Fast Fashion
Wie die EU die schnelle Billigmode nachhaltiger machen will

Rund 18 Kilo Kleidung kauft jede und jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr. Zugleich landen pro Kopf jährlich 16 Kilo Altkleider im Müll. Fast Fashion treibt diese Entwicklung an. Sie schadet damit der Umwelt. Die EU will dem Einhalt gebieten.

Von Alexander Böhle |
    Rote Altkleidercontainer stehen auf einem Parkplatz. Sie quellen mit Kleidung über. Davor liegen Haufen aus Kleidung, die nicht mehr in die Container passen.
    Kein Platz für Altkleider: Viele Textilien werden weggeworfen oder lassen sich wegen der minderwertigen Qualität kaum recyceln (imago / Future Image / Burkhard Schubert)
    910.000 Tonnen Textilabfälle produzierten alle private Haushalte in der EU im Jahr 2022. Ein Müllproblem, das durch Fast Fashion entstanden und seit den 1990er-Jahren immer größer geworden ist - mit weitreichenden negativen Folgen. Diese entstehen größtenteils nicht in den Ländern, die das Problem verursachen.

    Inhalt

    Viele in Europa ausrangierte Textilien landen in Südamerika, Afrika oder Südostasien, wo sie verbrannt oder zum Teil einfach an Strände und in Wüsten gekippt werden. Doch nicht nur die Altkleiderentsorgung belastet Natur und Umwelt, auch die Produktion tut es. Beides Gründen, warum die Europäische Union (EU) die Bekleidungsindustrie zu nachhaltigerem Wirtschaften verpflichten will.

    Von Fast Fashion zu Super-Fast-Fashion: Bis zu 9000 neue Designs pro Tag

    Mitte der 2010er-Jahre waren bei großen Bekleidungsanbietern sechs bis acht Kollektionen mit Dutzenden Designs pro Jahr üblich. Seitdem hat vor allem der Onlinehandel die Entwicklung extrem beschleunigt: Anbieter wie Temu oder Shein, die keine Filialen betreiben, bieten täglich zwischen 6000 und 9000 neue Designs an. Eine Entwicklung, für die sich Begriffe wie Super-Fast-Fashion oder Ultra-Fast-Fashion etabliert haben.
    Angeheizt wird die Entwicklung unter anderem durch Influencer oder zufällige virale Hypes: Plötzlich sind Kleidungsstücke angesagt, die nicht in großen Stückzahlen auf dem Markt sind. Fast-Fashion-Anbieter füllen diese Lücken innerhalb von ein bis zwei Wochen. So schnell, wie Trends aufkommen, so schnell sind sie wieder vorbei und die "alten" Klamotten landen bestenfalls im Kleiderschrank oder sofort im Müll.

    Umweltschäden durch Fast Fashion

    Die Produktion von Kleidung hat erhebliche Folgen für Umwelt und Klima. Synthetische Fasern wie Polyester bestehen aus Erdöl, bei der Herstellung wird Kohlendioxid freigesetzt. Außerdem werden die Fasern beim Tragen und Waschen aneinander gerieben. Dabei entsteht Mikroplastik, das sich in der Umwelt ablagert. Schätzungen zufolge könnten bis 2050 bis zu 22 Millionen Tonnen Mikroplastik aus Kleidung in die Ozeane gelangen.
    Auch die Produktion natürlicher Fasern belastet die Umwelt. Der Anbau von Baumwolle verbraucht große Mengen Wasser in Regionen, in denen Trinkwasser knapper wird. Auch ist der Einsatz von Pestiziden und Insektiziden auf Baumwollfeldern sehr hoch.
    Hinzu kommt, dass durch Färben und Waschen Chemikalien ins Trinkwasser gelangen. Viele Stoffe und Kleidungsstücke werden in Ländern hergestellt, in denen es keine geeigneten Kläranlagen für diese Umweltbelastungen gibt. Außerdem werden dort Arbeiterinnen und Arbeiter nicht ausreichend vor den gesundheitsschädlichen Auswirkungen der Produktionsprozesse geschützt.
    Laut der Europäischen Umweltagentur hat 2022 jede Person in der EU durch ihren Kleidungskonsum im Schnitt 12.000 Liter Wasser und 523 Kilogramm Rohstoffe verbraucht sowie das Äquivalent von 355 Kilogramm CO2-Emissionen verursacht. Zwar belasten auch hochwertigere Kleidungsstücke die Umwelt; die schnelle und billige Massenproduktion macht aber den größten Teil des Problems aus.

