Stadt, die da sehr weit vorne liegt. Da geht es häufig darum: Traue ich mir als Eltern zu, dass mein Kind mit dem Rad zur Schule fährt? Lasse ich mein Kind überhaupt alleine Radfahren in meiner Stadt? Das sind die Kriterien, die Eltern da an den Tag legen.

Sturmberg: Sie bewerten das Ganze ja schon seit vielen Jahren. Ich habe es eingangs gesagt. Stellen Sie denn auch Verbesserungen, namhafte Verbesserungen fest? Und wenn ja, woran liegt das?

Wiesbaden hat deutlich aufgeholt

Schmidt: Es gibt schon Verbesserungen. Man hat ja vielleicht über den Radentscheid in Berlin einiges gehört. Der hat dort viel bewegt, dass in Berlin auch viel mehr gemacht wird inzwischen fürs Fahrrad. Wenn wir uns das bei den ganz großen Städten anschauen: Wiesbaden hat aufgeholt zum Beispiel, hat da von ganz, ganz hinten bis in das Feld nach oben aufgeholt. Und auch einige kleinere Städte haben zugelegt. Es sind aber oft kleine Dinge, die gemacht werden. Das sind oft hier und da mal bessere Verbindungen in die Stadt rein. Aber nichts desto trotz: Auch diese Aufholer sind jetzt nicht unbedingt gut bewertet.

Sturmberg: Es gibt noch viel zu tun, halten wir fest. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat auch einiges angekündigt, was er jetzt in den nächsten Tagen alles verbessern will. Das waren Einordnungen von Christoph Schmidt vom ADFC. Ganz herzlichen Dank!

Schmidt: Gerne! – Bis dahin!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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