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Film der Woche: "Widows" von Steve McQueenErster Versuch im Thriller-Fach

Nach dem Tod ihres Mannes, der ein Gangster war, hat eine Witwe seine Schulden am Hals und inszeniert nun mit zwei Kumpaninnen seinen letzten Raub: Steve McQueens neuer Film ist ein klassischer Heist-Movie, ein Film über einen Raubüberfall. Aber er erzählt doch gleichzeitig eine Menge mehr.

Von Hartwig Tegeler

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Szene aus "Widows" von Steve McQueen: Amanda (Carrie Coon) mit Baby auf dem Arm und ihre Mutter (Ann Mitchell) (imago stock&people)
Szene aus "Widows" von Steve McQueen: Amanda (Carrie Coon) mit Baby auf dem Arm und ihre Mutter (Ann Mitchell) (imago stock&people)
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Das ungläubige Staunen, die Melancholie, die tiefe, tiefe Enttäuschung über eine Leben, das so perfekt schien, und nun – nach dem Tod ihres Mannes – zusammengebrochen ist: All diese Gefühle bringt die afroamerikanische Schauspielerin Viola Davis in einer wunderbaren Intensität in Steve McQueens Film zum Ausdruck. Mit diesem Ton ist "Widows" ganz nahe an den dunklen Schattenspielen des Film Noir der 1940er- und 50er-Jahre. Auch da ging es immer um die Verzweiflung des Einzelnen in einer Gesellschaft, in der der Mensch dem Menschen schon lange ein Wolf geworden ist.

"Widows" beginnt als klassischer Film über einen Überfall, im Fachjargon Heist-Movie genannt: der Raub geht schief, Fluchtwagen und Beute gehen in Flammen auf. Die Gangster: tot. Auch Harry, Veronicas Mann. Doch wie im Film Noir ist auch in "Widows" nichts so, wie es scheint. Veronica und die beiden Witwen der Kumpane ihres Gatten jedenfalls setzen unfreiwillig die Arbeit ihrer Männer fort. Denn sie brauchen Geld. Da gibt es den alten Plan von Harry: "Unsere ganze Arbeit war umsonst, wenn wir das Geld nicht schnell rausholen. Laut Notizbuch fünf Millionen Dollar."

Eine Geschichte von Korruption und Emanzipation

Heist-Movie, gut. Das ist "Widows". Wir können diesen Film aber auch als Gesellschaftsbild über die alltägliche Korruption in der US-Gesellschaft sehen, denn der Gläubiger, der bei Veronica Schulden einfordert, ist der afroamerikanische Kandidat für den Bürgermeisterposten, der wie alle in seiner Branche – auch der von Colin Farrell gespielte weiße Gegenkandidat – eine Menge Dreck am Stecken hat. Und die fünf Millionen, die Veronica klauen will?

"Genau die Summe, die Jack Mulligan im Ausschuss als Bestechungsgelder kassiert haben soll."

Wir können "Widows" auch als Emanzipationsgeschichte sehen …

"Wir müssen anfangen, wie Profis zu denken. Wir sind Geschäftspartner."

… eine gegen die Betrüger-Ehemänner:

"In drei Tagen ist es soweit. Am Abend der Debatte. Wir haben drei Tage, um den Eindruck zu erwecken, wir wären Männer. Wir haben einen Vorteil dadurch, dass wir die sind, die wir sind."
"Wieso?"
"Weil niemand glaubt, dass wir die Eier haben, um die Sache durchzuziehen."

Grandiose Leistung von Viola Davis 

Und am Ende ist doch wieder alles ganz anders, als es scheint in dieser Welt voller Geheimnisse, Illusionen, Gewalt und Lügen. Allerdings: Im Film Noir, dem Genre-Vorbild, wurden die Männer von den Frauen betrogen. In "Widows" betrügen die Männer die Frauen.

"Heute Nacht ist etwas Schlimmes passiert. Wir sind auf uns gestellt."

Dass sich am Ende der Action-Anteil in "Widows" verselbständigt gegenüber dem dunklen Gesellschaftsbild, ist der Wermutstropfen bei diesem Film. Zu viele Erzählstränge, die McQueen aufreiht, aber in den dafür zu kurzen 130 Minuten Filmzeit nicht überzeugend erzählerisch bündelt. So richtig wollen Heist-Movie, Emanzipationsdrama und Witwen-Tristesse doch nicht zu einem Film zusammenkommen. Was an einer Sache nichts ändert: Mit Viola Davis als Witwe Veronica, die mit ihrem melancholischen Ausdruck dem Film eine unfassbare betörende, aber in dieser Geschichte über Lug und Trug auch verstörende Aura gibt, hat Steve McQueen eine Schauspielerin, für die der Begriff "grandios" einige Nummern zu klein ist.

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