Samstag, 21. Mai 2022

Archiv


Fast genug Kita-Plätze und zu wenig Erzieher

Wenn der Rechtsanspruch am 1. August in Kraft tritt, werden nahezu ausreichend Kita-Plätze zur Verfügung stehen, sagte Familienministerin Kristina Schröder. Der Städtetag wirft der CDU-Politikerin dagegen vor, mit geschönten Zahlen zu arbeiten.

Von Verena Herb | 11.07.2013

"Auf Basis der Zahlen, die uns zur Verfügung stehen, dürfen wir fest davon ausgehen, dass zum Inkrafttreten des Rechtsanspruchs am 1. August zahlenmäßig nahezu ausreichend Kita-Plätze real in Betrieb sein werden,"

sagt Bundesfamilienministerin Kristina Schröder und zeigt sich durchaus zufrieden. Demnach werden im Kita-Jahr 2013/2014 insgesamt über 813.000 Kita-Plätze zur Verfügung stehen. Das sind 30.000 Plätze mehr als beim Krippengipfel 2007 als Ziel formuliert wurde: Nämlich 780.000 Betreuungsplätze für unter Dreijährige zu schaffen.
Dennoch gibt es einen Dissens darüber, wie aussagekräftig die Zahlen Schröders tatsächlich sind. Der Vorwurf des Deutschen Städtetages: Kristina Schröder weist in den Berechnungen auch Kita-Plätze auf, die zwar bewilligt sind, deren Ausbau jedoch noch gar nicht begonnen hat. Anders die Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus Wiesbaden, die heute früh ebenfalls vorgelegt wurden: 600.000 Kinder unter drei Jahren werden – mit Stand 1. März 2013 – in Deutschland in Einrichtungen betreut. Übrigens ein Anstieg von 37.000 Kindern im Vergleich zum Vorjahr. Für Stephan Artikus, den Geschäftsführer des Deutschen Städtetages sind diese Zahlen gut, aber reichen nicht aus:

"Wir schätzen schon, dass schon in der Größenordnung von 100.000 Plätze fehlen."

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, GEW, geht sogar noch weiter und prognostiziert – ebenfalls auf Grundlage der Zahlen des Statistischen Bundesamtes - dass bundesweit 180.000 Plätze fehlen. Große Unterschiede gibt es nicht nur zwischen den Bundesländern, sondern naturgemäß auch und besonders zwischen der Kinderbetreuung in der Fläche, auf dem Land - und in den Städten:

"In den Großstädten, in Universitätsstädten, in Städten mit vielen Ausbildungseinrichtungen, wo junge Mütter dringend auf einen Platz angewiesen sind, weil sie gleichzeitig noch im Studium oder einer anderen Ausbildung sind. Da gibt es eben Bedarfe, die zum Teil 60 Prozent erreichen."
Und in den Ballungszentren wird der Bedarf weiter steigen, macht Kathrin Göring-Eckardt, die Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen deutlich und wirft der schwarz-gelben Bundesregierung dort Versäumnisse vor – auch, was die Qualität der Kinderbetreuung angeht:

"Mitnichten haben wir genügend Erzieherinnen und Erzieher, die Quote ist nicht so, dass man sagen könnte, da haben wir schon den Stand erreicht, der gut für die Kinder ist und übrigens auch die Eltern ruhig in ihrem Job sitzen lässt."
Es fehlen 20.000 Erzieherinnen und Erzieher, so Kathrin Göring-Eckardt. Die Arbeiterwohlfahrt schätzte den Bedarf kürzlich sogar auf 30.000. Nach Ansicht der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft haben es Politik und auch Arbeitgeber versäumt, den Beruf für den Nachwuchs attraktiv zu machen. Die Bezahlung für die Leistung sei zu schlecht. Mit Billigangeboten und Hilfskräften anstelle pädagogischen Fachpersonals sei niemandem gedient – so der Gewerkschaftsvorsitzende Norbert Hocke.

Bei der Beurteilung der Qualität wird zudem der Betreuungsschlüssel herangezogen, der aussagt, wie viele Kinder eine Erzieherin oder ein Erzieher zu betreuen hat. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung betreut eine Erzieherin in einer westdeutschen Krippe im Durchschnitt 3,7 Kinder – in den neuen Bundesländern liegt das Verhältnis bei eins zu sechs. Keines der Bundesländer erfülle demnach das Verhältnis, das die Bertelsmann Stiftung empfiehlt: eine Angestellte, drei Kinder.

Die Grünen fordern nun eine gesetzliche Verankerung von Standards zur Kinderbetreuung, die die Qualität gewährleisten sollen. Über fast alle Parteigrenzen hinweg ist man sich einig: Deutschland ist auf einem guten Weg, was den Ausbau der Kita-Plätze angeht. Auch wenn man noch nicht am Ziel angelangt ist.