    Was die EU gegen Fast Fashion unternimmt

    Aufgrund der negativen Auswirkungen auf die Umwelt will die EU die Fast-Fashion-Industrie stärker reglementieren und in die Verantwortung nehmen. Diese Maßnahmen sind Teil des Aktionsplans für eine Kreislaufwirtschaft.
    Bereits 2022 hat die EU ein erstes Maßnahmenpaket zur Beschleunigung des Übergangs zu einer Kreislaufwirtschaft vorgeschlagen. Mit dem Aktionsplan will die EU insgesamt nachhaltiger werden, Produkte haltbarer machen, Müll vermeiden und das Recycling ausbauen.
    In Bezug auf Fast Fashion regelt sie die Entsorgung von Altkleidung mit der Abfallrahmenrichtlinie. Gemäß der letzten Änderung der Richtlinie müssen sich Bekleidungsanbieter in jedem EU-Land registrieren, in dem sie etwas verkaufen wollen. Damit verpflichten sie sich, beim Sammeln von Alttextilien und alten Schuhen mitzuwirken. So müssen sie unter anderem Sammelcontainer bereitstellen und nachweisen, dass sie über das nötige Fachwissen zur Entsorgung verfügen.
    Darüber hinaus sollen die Recyclingquoten für Altkleidung erhöht werden. Die EU-Richtlinie muss zunächst in nationales Recht jedes EU-Landes umgesetzt werden. Entsprechende Eckpunkte für Deutschland hat das Bundesumweltministerium Ende März vorgestellt. Das Gesetz soll im Juni 2027 in Kraft treten.
    Im Juli 2026 tritt außerdem eine Änderung der EU-Ökodesign-Verordnung in Kraft. Dann wird es Herstellern verboten sein, zurückgeschickte oder überschüssig produzierte Kleidung zu vernichten.
    Aktuell wird schätzungsweise jedes zehnte Kleidungsstück, das verkauft und wieder an den Hersteller zurückgeschickt wird, vernichtet oder weggeworfen. Ein großer Teil davon wird verbrannt oder in Länder außerhalb der EU gebracht, wo die Kleidung auf Müllhalden landet.
    Zudem muss jedes Unternehmen, das in der EU Kleidung verkaufen möchte, eine Vertretung einrichten, die im Falle von Verstößen haftbar gemacht werden kann. Dies betrifft sowohl Unternehmen, die in der EU gelistet sind, als auch solche, die ihre Kleidung direkt aus dem Nicht-EU-Ausland an Kunden versenden.
    In welcher Höhe Unternehmen bei Verstößen bestraft werden können, entscheidet jedes EU-Mitgliedsland selbst. Da es sich aber um eine EU-Verordnung handelt, wird die Änderung ohne nationale Umsetzung gültig sein.
    Außerdem hat die EU bereits 2024 ein Gesetz verabschiedet, das sogenanntes Greenwashing verbietet, also die irreführende Bewerbung von Produkten als umweltfreundlich.

