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StartseiteWirtschaft und GesellschaftDurch Lesen reich werden?03.08.2021

Finanzratgeber im CheckDurch Lesen reich werden?

Der Verkauf von Finanzratgebern ist stark gestiegen. Experten machen dafür auch die Pandemie verantwortlich. Im Lockdown gaben die Menschen weniger Geld aus und suchten nach Investitions-Alternativen. Doch beim genaueren Hinsehen wird klar: Die Einzigen, die durch Ratgeber reich werden, sind Autor und Verlag.

Von Silke Hahne

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Junge Frau beschützt mit ihren Armen einen Berg Geldscheine (IMAGO / Panthermedia)
Wer einen Finanzratgeber kauft, sollte sich vorab über den Autor und dessen Quellen informieren (IMAGO / Panthermedia)
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Um die finanzielle Bildung der Menschen in Deutschland ist es nicht besonders gut bestellt, das zeigen Studien immer wieder. Und offenbar haben einige das in den vergangenen Jahren selbst gemerkt. Das Segment der Finanz-Ratgeber, wenngleich insgesamt klein, hat ordentlich zugelegt. Christian Wagner leitet den Vertrieb von Büchern bei der Stiftung Warentest und ist Mitglied der Interessengruppe Ratgeber vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Der Zeitverlauf, den er schildert, legt nahe: Die jüngste Entwicklung hatte auch mit Corona zu tun:

"Ich sehe eine langfristige Tendenz nach oben, und ich sehe eben nochmal einen kräftigen Sprung 2020 – also das hat sich fast verdoppelt von 2019. Investitionen in der Krise, ich weiß nicht, wo ich mein Geld hintun soll, ich gucke, wie ich es anlege."

Pandemie hat Auseinandersetzung mit eigenen Finanzen verstärkt

Viele Menschen hatten geringere Ausgaben in der Krise – und vielleicht auch mehr Zeit zum Nachdenken. Dazu kommt: Seit vielen Jahren sind die Zinsen niedrig. Bei vielen Menschen hat diese Gemengelage offenbar dazu geführt, sich mit ihren Finanzen auseinanderzusetzen. Funktioniert haben Wagner zufolge zum Beispiel Titel, die bei den ersten Schritten der Geldanlage helfen oder die grundsätzliche Funktionsweise der Börse beschreiben.

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Und dann gibt es noch Titel, da merkt man: Hier waren Marketing-Experten am Werk. Hier will jemand ein Buch auf Teufel komm raus verkaufen. Wie aber trennt man die Spreu vom Weizen? Hendrik Buhrs ist Redakteur bei der Ratgeber-Webseite "Finanztip", die das gestiegene Interesse an Finanzwissen ebenfalls in Abruf-Zahlen und Newsletter-Abonnements mitbekommt. Er empfiehlt:

"Ich sollte rausfinden: Wer ist der Autor, was hat derjenige für ein Interesse? Das kann ich bei der, ich sage mal bei der Stiftung Warentest, sicher ganz anders einschätzen als bei einem eher reißerisch aufgemachten Titel, wo ich schon beim Durchblättern den Eindruck habe: Da kommt jetzt gerade der Pulverdampf des zusammengekrachten Euros raus. Ich sollte vorsichtig sein, wenn es sehr missionarisch wird. Also dieser: Ich bin der allein Seligmachende mit meinen Aussagen."

Eine gesunde Grundskepsis ist angebracht

Weitere Hinweise seien fehlende oder rätselhafte Quellen. Unseriöse Bücher zeichneten sich zudem durch sehr präzise Vorhersagen aus. Manche Autoren böten sogar gleich vermeintlich passende Fonds an, die sie verkaufen wollten. Die können teuer sein – und schlechter rentieren als der Markt.  Eine zweite Quelle zu konsultieren lohnt sich also im Zweifel. Genau wie eine gewisse Grundskepsis, was man mit einer Geldanlage eigentlich erreichen kann:

"Wenn ein Ratgeber jetzt wirklich den Stein der Weisen hätte und deutlich besser wäre als der Mainstream am Finanzmarkt, dann fragt man sich: Wieso macht der das dann nicht selbst nach seinem Rezept und verrät stattdessen alles? Offenbar verdient er mit seinen Büchern doch mehr, als mit der Methode. Die erfolgreiche langfristige Geldanlage, die ist überraschenderweise eigentlich sehr simpel."

