Fernando Aramburu: „Reise mit Clara durch Deutschland“Witze, flach wie das Land

Sein „glücklichstes Buch“ nennt der in Deutschland lebende spanische Erfolgsautor Fernando Aramburu seinen Roman aus dem Jahr 2010, der von einer Reise mit Hindernissen erzählt. Auf knapp 600 Seiten geht es um lästige Verwandte, deutsche Nationalmythen und um die Konkurrenz zweier Schreibender.

Von Christoph Schröder | 03.01.2022

Buchcover Fernando Aramburu: "Reise mit Clara durch Deutschland"
Fernando Aramburu: "Reise mit Clara durch Deutschland" (Buchcover: Rowohlt Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs)
Am Anfang steht die entscheidende Frage, die sich immer dann stellt, wenn man bereits im Auto sitzt: Ist der Herd auch wirklich aus? Antwort: Ja, ist er, höchstwahrscheinlich jedenfalls. Dann brechen sie von Wilhelmshaven aus auf in die Welt; am Steuer der Ich-Erzähler, „Mäuschen“ genannt, neben ihm Clara, seine Frau, die die Hände stets frei haben soll, um sich Notizen zu machen. Was die beiden unternehmen, ist keine Urlaubsreise. Clara arbeitet als Lehrerin für Deutsch und Englisch, sieht sich selbst aber in erster Linie als Schriftstellerin. Zwei Romane hat sie bereits veröffentlicht, die aber, wie sich herausstellen wird, aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit bereits getilgt sind, worunter Clara naturgemäß leidet.
Nun hat ihr der Verlag ein neues Projekt vorgeschlagen: Clara soll durch Deutschland fahren und aufschreiben, was sie sieht. Eine Bestandsaufnahme des Landes im Jahr 2003, wie sich anhand einiger Ereignisse rekonstruieren lässt. Dass das Vorhaben in der geplanten Art und Weise scheitern wird, lässt sich bereits früh erahnen. Dem Paar geraten sowohl die Hürden des Alltags als auch familiäre Komplikationen in den Weg. Claras Blick auf das Land ist zudem von Beginn an getrübt:
„In Deutschland erleben wir die Tyrannei des Graus. Deutschland ist ein graues Land. Die Deutschen sind graue Leute. Ihre derzeitige Kultur ist grau. Ihre Politik: Grau, was die Farbe der Asche, des Staubes, der Verhärmten ist. Wohin du auch schaust, überall siehst du nur grau in diesem Land, weil alles verschlissen, alt und verbraucht ist.“

Eine deutsch-spanische Liebe in den 1980ern

Wer einen knapp 600 Seiten umfassenden Roman schreibt, muss mit dem Selbstbewusstsein ausgestattet sein, mindestens einen langen Atem für eine große Geschichte zu haben oder in der Lage sein, viele kleine Geschichten kunstvoll zusammenzubinden. Aramburu unternimmt den Versuch, beide Ansätze zu vereinen und scheitert, das lässt sich nicht anders sagen, dabei auf ganzer Linie. Der große Bogen, den der Roman schlagen will, ist die Rekonstruktion der Liebesgeschichte zwischen einer deutschen Studentin, Clara, und einem spanischen Studenten, dem Ich-Erzähler, von den frühen 1980er-Jahren bis in die frühen Nullerjahre. Eine Zeit, in der Ausländer, wie das damals noch hieß, von der Restfamilie nicht eben mit offenen Armen empfangen wurden. Ein ungleiches Paar, sie leise, er laut, sie eher dezent, er impulsiv und hin und wieder dezidiert vulgär, aber beide eigenwillig.
Sie soll ein Buch schreiben; er notiert unterdessen, was sie auf der Recherchereise erleben und bringt so eben jenen Roman hervor, den wir nun vor uns haben. Erzählt ist er in einem durchweg heiteren Tonfall, mit dem, auch das ist nicht eben neu, Selbstzweifel und Krisen wegpalavert werden. Bremen, Worpswede, Hannover, Göttingen, Goslar, Rügen, Berlin – das sind die Stationen der Reise. Sehr weit kommen sie also nicht, dafür spüren die beiden ihrer gemeinsamen Geschichte nach, machen bei einer alten Tante von Clara halt und besuchen auch Claras Schwester. Das muss man Aramburu zumindest zugestehen: In der Mikrostruktur des Textes gelingen ihm immer wieder witzige Szenen wie zum Beispiel jene, in der der Ich-Erzähler sich an die erste Begegnung mit seinem Schwager erinnert:
" ,Hallo‘, sagte er. Er ist zwar wortkarg, drückte sich aber klar aus.
‚Hallo‘, sagte ich auch.
‚Wie geht’s?‘
‚Gut, und dir?‘
‚Gut.‘
Eine Pause von sechs oder sieben Sekunden trat ein, dann sagte er: 'Was für ein Regen!'
Ich war versucht, ihn zu fragen, ob er der Autor des Handbuchs sei, mit dem ich vor Jahren meine ersten Worte Deutsch gelernt hatte, doch dann verkniff ich mir die Frage, weil ich fürchtete, das Essen könnte kalt werden, während er sich seine Antwort überlegte.“

Ausufernde Beschreibungen

Aber trotz dieser amüsanten Einlagen – das Buch krankt vor allem an seinem so verquasselten wie verquasten Ich-Erzähler. Hier wird tatsächlich alles breitgetreten und nichts ausgelassen, kein Kevin- und Jennifer-Witz, nicht die Bemerkung, dass Claras Schwester endlich mal wieder einen Kerl brauche, der es ihr richtig besorge, keine überausführliche Beschreibung, und sei es die eines Marmeladenschälchens. Irritierend sind auch die Gewaltfantasien gegenüber Clara, die dem Ich-Erzähler hin und wieder durch den Kopf schießen und wohl Hinweise geben sollen auf eine untergründige Ambivalenz zwischen „Mäuschen“ und „Frau Schriftstellerin“, wie Clara in enervierender Penetranz genannt wird. Doch schlüssig ausgeführt wird auch dieses Motiv nicht.
Zunehmend liest der Roman sich wie eine lange Aneinanderreihung erwartbarer Rohrkrepierer. Auf den Kreidefelsen von Rügen fällt dem Ich-Erzähler nichts Besseres ein als seine Blase zu entleeren. Man könnte das einen ironischen Umgang mit deutschen Nationalsymbolen nennen. Oder eben Pennälerhumor, von dem der Text sich zu keinem Zeitpunkt distanziert. Sicher, Rollenprosa, das lässt sich immer zur Verteidigung anführen, doch auch die braucht zumindest einen Anflug von Originalität.
Dazu passen die eingestreuten unterkomplexen Reflexionen über das Schreiben selbst und über die „Wirklichkeit als Vorratskammer der Literatur“, wie es einmal heißt. Jeder hat eben, um mit einer Plattitüde zu entgegnen, seine eigene Wirklichkeit. Im Hintergrund schwingt stets das Konkurrenzverhältnis der beiden Schreibenden mit. Der Ich-Erzähler kritisiert Claras Textentwurf, hat aber gleichzeitig bereits den Vertrag für sein eigenes Buch in der Tasche. Fernando Aramburu selbst nennt „Reise mit Clara durch Deutschland“ sein „glücklichstes Buch“. Das Glück ist allerdings allein auf seiner Seite. Kaum zu glauben, dass der selbe Autor wenige Jahre später einen so fesselnden politischen Roman wie „Patria“ geschrieben hat.
Fernando Aramburu: „Reise mit Clara durch Deutschland“
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Rowohlt Verlag, Hamburg. 592 Seiten, 25 Euro.