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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Rolle der Bundespräsidenten- und Kanzlergattinnen 16.05.2019

First Ladies in DeutschlandDie Rolle der Bundespräsidenten- und Kanzlergattinnen

Mal sozial engagiert, mal selbst politisch aktiv: Die Frauen der deutschen Staatsmänner hatten durchaus Einfluss - doch ihr Engagement geriet im Schatten der Ehemänner oft in Vergessenheit. Historikerin und Buchautorin Heike Specht hat die First Ladies seit 1949 porträtiert.

Von Alfried Schmitz

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Bundespräsident Theodor Heuss und seine Frau Elly Heuss-Knapp winken 1949 aus einem Auto heraus  der Menge zu  (picture alliance/AP Images )
Bundespräsident Theodor Heuss und seine Frau Elly Heuss-Knapp winken 1949 aus einem Auto heraus der Menge zu (picture alliance/AP Images )

Sich ausführlich mit den Gattinnen der Bundespräsidenten und Bundeskanzler im Nachkriegsdeutschland zu beschäftigen, war keine leichte Aufgabe für die Historikerin und Buchautorin Heike Specht. Die politische Arbeit der deutschen Staatsmänner spielte sich stets im Rampenlicht von Öffentlichkeit und Medien ab und ist zudem in vielen Biografien beleuchtet worden. Informationen über die Arbeit und das Leben der Ehefrauen zu erhalten, war teilweise mühevolle Recherchearbeit. Heike Specht wurde in historischen Hörfunk- und Fernsehbeiträgen, in Zeitungsartikeln und Protokollnotizen fündig. In der Hauptsache waren es aber Gespräche mit den noch lebenden Kanzler- und Präsidenten-Ehefrauen wie zum Beispiel Doris Schröder-Köpf, Christina Rau, Marianne von Weizsäcker, Bettina Wulff oder Elke Büdenbender - und im Falle der vielen schon verstorbenen mit deren Kindern und Enkelkindern wie zum Beispiel Walter Kohl, Cornelia Scheel, Peter Brandt oder Markus Herzog.

Herausgekommen sind Portraits von interessanten Frauen, deren politisches und soziales Engagement oft im Schatten ihrer staatstragenden Ehemänner in Vergessenheit geraten ist.

Dr. Heike Specht: "Mich hat schockiert, dass man, wenn man in die großen Nachkriegsgeschichten schaut, zum Beispiel eine Elly Heuss-Knapp gar nicht unbedingt findet. Oder eine Hilda Heinemann. Die tauchen vielleicht mal auf einem Foto auf, aber das war’s dann auch. Und gerade eine Elly Heuss-Knapp, die hätte, wie ihr Mann Theodor Heuss auch gesagt hat, selber das Zeug gehabt, Bundespräsidentin zu werden. Und die hat ja ganz sicher dieser Rolle wirklich eine Prägung gegeben, die dann alle anderen aufnehmen mussten und weiter interpretiert haben."

Elly Heuss-Knapp mit ihrem Mann auf Augenhöhe

Elly Heuss-Knapp, die Frau des ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss, war eine überaus gebildete und politisch engagierte Persönlichkeit. 1881 geboren, arbeitete sie zunächst als Lehrerin, studierte dann Nationalökonomie, veröffentlichte Bücher wie "Bürgerkunde und Volkswirtschaftslehre für Frauen" und war schon während der Weimarer Republik politisch aktiv. Auch ihr Mann Theodor, den sie 1908 in Straßburg geheiratet hatte, war Nationalökonom und Politiker, arbeitete als Journalist und Buchautor. Sie waren ein Paar auf Augenhöhe, lebten eine für damalige Verhältnisse sehr fortschrittliche Ehe, bei der beide Partner gleichberechtigt waren.

Heike Specht: "Ihr Mann durfte ja dann während des Dritten Reiches nicht arbeiten, durfte nicht publizieren. Und sie hat die Familie über Wasser gehalten mit Werbejingles. Sie war Werbetexterin."

Elly Heuss-Knapp gilt als Erfinderin der modernen Werbespots und setzte dabei auf pfiffige Texte, prägnante Musik und einen gewissen Unterhaltungswert.

Für Heike Specht sind es solche Episoden, die die Lebenswege der von ihr portraitierten Frauen so spannend machen. Es ging der Historikerin aber nicht nur darum, das Leben und Wirken der Präsidenten- und Kanzlergattinnen zu beleuchten, sondern darüber hinaus zu zeigen:

"Welchen Weg die Frauen in Deutschland seit 1949 überhaupt zurückgelegt haben. Wie sich diese Frauenrollen, die Geschlechterrollen verändert haben und wie diese Frauen eben auch Geschichte erlebt haben und ihre Geschichte, aber natürlich auch die große deutsche Geschichte erlebt haben."