Solar-Panels und Windturbinen in einem Kraftwerk in Yancheng in der Provinz  Jiangsu in China (Hector RETAMAL / AFP)Solar-Panels und Windturbinen in einem Kraftwerk in Yancheng in der Provinz Jiangsu in China (Hector RETAMAL / AFP)Nachhaltige Investments
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Auch Spekulieren hilft nur bedingt beim Reichwerden

Sie macht aber eben nicht unbedingt steinreich und schon gar nicht schnell. Was aber macht eigentlich wirklich reich? Stefan Bach forscht am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zu Sozialpolitik, Einkommens- und Vermögensverteilung und sagt: Selbst in der gehobenen Mittelschicht ist bei einer normalen Vermögensbildung bei 200.000 bis 300.000 Euro Schluss.

"Um wirklich große Vermögen zu bilden, muss man spekulativ, muss man unternehmerisch tätig sein. Aber auch da muss man sich drüber klar sein, das sind natürlich nur wenige Leute, die wirtschaftlich sehr erfolgreich sind. Die ziehen dann eben ein Unternehmen hoch. Und da muss man auch sagen, das ist ja bei denen häufig gar nicht so bewusst, dass die unbedingt reich werden wollen – wie das diese Ratgeber suggerieren. So nach dem Motto: Ich will reich werden, und dann muss ich das und das machen. So läuft das natürlich nicht. Sondern das sind halt Leute, die wollen einfach was bewegen."

Ob ein Mensch das möchte und schafft, hänge zum Beispiel mit der Prägung zusammen, mit der sozialen Herkunft und natürlich mit Risikobereitschaft. Reichtum sei außerdem relativ: Viel Geld hat nur, wer mehr als andere hat. Reich kann also schon per Definition nicht jeder sein. Aber Wohlstand für alle, das große Versprechen der sozialen Marktwirtschaft, das gehe schon. Mit der entsprechenden Politik, die auch Vermögen umverteilt, sagt Stefan Bach.

Ein Blick ins Geschichtsbuch kann helfen

Wer am eigenen Vermögen arbeiten möchte, dem empfiehlt Hendrik Buhrs von "Finanztipp" zum einen unaufgeregte Ratgeber wie von Stiftung Warentest oder den Verbraucherzentralen, sowie ein Grundlagenbuch des Investmentbankers Gerd Kommer zur passiven Geldanlage. Außerdem lohnten auch Bücher, die auf den ersten Blick wenig mit konkreten Ratschlägen zu tun haben:

"Sehr nützlich ist von Daniel Kahnemann das 'Schnelles denken, langsames Denken'. Das bringt einem sehr viel über unser Gehirn bei und das hilft einem eigentlich auch bei Fragen rund um die Geldanlage. Und abschließend mag ich noch Bücher über, ich sage mal, große Investoren aus der Geschichte, weil das sehr lehrreich sein kann. Zum Beispiel über Warren Buffet, der für einen so reichen Menschen eigentlich ziemlich bescheiden lebt, vergleichsweise. Und auch John Bogle, der hat die Indexfonds erfunden und hat sich damals da sehr viel Spott und Häme für anhören müssen."

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk (imago / fStopImages / Malte Müller) (imago / fStopImages / Malte Müller)

Trend ETFs

Inzwischen wird über diese ETFs allein in Deutschland ein dreistelliges Milliardenvermögen verwaltet. Entsprechend beliebt sind dazugehörige Ratgeber. Die indes lohnen sich auch für die Verlage, meint Christian Wagner von Stiftung Warentest:

"Sonst würde man da nicht weiter unterwegs sein, sondern sagen: Ich hänge hier diese Warengruppe an den Nagel. Aber im Großen und Ganzen ist das glaube ich ein Segment, was mehr Aufmerksamkeit verdient. Das glaube ich schon."

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