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StartseiteTag für TagDer Polit-Prediger14.09.2016

Fethullah GülenDer Polit-Prediger

Fethullah Gülen war vor dem Putschversuch in der Türkei nur Insidern bekannt. Dann erklärte ihn der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zum Drahtzieher der Aktion. Wissenschaftler warnen: Nur weil die Gülen-Bewegung zum Opfer der "Säuberungsaktionen" in der Türkei werde, sei sie nicht harmlos.

Von Kemal Hür

Fethullah Gülen (dpa/picture alliance/Selahattin Sevi/Zaman Daily)
Vielfach wird die Gülen-Bewegung mit ihrem Oberhaupt Fethulla Gülen als Sekte bezeichnet. (dpa/picture alliance/Selahattin Sevi/Zaman Daily)
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"Bis ihr gerüstet seid, bis ihr bereit seid, die Welt auf eure Schultern zu nehmen, bis ihr alles im Griff und unter Kontrolle habt, bis ihr die verfassungsmäßigen Organe des türkischen Staates an euch gebracht habt, wäre jeder Schritt verfrüht."

Fethullah Gülen fordert in einem mutmaßlich geheim aufgenommenen Video seine Anhänger auf, konspirativ und geduldig vorzugehen, um ihre Ziele zu erreichen. Am Ende seiner Ansprache beschwört der Prediger seine Zuhörer in einer Art Gleichnis, seine Worte vertraulich zu behandeln.

"Mein Geheimnis ist dein Sklave. Erzählst du es weiter, wirst du dessen Sklave sein".

"Baut keine Moscheen, sondern Schulen"

Die Gülen-Bewegung ist ein Netzwerk ohne eine öffentlich erkennbare Organisationsstruktur. Dazu gehören etwa 300 Vereine, mindestens zwei Dutzend staatlich anderkannte Privatschulen ohne einen Dachverband und etwa 150 Nachhilfeeinrichtungen. Gülen und seine Anhänger betonen, sie leisteten keine Religions-, sondern Bildungsarbeit. Hierfür steht Gülens bekannte Devise: "Baut keine Moscheen, sondern Schulen". Friedmann Eißler, wissenschaftlicher Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, beschäftigt sich als Theologe und Islamwissenschaftler seit langem mit der Gülen-Bewegung. Eißler sieht eine große Diskrepanz zwischen der Außendarstellung und dem eigentlichen inneren Ziel der Bewegung.

"Das ist der Kern meiner Kritik. Es steht bei Gülen nicht drauf, was drin ist. An den Schulen selbst läuft eigentlich alles, soweit ich das beurteilen kann, ordentlich. Es geht an den Schulen nach staatlichen Curricula zu. Das sind ja nicht mal islamische Schulen, sondern da gibt es Ethik, da ist ein naturwissenschaftlicher Schwerpunkt oder anderes. Aber aus dem Pool der jungen Kinder und Jugendlichen werden die Wachen und Interessierten herausgegriffen und dann im Umfeld der Schulen und Einrichtungen herangeführt in die Kreise und die Programme von Gülen."

International vernetzt

Gülen betreibt seine Privatschulen nicht nur in der Türkei und in Deutschland. Es gibt sie weltweit. Die Indoktrinierung der Schüler erfolgt außerhalb der Schulen – hauptsächlich in den "Lichthäuser" genannten Wohngemeinschaften. Hier werden Gülens Schriften studiert und verinnerlicht. Jungen und Mädchen wohnen strikt getrennt und werden von so genannten "Ablas und Abis", älteren Schwestern und Brüdern, betreut. Vielfach wird die Gülen-Bewegung als Sekte bezeichnet. Friedmann Eißler findet die Bezeichnung aber nicht passend und spricht von einer "sozialen Bewegung". Das Ziel dieser Bewegung, so formuliert es Eißler zurückhaltend, soll kein islamischer Staat sein, sondern die Formierung einer "islamischen Gesellschaft".

"Ich drücke es deshalb so vorsichtig aus, weil Gülen so spricht. Er spricht nicht vom islamischen Staat, er denkt längerfristig. Insofern ist es am Horizont schon zu sehen: Es soll eine islamische Gesellschaft sein. Dazu braucht er eine Elite, die das voranbringt. Über die Endgestalt politischer Art spekuliert er nicht so sehr. Er sieht eher pragmatisch die Schritte, die jetzt darauf hinführen mögen. Das soll über die Instanzen gehen durch Unterwanderung, durch die Besetzung von wichtigen Stellen."

"Türkisch-islamische Synthese"

Die seit dem Putschversuch Mitte Juli in der Türkei zu zehntausenden suspendierten und teilweise verhafteten Staatsbediensteten sind jene Eliten, die Gülen in seinen Schulen und Universitäten herangezogen hat. Grundlage der von Gülen angestrebten islamischen Gesellschaft ist die türkisch-islamische Synthese, sagt Kemal Bozay, Sozial- und Politikwissenschaftler an der Fachhochschule Dortmund.

"Die türkisch-islamische Synthese war ein Gegenkonstrukt zu fortschrittlichen Ideen in der Türkei und hatte das Ziel, islamische Wertvorstellungen, islamische Machtvorstellungen sehr stark mit türkisch-nationalen bis nationalistischen Ideologiekonstrukten zu vereinen."

