
Content auf Social-Media-Plattformen mit Kindern - das reicht von einfachen Schnappschüssen und kurzen Posts, in denen lustige Geschichten geteilt werden, bis hin zu Family-Influencing-Accounts mit Hunderttausenden Followern. Dort wird damit Geld verdient, das Familienleben zu zeigen - und dabei auch die Kinder.
Das Hans-Bredow-Institut hat untersucht, wie Babys und Kleinkinder in monetarisierten Social-Media-Profilen dargestellt werden. Analysiert wurden rund zehntausend Einzelpostings von 359 verschiedenen deutschsprachigen Family-Influencing-Accounts mit mehr als 109 Millionen Followerinnen und Followern. Die Studie wurde von mehreren Landesmedienanstalten in Auftrag gegeben.
Mehr Klicks für Babys und Kleinkinder
Ein zentrales Ergebnis: Knapp 70 Prozent der Eltern machen ihre Kinder auf den Accounts auf die eine oder andere Weise unkenntlich und schützen sie damit. Das heißt allerdings auch im Umkehrschluss, dass rund ein Drittel die Kinder klar erkennbar zeigt. Beiträge mit sehr jungen Kindern im Alter von null bis drei Jahren erhalten laut der Landesmedienanstalt Niedersachsen besonders viele Likes und Interaktionen.
Influencer-Eltern geraten schnell in einen Interessenkonflikt: „In dem Moment, wo eine Wirtschaftslogik einen Anreiz setzt, zum Beispiel noch mehr Content zu produzieren, noch mehr das Kind zu zeigen, auch private Räume zu öffnen, weil die Community entsprechend positives Feedback gibt, was wiederum mit mehr Werbeeinnahmen einhergehen kann: Das führt dazu, dass dann vielleicht nicht mehr nur das Kindeswohl und Erziehung und Pflege des Kindes im Vordergrund stehen, sondern eben auch die monetären Interessen“, sagt Stephan Dreyer vom Hans-Bredow-Institut.
Family-Influencing: ein lukratives Geschäftsmodell
Family-Influencing ist den Landesmedienanstalten zufolge zu einem lukrativen Geschäftsmodell geworden. Davon profitierten die Influencerinnen und Influencer ebenso wie die Werbewirtschaft und die Plattformen. Die Kinder, die dabei zumeist als Werbeträger für unterschiedlichste Produkte eingesetzt werden, können dafür einen hohen Preis zahlen. Ihre Privatsphäre und ihr persönlicher Schutzraum innerhalb der Familie sind gefährdet.
Experten unterstellen den Influencern dabei keine böse Absicht. Doch das Problem bleibt: Posts mit Kindern erzeugen auf Social Media Reichweite, die sich monetarisieren lässt. Wenn bereits bekannte Influencerinnen und Influencer Kinder bekämen und dann Bilder von ihnen zeigten, gehe die Reichweite „noch mal richtig durch die Decke“, sagt Cornelia Holsten, Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt.
Datenschutz, Persönlichkeitsrechte, Kinderarbeit
Doch das öffentliche Zeigen der Kinder wirft sowohl juristische als auch psychologische Fragen auf. Nach der von Deutschland ratifizierten UN-Kinderrechtskonvention haben Kinder Anspruch darauf, dass ihre Rechte gewahrt werden. Je nach Darstellung können Posts aber Bereiche des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte berühren. „Soweit Kinder im Rahmen kommerziell ausgerichteter Social-Media-Formate regelmäßig in Produktionsprozesse eingebunden werden und hierdurch ihre Freizeitgestaltung oder altersgemäße Entwicklung eingeschränkt wird“, könne die Erstellung entsprechender Inhalte auch eine „Form von Kinderarbeit“ darstellen, hat die Kinderkommission des Bundestages festgehalten.
Emotionale Bloßstellung und unvorteilhafte Bilder
Was macht das mit Kindern, wenn sie auf Bildern in möglicherweise schambesetzten Situationen gezeigt werden, halbnackt, beim Weinen oder dem Wechseln der Windeln? Die Psychologin Caroline Bechmann betont, dass Kinder schon sehr früh eine eigene Meinung zu vielen Themen haben – und emotionale Bloßstellung und unvorteilhafte Bilder ablehnen. Auch jüngere Kinder empfänden bereits Scham, sagt Bechmann.
Wird Social Media Teil des Familienlebens, verändert das die Kindheit. Bechmann geht davon aus, dass das die Entwicklung der Kinder nachhaltig beeinflussen kann. Wenn Kinder von klein auf eine Kamera vor die Nase gehalten werde und sie Situationen inszenieren sollen – „für schöne Bilder und Videos für den Familienaccount“ - könne das Auswirkungen auf ihre Identitätsentwicklung haben.
Das Entstehen einer digitalen Identität
Dabei entstehe „im Prinzip eine digitale Persona, die mich so abbildet, wie in diesem Fall meine Eltern das gerne möchten“, sagt auch Stephan Dreyer, Mitautor der Studie des Hans-Bredow-Instituts. „Und irgendwann fange ich an, mich so zu verhalten, wie ich glaube, dass Ansprüche oder Erwartungen an diese Persona gestellt werden.“

Family-Content auf Social Media ist nicht grundsätzlich problematisch. Expertinnen und Experten sind der Ansicht, dass ein reflektierter und richtiger Umgang damit möglich ist. Dabei sollten die Kinder aber nicht zu erkennen sein und die Eltern mit der Kamera besser beobachtend begleiten, statt Szenen zu inszenieren. Auch sollte die Familie nicht ihre Identität aus den Posts schöpfen.
Rechtlicher Rahmen und Handlungsempfehlungen
Eine Selbstregulierung von Influencerinnen und Influencern sowie Plattformen in diesem Sinne gilt jedoch als eher unwahrscheinlich. Die Kinderkommission des Bundestages hat die Bundesregierung deshalb aufgefordert, zu prüfen, „welche rechtlichen Maßnahmen (…) geeignet und erforderlich sind, um Kinder wirksam vor digitaler Ausbeutung und negativen Auswirkungen zu schützen“.
Die Landesmedienanstalten aus Bremen, Berlin-Brandenburg, Hamburg / Schleswig-Holstein und Niedersachsen haben wiederum Handlungsempfehlungen für die Influencer-Welt erstellt. Dazu gehört, sich die Gefahren und Risiken bewusst zu machen, die die öffentliche Zurschaustellung der Kinder mit sich bringt. Denn Fotos und Videos können jederzeit kopiert, verfremdet und für Deepfakes oder Fake-Profile missbraucht werden.
Onlinetext: Asmus Heß / Quellen: Deutschlandfunk, Agentur
















