
Die Vorwürfe unzulässiger Einflussnahme, Willkür und Gier überschatten die sportlichen Leistungen der Mannschaften bei der soeben beendeten Fußball-Weltmeisterschaft der Männer. Von Betrug und Sportswashing ist die Rede und davon, dass der US-Präsident und der FIFA-Chef Misstrauen gegenüber dem Fußball geschürt haben.
Die WM als Geldmaschine
Finanziell ist die Weltmeisterschaft ein großer Erfolg für den Fußball-Weltverband: Nach Schätzungen hat die FIFA etwa 15 Milliarden US-Dollar eingenommen, nachdem ursprünglich mit elf Milliarden gerechnet worden war. Bei der vorangegangenen WM in Katar wurden rund 5,8 Milliarden US-Dollar verbucht.
Das sei bei 40 Spielen mehr als bisher auch logisch, sagt Thomas Kistner von der „Süddeutschen Zeitung“. Der Verband habe überall, vor allem aus den Fans und den Gastgeberstädten, den letzten Dollar ausgepresst.
Die Ticketverkäufe auf der FIFA-Wiederverkaufsplattform sind unter anderem für den Anstieg verantwortlich. Der Verband behält sowohl vom Verkäufer, der den Preis beliebig festlegen darf, als auch vom Käufer jeweils 15 Prozent Gebühren ein. Kritiker sprechen von einem legalisierten Schwarzmarkt.
Ein Großteil der Einnahmen soll an die 211 Mitgliedsverbände gehen. Sie wählen im nächsten Jahr wieder den FIFA-Präsidenten. Eine Wiederwahl von Gianni Infantino gilt auch deswegen als wahrscheinlich.
Den ausrichtenden Städten in den USA blieben die hohen Kosten. Sie waren verpflichtet, Hunderte von Millionen Euro in Stadionumbauten, ÖPNV und Sicherheitsmaßnahmen zu stecken. Durch das Turnier wachse weder das Bruttoinlandsprodukt noch die Zahl der Arbeitsplätze, sagt Simon Kuper, Autor des Buchs „Soccernomics“.
Die FIFA pfeift auf eigene Regeln
Außerdem gab es noch den Sündenfall: die Rücknahme der Roten Karte für den US-Spieler Folarin Balogun vor dem Achtelfinale gegen Belgien nach einer direkten Intervention von Trump. Das hätte nie passieren dürfen, denn damit sei das Misstrauen gegenüber dem Fußball geschürt worden, sagt Sportsoziologe und Philosoph Gunter Gebauer.
Das sieht auch FIFA-Kenner und Journalist Kistner so. Trumps Eingriff in den Spielbetrieb sei verheerend. Letztlich habe der US-Präsident der Welt gezeigt, dass er der wahre FIFA-Chef sei, als er – und nicht etwa Infantino – eine erneute WM in den USA in naher Zukunft ankündigte.
Auch in der Halbzeitpause des Finales habe die FIFA gegen ihre eigenen Regeln verstoßen, sagt Journalist Christoph Biermann. Die Pause wurde von 15 auf 25 Minuten ausgedehnt, um eine Halbzeitshow wie im Super Bowl beim American Football unterzubringen.
Trump nutzt WM für seine Zwecke
Der US-Präsident und der ihm zugeneigte Sender Fox haben die WM als einen großen Sieg gefeiert. Trumps Anhänger deuteten auf Social Media die Begeisterung der Fans als Beleg für die Großartigkeit der USA.
Minky Worden, Direktorin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, wirft der Trump-Regierung indes vor, die WM für ihre Zwecke instrumentalisiert und sich auch politische Vorteile gesichert zu haben.
Das findet auch der Politologe Jules Boykoff. Während die ganze Welt mit den Fußballern mitfieberte, habe es einen Anstieg an teilweise gewaltsamen Festnahmen und Todesfällen gegeben. Die WM habe gezeigt, dass Sport Politik mit anderen Mitteln sei. Außerdem erinnert Daniel Noroña von Amnesty International daran, dass Fans und sogar Schiedsrichtern aufgrund ihres Herkunftslandes die Einreise in die USA verweigert worden war.
Die FIFA hat sich weiter beschädigt
Für den Journalisten Thomas Kistner liegt die WM in den USA in Sachen Sportswashing gleichauf mit der in Katar. Trump konnte sich und seine Politik durch den Sport in ein gutes Licht rücken.
Dabei war der Ruf der FIFA schon vor dem Turnier angeschlagen. Mittlerweile sei ihre Glaubwürdigkeit unterirdisch, findet Kistner, der als Journalist seit Jahren zum Weltfußballverband recherchiert.
Die Auswüchse der Willkür und der Gier gegenüber den Fans, dazu die Rolle als Trumps williger Vollstrecker, machten FIFA-Chef Infantino in den Teilen der Welt untragbar, wo Governance- und Ethikfragen eine Rolle im Geschäftsleben spielten.
Onlinetext: Rade Janjusevic