Diese Synthese ermöglichte Gülen, seine Bewegung nach dem Militärputsch am 12. September 1980 in der Türkei auszubauen; denn die Putschisten sahen darin erstens einen Gegenpol zur erstarkenden türkischen Linken und zum anderen einen Weg zu einer sittlich-moralischen Erziehung der Jugend. Die Militär- und die späteren zivilen Regierungen bis hin zu Erdogan unterstützten und förderten Gülens Bildungsarbeit. Gülen beschränkte sich nie nur auf die Religion. Er arbeitete stets eng mit den Regierungen zusammen. Bereits in den 1980er Jahren fing dieser an, seine Eliten in den staatlichen Institutionen auf Position zu bringen. Sie unterwanderten die Polizei, Justiz, den Bildungssektor und in geringerem Maße auch das sonst säkular orientierte Militär. Die Unterwanderungsstrategie bleibt aber keineswegs auf die Türkei beschränkt, sagt Friedmann Eißler.

"Es ist tatsächlich sehr deutlich geworden, in welchem Ausmaß die Unterwanderung – so kann man das sicher nennen – staatlicher Stellen in der Türkei durch die Gülen-Bewegung schon fortgeschritten war. Und diese Strategien und die Köpfe und Ideen sind dieselben in Deutschland, sie sind dieselben in Frankreich oder in Britannien oder eben in Afrika oder Zentralasien. Das heißt, das muss man im Blick haben, dass die Gülen-Bewegung nicht aus ein paar motivierten Einzelpersonen besteht und ein paar dezentral aufgestellten Vereinen, sondern eine klare Vision vertritt."

Politik und Religion als Symbiose

Fethullah Gülen ist kein akademisch ausgebildeter Theologe. Er wurde 1938 oder 1941 in Erzurum, einer erzkonservativen Provinz in der Osttürkei, geboren. Dort hat er nur die fünfjährige Grundschule besucht und wurde anschließend zum Prediger und Imam ausgebildet. Bis Anfang der 80er-Jahre arbeitete er im Westen der Türkei als Imam im Dienst der türkischen Religionsbehörde. Danach widmete er sich dem Aufbau seiner Bewegung.

Bei Gülen bilden Religion und Politik eine untrennbare Symbiose, sagt Kemal Bozay.

"Erstmal muss man natürlich deutlich darstellen, dass Gülen aus der Bewegung der Nurculuk kommt, eine Ordensgemeinschaft, teilweise von bestimmten Kreisen auch als eine Sekte bezeichnet. Gülen selbst nennt sich Schüler der Nurculuk-Bewegung und konzentriert sich insbesondere einerseits auf seine Jugendzeit, wo er in den Vereinen zur Bekämpfung des Kommunismus aktiv war. Das heißt, er kommt aus diesen radikalen Strukturen und ist in Erzurum auch Vorsitzender dieser Bewegung gewesen."

Gülens Netzwerk wird auch "Hizmet-Bewegung" genannt, zu Deutsch: Dienst-Bewegung. Dienst wird hier als Dienst an Gott und an der Gemeinschaft verstanden. Das Netzwerk ist hierarchisch organisiert und versucht, bis ins Privatleben des Einzelnen hineinzuwirken. Als Oberhaupt zieht Gülen seit 1999 die Fäden in seinem amerikanischen Exil, in Pennsylvania.

"Von dort aus gibt es den Weltrat der Imame", sagt Eißler. "Es gibt regional Zuständige, es gibt für die Länder, für die Städte; bis in die Straßen sind die Zuständigkeiten geklärt, würde ich zugespitzt sagen. Das heißt, es ist eine ganz klar straff organisierte Geschichte. Und diesen Zusammenhang gilt es, meines Erachtens, zu sehen."

Er widerspricht damit deutschen Wissenschaftlern, die in Gülen nur einen Prediger oder Gelehrten ohne politischen Anspruch sehen. Gülen sei vielmehr der Kopf einer weltweiten politischen Bewegung mit einem konservativen Islamverständnis, sagt Eißler, der Gülens Schriften studiert hat.

"Das bedeutet, dass er Demokratie gutheißt; er sagt, das ist das beste politische System, aber in Klammern denkt er dazu – und das kommt aus den Schriften heraus: vorläufig. Es ist also das beste System, um die islamischen Werte aufzunehmen. Der Westen gilt ihm aber als verdorben, hat die Werte verloren, die Moral verloren, die jetzt durch den Islam im Grunde wieder gebracht werden müssen, die durch Muslime auch in die Gesellschaft getragen werden müssen."

Werte- und Moralvorstellungen der Scharia

Die Einflussnahme – auch in Deutschland – erfolgt über drei Stufen: die Schulen und die Nachhilfeeinrichtungen, in denen die Eliten heranwachsen. Die Medien, die Gülen unter dem Namen "World Media Group" mit Sitz in Offenbach betreibt. Hier werden auch seine über 60 Bücher in mehreren Sprachen unkommentiert publiziert. Und drittens: Die Einflussnahme auf Politik und Wirtschaft durch die Unterwanderung der Parteien, Gewinnung von Politikern für die Beiräte seiner Vereine und über eigene Unternehmervereinigungen wie den "Bundesverband der Unternehmervereinigungen" mit rund 5000 Unternehmern.

Gülens Wert- und Moralvorstellungen, denen seine Anhänger zu folgen haben, basieren auf der Scharia, sagt Eißler.

"Gülen hat nie Abstriche an den Scharia-Regelungen von Koran und Sunna, vom traditionellen islamischen Lehrsystem, gemacht. Die Frau ist, nach den Kommentaren, die man lesen kann, charakterlich schwächer als der Mann. Sie braucht die Unterstützung des Mannes. Das Züchtigungsrecht des Mannes nach Sure 4/34 ist auch nicht angetastet worden von Gülen. Auch der Abfall von Religion, und das betrifft die individuelle Religionsfreiheit, der Abfall der Religion soll nach Gülen nach traditioneller Auffassung mit dem Tod bestraft werden."

Nun ist Gülen selbst Opfer von Gewalt. Aber die Opferrolle darf nicht den kritischen Blick auf das weltweite Imperium verstellen.

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