Gründerin des Müttergenesungswerks

So wie Elly Heuss-Knapp, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg sofort wieder politisch engagierte, sich der neu gegründeten FDP anschloss und als eine der Initiatorinnen des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung zu den Pionieren der europäischen Idee gehört.

Als ihr Mann zum ersten deutschen Bundespräsidenten gewählt wurde, nutzte sie ihren Einfluss, um auf die Not vieler Frauen im Nachkriegsdeutschland hinzuweisen, die unter der Mehrfachbelastung Beruf, Kindererziehung und Haushalt an ihre seelischen und körperlichen Grenzen stießen.

Elly Heuss-Knapp: "Die Not ist wirklich auch heute unendlich groß. So groß, dass die Selbstmorde sich mehren, dass die Ehen auseinanderbrechen und dass viele einfach erklären, sie könnten nicht mehr."

Gemeinsam mit Antonie Nopitsch gründete Elly Heuss-Knapp 1950, zwei Jahre vor ihrem Tod, das "Müttergenesungswerk". Schon im ersten Jahr ermöglichte die gemeinnützige Stiftung Tausenden Frauen, zumindest vorübergehend zur Ruhe zu kommen, wie Elly Heuss-Knapp in einer Rundfunkansprache schilderte.

"26.000 müde, abgespannte, nervöse Mütter, reizbar, schlecht gelaunt. Sie sind herausgelöst worden aus ihrer Familie und kamen in ein Heim, das dieser besonderen Arbeit gewidmet ist. Und im Übrigen mussten sie einmal nicht sorgen für sich, sondern es wurde für sie gesorgt. Viele sagen, es sei das erste Mal im Leben, dass sie überhaupt Urlaub machen konnten."

Gemeinnützige Aufgaben und politischer Einfluss

Seit der Gründung des Müttergenesungswerks obliegt die Schirmherrschaft der jeweiligen Gattin des Bundespräsidenten. Doch das ist nicht die einzige gemeinnützige Aufgabe, der sich die First Ladies widmeten.

Hilda Heinemann zum Beispiel übernahm darüber hinaus die Schirmherrschaft des Deutschen Frauenrings, engagierte sich bei Amnesty International und gründete 1970 eine Stiftung, die die Eingliederung von geistig behinderten Erwachsenen ins Arbeitsleben ermöglichen sollte. Die Ärztin Mildred Scheel nutzte ihre Popularität, um die Deutsche Krebshilfe ins Leben zu rufen. Und, so Heike Specht, auch die etwas in Vergessenheit geratene Wilhelmine Lübke hatte ihre Qualitäten als First Lady. Sie entwickelte sich auch schon mal zur treibenden Kraft neben ihrem manchmal etwas bieder und blass wirkenden Ehemann.

Mildred Scheel war lange Präsidentin der Deutschen Krebshilfe (dpa / AP)Mildred Scheel war lange Präsidentin der Deutschen Krebshilfe (dpa / AP)

Heike Specht: "In der zweiten Amtszeit kam immer deutlicher heraus, dass er an Demenz erkrankt ist. Seine Frau war am nächsten dran und hat das am stärksten gesehen. Man weiß von einer Episode, als sie in Afghanistan waren und Hermann Lübke gewollt hätte, dass die Afghanen sich stärker von den Sowjets distanzieren öffentlich. Und der Mitreisende aus dem Auswärtigen Amt hat auf ihn eingewirkt und gesagt, das geht nicht, die sind ja direkte Nachbarn zu den Sowjets, die können sich nicht noch stärker distanzieren, das können wir nicht verlangen und hat wirklich gedroht, abzureisen. Der Bundespräsident war da schon in einer Art Altersstarrsinn verharrt und da hat seine Frau auf ihn eingewirkt, dass er da dann doch locker gelassen hat und sich hat überzeugen lassen. Sie hat dann auch einen Entschuldigungsbrief an den Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes geschickt. Und das war die First Lady, die da die Situation gerettet hat. Ganz klar!"

Rut Brandt und Hannelore Kohle: einflussreiche Kanzlergattinen

Neben den Bundespräsidentengattinnen, deren Funktion und Rolle man auf politischem Parkett offiziell als First Ladies bezeichnet, beleuchtet die Historikerin in ihrem Buch auch die Frauen, die als Kanzlergattinnen bekannt wurden. Auch sie verfügen über spannende Lebensläufe, auch sie haben sich ins politische Geschehen eingebracht und außerhalb des Protokolls bei politischen Entscheidungen mitgewirkt. Über Rut Brandt zum Beispiel schreibt Heike Specht, dass sie zwar keine Figur auf dem politischen Schachbrett ihres Mannes Willy sein wollte, aber dennoch durch ihre offene Art seine Diplomatin gewesen sei und für die Bürgernähe gesorgt habe, die ihrem Mann durch seine menschenscheue Art gefehlt hat.

