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Festival d'Avignon Trauma, Therapie, Theater

Das Theaterfestival in Avignon ist bekannt für seine politischen Stücke. In diesem Jahr stehen der europäische Zusammenhalt in Zeiten der Migration und die französische Vergangenheitsbewältigung in Zentrum. Dabei hatte auch Ex-Präsident François Hollande einen Gastauftritt.

Von Eberhard Spreng

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Eine Szene aus "Nous, L Europe, Banquet des Peuples" mit Francois Hollande beim Festival D'Avignon 2019 (Christophe Raynaud De Lage / Festival d'Avignon)
Sitzkreis mit Promibesuch - Eine Szene aus "Nous, L'Europe, Banquet des Peuples" mit François Hollande (Christophe Raynaud De Lage / Festival d'Avignon)
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Eine junge Patientin mit akuten Selbstmordtendenzen,  auf der Suche nach einer im Dunkeln liegenden Familiengeschichte. Ein schwarzer Therapeut, ein Stuhl, eine Liege. Die rumänischstämmige Dramatikerin und Regisseurin Alexandra Badea setzt mit "Quais de Scène" ihre Reihe mit Stücken über verdrängte, unrühmliche Momente in der Geschichte der Grande Nation fort. Das sind theatrale Ermittlungen von Hintergründen zu der Frage, wie sich die große Geschichte in die Biografien ihrer Figuren einschreibt, wie Traumata entstehen. Die Therapie auf der nüchternen Vorderbühne wechselt mit sehr filmisch beleuchteten Szenen in einem zentralen Guckkasten in der Bühnenmitte. Da sieht man, in kunstvollem Streiflicht, ein Paar - in Momenten des Streits und in Momenten großer Zärtlichkeit.

Theatertherapie für nationale Traumata

Younès liebt Irène im Paris der früher 1960er Jahre, zu Zeiten des Algerienkrieges. Irène hat sich ihrer Familie von Algerienfranzosen entfremdet, Younès ist ein gebürtiger Algerier, der seine Eltern im Massaker von Sétif verloren hat. Eine unmögliche Liebe in Zeiten des Krieges in Algerien und der blutigen Repression der Algerier in Frankreich, die im Massaker von Paris im Oktober 1961 gipfelte.

Alexandra Badea meistert, was selten gelingt: Das große historische Bild scheint in der kleinen privaten Geschichte auf, ohne dass die Figuren dabei papieren werden. Auch verzichtet der Abend auf illustrierendes Dokumentarmaterial, auf Videoprojektionen jeder Art. Für kurze Momente werden Younès und Irène in der Vorstellungswelt des Publikums sogar zu nationalen Allegorien, Bildern für eine tragisch scheiternde Beziehung zwischen Frankreich und Algerien. Die inzwischen in Frankreich eingebürgerte Rumänin Badea, deren Stücke auch in Deutschland aufgeführt werden, wird in ihrer Reihe "Points de Non-Retour" zur Theatertherapeutin für französische Traumata. Sie, die Immigrantin, betätigt sich im Dienste der neuen Heimat als Instanz der Heilung. Solche Geschichten braucht Europa. Und solche Geschichten braucht das Festival in Avignon, das in diesem Jahr ganz offensichtlich seinen Beitrag gegen die aktuelle europafeindliche Stimmung leisten will.

François Hollande beantwortet Fragen zu Europa

Auch in "Nous, l’Europe, Banquet des Peuples" ist das Verhältnis zwischen alten europäischen Gesellschaften und ihren neuen Zuwanderern immer wieder Thema. Laurent Gaudé hat eine frei assoziierende Textcollage zu Momenten der europäischen Geschichte verfasst, zu der Nazi-Vergangenheit genauso gehört wie die aktuelle Flüchtlingskrise, der Mauerfall, die Frage nach einer europäischen Hymne.

Roland Auzet hat das als performatives Konzepttheater ziemlich laut und flott inszeniert. Rings um die gewaltige Bühne sitzt der große Chor der Oper Avignon; ein Schlagzeuger treibt das Geschehen an, und die perfekt zweisprachige Musikerin Karoline Rose fegt mit ihrer Gitarre über die Bühne. Das Pop-Theater mit musikalischen Evergreens und einem Mix aus Europathemen geht so dahin, bis sich das Publikum verwundert die Augen reibt, weil nun Ex-Präsident François Hollande leibhaftig die Bühne betritt und auf die Europafragen der Performer antwortet. Auch auf die des alleingelassenen Volkes.

"Im ganzen 20. Jahrhundert waren es doch immer die einfachen Leute, die als erste in den Krieg ziehen mussten und umkamen", sagt Hollande. "Frieden ist also vor allem für sie wichtig. Natürlich tut es weh, dass gerade die volkstümlichen Schichten sich von Europa abgewendet haben. Man hat sie vergessen, ihre Lebensräume sind aufgegeben worden. Ihre Jugend sieht keine Zukunft. Unsere erste Pflicht ist also, den Kontakt zum Volk wieder aufzunehmen."

Dramaturgisch etwas unausgegoren

Nach François Hollande wird jeweils eine andere, aber weniger prominente Person des öffentlichen Lebens die Aufführung als Europa-"Zeuge" bereichern. Am Ende dieser von einem internationalen Ensemble getragenen, letztlich willkürlichen Collage singen alle "Hey Jude" von den Beatles mit dem an Europapolitiker appellierenden Refrain "Make it better".

Weniger großspurig kommt "Devotion" des jungen Autors Clément Bondu daher. Auch hier sollen Europas Phantome auf die Bühne kommen, kulturelle Archetypen von Shakespeares Hamlet bis zu Dostojewskis Idiot. Auch dies eine wilde Szenencollage mit eingefügten "Tableaux Vivants", starren Gruppenbildern und einer sehr frei assoziierenden und fabulierenden Sprache. Theater als poetischer Bewusstseinsstrom. Aber: Etwas mehr dramaturgische Ordnung hätte Avignon zum Start gutgetan. 

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