Montag, 16. Mai 2022

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Finale Debatten im dämmrigen Hörsaal Berlins

Die studentischen Debattierweltmeister stehen nun fest: Es gab Sieger in drei Kategorien - je nach Englischkenntnissen. Die Sieger der höchsten Kategorie kommen aus Australien. In zwei weiteren Kategorien gewannen ein Student aus Bangladesch und ein Team aus Portugal.

Von Verena Kemna | 04.01.2013

Bei ihrem letzten Auftritt argumentieren die Debattierer nicht in den dämmrigen Hörsälen der Technischen Universität Berlin, sondern auf einer Bühne vor großem Publikum. Nach tagelangen anstrengenden Vorrunden sind die über tausend Teilnehmer an diesem Abend festlich gekleidet. Viele tragen Abendrobe, dunklen Anzug, langes Kleid. Im Saal sind alle Stühle besetzt.

In der Kategorie für Redner, die Englisch als Zweitsprache schon im Schulunterricht gelernt haben, begrüßt der Moderator zwei Teams von der Universität Leiden, der ältesten Universität in Holland, eines aus Israel und zwei Debattierer aus Bangladesch.

Als die These für das Finale vorgetragen wird, ist es im Saal still. Die Jurymitglieder sitzen in der ersten Reihe direkt vor der Bühne. Auf der Bühne stehen vier Tische im Licht der Scheinwerfer, angeordnet wie ein V in Richtung Publikum. In der Mitte, das Rednerpult. Die acht Teilnehmer verteilen sich schnell, breiten ihre Nationalflaggen über die blendend weißen Tischtücher. Ratib Mortuza Ali trinkt noch einen Schluck Wasser, dann legt der Student aus Bangladesh los. Es geht um Staatsbürgerrechte für Migranten, ein Thema wie für ihn geschaffen.

Er, der selbst bereits an vielen Orten dieser Welt gelebt und studiert hat, spricht voller Leidenschaft. Jeder im Saal versteht, worum es ihm geht. Ratib Mortuza Ali schafft es sogar, das Publikum immer wieder zum Lachen zu bringen. Mit viel Charme hat er gleich bei seinem ersten Auftritt alle Sympathien für sich gewonnen. Ihm gehört der Publikumspreis "Darling of the Audience".

Der Student der Wirtschaftswissenschaften verschwindet fast zwischen seinen Landsleuten, er wird umarmt und gedrückt. Zu diesem Zeitpunkt weiß noch niemand, dass der "Darling of the Audience" und sein Teampartner sich außerdem in ihrer Kategorie den Titel als Weltmeister holen.

"Ich selbst komme aus diesen Communities, die als Migranten nach England gehen in die Niederlande und nach Deutschland. Ich selbst habe in London gelebt, kenne die Netzwerke der Bengalen dort und das hat mir den Kontext, das Wissen gegeben um als Betroffener zu sprechen."

Ratib Mortuza Ali, 21 Jahre alt, studiert an der BRAC Universität in Dhaka, der Hauptstadt seines Heimatlandes Bangladesh. Nach dem Studium möchte er in die Wissenschaft. Seit zweieinhalb Jahren trainiert er mit seinem Teampartner das Debattieren, beide haben bereits an vielen internationalen Turnieren teilgenommen. Die Familien haben für das Team aus Bangladesh gespart. Ich musste einfach dabei sein, meint Ratib Mortuza Ali und strahlt.

Seit heute kann er sich Weltmeister nennen. Eine gute Wahl, meint Theo Sommer. Der ehemalige Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit" hat selbst in Harvard studiert und sich dort in der Kunst des Debattierens gebildet. Als Mitglied der Ehrenjury hat auch er für das Team aus Bangladesh gestimmt:

"Nun sind die Bangladeschis durch 400 Jahre britischer Herrschaft geprägt, das Englisch ist dort noch sehr gut. Der Geist der Demokratie, des demokratischen Debattierens ist dort sehr lebendig, das war gut zu hören. Außerdem war er brillant und hat eine große Ausstrahlung. "

Nur ein einziges deutsches Team hat es überhaupt bis ins Finale geschafft. In der Kategorie "Englisch als Fremdsprache" hat zwar das Team aus Porto gewonnen, doch die beiden Studenten aus Freiburg, Johannes Samlenski und Jannis Limperg sind immerhin Vizeweltmeister geworden. Für die beiden Newcomer, die erst seit wenigen Wochen gemeinsam trainieren, ist die ganze Weltmeisterschaft so etwas wie eine Traumreise. VWL-Student Johannes Samlenski ist erschöpft, mit bleichem Gesicht zieht er eine positive Bilanz:

"Also es ist sehr unerwartet für uns gewesen und insofern waren wir auch völlig baff zu erfahren, dass wir es bis in die Finalrunde geschafft haben. Es war natürlich eine große Anspannung bis zum Finale an sich und danach ist erstmal eine große Entspannung eingekehrt und wir sind froh und glücklich, es so weit gebracht zu haben."