Am Berliner Presse- und Funkball im neuerrichteten Palais am Funkturm tanzen am 26. Januar 1958 der amtierende Buergermeister von Berlin Willy Brandt und seine Frau Rut. (dpa / KEYSTONE)Willy Brandt und seine Frau Rut im Jahr 1958. (dpa / KEYSTONE)

Und Hannelore Kohl, so hat Heike Specht in Gesprächen mit Sohn Walter erfahren, hat Helmut Kohls Wiedervereinigungsbestreben maßgeblich beeinflusst.

"Also wir wissen von Hannelore Kohl, dass sie bei der Abfassung des Zehn-Punkte-Programms zur Wiedervereinigung 1989 im Herbst dabei war. Und in vielen Büchern wird das so am Rande erwähnt, nach dem Motto, sie hat das dann da abgetippt. Ich würde wagen zu behaupten, dass das weit darüber hinausging. Hannelore Kohl kam ja aus Leipzig, sie ist in Leipzig aufgewachsen und in Berlin geboren. Die hat diese Wunde der Teilung in dieser sehr, sehr westdeutsch rheinisch-katholisch geprägten Familie Kohl über Jahrzehnte wachgehalten und hat immer wieder bewusst gemacht, da gibt es diese Teilung. Und die Familie Kohl ist ja auch, auch wegen Hannelore Kohl, regelmäßig in die DDR gefahren und hat das Viertel besucht, wo sie aufgewachsen ist."

Doris Schröder-Köpf: selbst politisch aktiv

Direkter eingebracht in die Politik hat sich eine andere Kanzlergattin: die 1963 in Bayern geborene Doris Schröder-Köpf. Ihre Ehe mit Gerhard Schröder wurde im vorigen Jahr offiziell geschieden. Die SPD-Politikerin ist heute Landtagsabgeordnete in Niedersachsen und Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

Als junge Journalistin war sie für die Bild-Zeitung als Parlamentskorrespondentin in Bonn und später für das Nachrichtenmagazin "Focus" im Ressort Innenpolitik in Berlin tätig.

Bundeskanzler Gerhard Schroeder und Ehefrau Doris Schroeder-Koepf beim Bundespresseball am 14.11.1998 in Bonn. (picture alliance / R4200)Bundeskanzler Gerhard Schroeder und Ehefrau Doris Schroeder-Koepf beim Bundespresseball am 14.11.1998 in Bonn. (picture alliance / R4200)
1997 heiratete sie den SPD-Politiker und Ministerpräsidenten von Niedersachsen Gerhard Schröder, der ein Jahr später Bundeskanzler in der damals von Rot-Grün geführten Regierung wurde.

"Ich habe meinen damaligen Mann ja nicht nur als Ehefrau unterstützt, sondern ich habe ihn auch als meinen Kanzler empfunden. Ich fühlte mich in dieser rot-grünen Koalition als politischer Mensch sehr zuhause. Das, was dort umgesetzt werden sollte, stimmte in weiten Teilen mit dem, wofür ich mich immer persönlich interessiert und engagiert habe, überein. Ich habe als junge Frau gegen die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf protestiert und habe mich immer engagiert für den Atomausstieg. Und solche Veränderungen, das war Programm dieser Koalition und das war auch mein persönliches Programm, wenn man so will."  

Neben ihrem starken politischen Eintreten für die rot-grünen Ziele engagierte sich Doris Schröder-Köpf unter anderem auch als Schirmherrin für eine Drogenberatungseinrichtung und ein Sorgentelefon speziell für Jugendliche.

Zwei Frauentypen

Die Historikerin Heike Specht hat bei ihren Recherchen zu ihrem Buch über die deutschen Präsidenten- und Kanzlergattinnen herausgefunden, dass sich grob zwei Frauentypen herauskristallisieren lassen: solche, die sich wie Rut Brandt nicht aktiv ins politische Geschehen einmischen wollten und solche, wie es eine Doris Schröder-Köpf deutlich gezeigt hat, die sehr selbstbewusst darauf bedacht waren, eigene politische Akzente zu setzen. 


Heike Specht: Ihre Seite der Geschichte – Deutschland und seine First Ladies von 1949 bis heute
Piper-Verlag 2019, 400 Seiten, 24 Euro 

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