    Kreislaufwirtschaft für eine nachhaltigere Modeindustrie

    Kreislaufwirtschaft zielt darauf ab, den Lebenszyklus eines Produkts so weit wie möglich zu verlängern. Dadurch sollen Abfälle auf ein Minimum reduziert werden. In der Textilbranche bedeutet das, auf nachhaltige Ressourcen zu setzen, Kleidung haltbarer zu machen, Reparaturen zu ermöglichen und das Recycling auszubauen.
    Recycelte Kleidung verbraucht bei der Herstellung zwar immer noch Ressourcen, jedoch weniger als Neuwaren. Sowohl Baumwolle als auch Polyester lassen sich recyceln, um daraus neue Kleidung herzustellen. Das passiert jedoch selten. Weltweit werden weniger als ein Prozent aller Alttextilien zur Produktion neuer Textilien genutzt. Derzeit werden wesentlich mehr Kleidungsstücke aus recycelten PET-Flaschen produziert.
    In Deutschland werden jedes Jahr rund eine Million Tonnen Altkleidung gesammelt. 26 Prozent davon werden recycelt, aus rund 14 Prozent entstehen jedoch lediglich Putzlappen. Der mit rund 54 Prozent größte Teil der gesammelten Altkleider kommt nach einer Wiederaufbereitung wieder in Umlauf – als Kleiderspende oder in Second-Hand-Geschäften.
    Bei Fast-Fashion-Produkten ist es aufgrund ihrer oft minderwertigen Qualität jedoch schwierig bis unmöglich, sie wiederzuverwenden oder zu recyceln. Nicht nur die Folgen von Fast Fashion sind ein Problem, auch die Produkte selbst eignen sich nicht für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft, sagt Moritz Jäger-Roschko von Greenpeace. Billige Kleidung lasse sich weder gut reparieren, noch habe jemand Interesse daran, sie aus zweiter Hand zu kaufen.
    Recycling ist wichtig, nachhaltiger ist es, wenn von vornherein nicht so viel Kleidung entsorgt wird. Deshalb hat die EU in ihrer Ökodesign-Verordnung festgelegt, dass Kleidung unter anderem “funktionsbeständig” und “zuverlässig” sein soll. Außerdem werden im Rahmen der EU-Kreislaufwirtschaft Hersteller dazu angehalten, Reparaturmöglichkeiten anzubieten, Tauschbörsen in ihr Geschäftsmodell mit einzubeziehen und eben zurückgeschickte Kleidung nicht zu vernichten, sondern wieder zu verkaufen.

    Die Zukunft von Fast Fashion

    Die „Ökodesign-Verordnung“ und die Änderung der Abfallrahmenrichtlinie könnten dazu führen, dass Fast Fashion teurer wird, da sich das Geschäftsmodell – billig produzieren und Neuware schnell entsorgen – dann nicht mehr lohnt. Die tatsächlichen Auswirkungen sind aber noch nicht absehbar.
    Für Deutschland muss etwa das Bundesgesetz zur EU-Abfallrahmenrichtlinie noch verabschiedet werden. Bis dahin kann sich am ersten Entwurf noch einiges ändern. Zudem sind die Kriterien, nach denen die EU die Haltbarkeit und Wiederverwendbarkeit bewerten will, nicht eindeutig festgelegt.
    Die Strafen der EU-Mitgliedstaaten bei Verstößen gegen das Vernichtungsverbot müssten so hoch sein, dass sich nachhaltiges Wirtschaften für die Anbieter finanziell lohnt. Schließlich kann die EU die Bekleidungsherstellung außerhalb der EU gar nicht beeinflussen.
    Greenpeace fordert deshalb bereits jetzt deutlich schärfere Maßnahmen, um das Angebot an Fast Fashion einzudämmen: Eine Sonderabgabe auf solche Produkte, die Finanzierung alternativer Angebote und Reparaturen sowie ein generelles Werbeverbot für Fast Fashion.
    Unabhängig davon wird vor allem auch die Entwicklung der Nachfrage großen Einfluss haben: Solange schnelllebige Trends den Takt vorgeben, wird sich Nachhaltigkeit in der Modeindustrie kaum durchsetzen.