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StartseiteKalenderblattSüdstaatenkatholikin und dämonische Ironikerin03.08.2014

Flannery O’Connor Südstaatenkatholikin und dämonische Ironikerin

Die amerikanische Schriftstellerin Flannery O'Connor ist heute vor 50 Jahren gestorben. Bereits zu Lebzeiten galt sie als eines der größten Autorentalente der USA. Allerdings wurde sie erst 1972, zwölf Jahre nach ihrem Tod, mit dem "National Book Award for Fiction" ausgezeichnet.

Von Ruth Fühner

Holzkreuz in einer Kirche (AFP/Olivier Morrin)
Flannery O'Conner war eine gläubige Katholikin. Sie ging täglich in die Messe. (AFP/Olivier Morrin)

Mit dem Ruhm machte Flannery O'Connor schon als Sechsjährige Bekanntschaft. Sie hatte ein Huhn darauf dressiert, rückwärts zu gehen - eine Sensation, die sogar ein Filmteam auf die Farm ihrer Eltern lockte. Flannery O'Conner:

"Das war der Höhepunkt meines Lebens. Von da an ging's bergab."

Jugend und erste Werke

Das klingt kokett, ist es aber höchstens zur Hälfte. Flannery O'Connor wurde am 25. März 1925 in Savannah, Georgia geboren. Als sie 15 war, starb ihr Vater, ein Immobilienmakler, an einer erblichen Krankheit, ein Schock, von dem sie sich nie ganz erholte. O'Connor studierte Englisch und Soziologie mit dem Ziel, Journalistin zu werden. 1946, im renommierten "Iowa Writers' Workshop", entstanden die ersten ihrer verstörenden Erzählungen.

Es sind Geschichten aus den Südstaaten, bevölkert von engstirnigen Provinzlern, gefühllos, selbstgerecht und misstrauisch und dennoch - oder vielleicht gerade deshalb - leichte Beute für Betrüger, falsche Priester und salbungsvolle Mörder. Das Klima ist schwül, das Leben geprägt von brutaler Gewalt und Rassismus.

"'Tennessee ist der reinste Hinterwäldler-Abfallhaufen', sagte John Wesley, 'und Georgia ist auch'n lausiger Staat.'
'Stimmt', sagte June Star.
'Zu meiner Zeit', sagte die Großmutter und faltete ihre mageren, mit Adern überzogenen Hände, 'hatten die Kinder mehr Respekt vor ihrem Heimatstaat und vor ihren Eltern und vor allem Übrigen. Damals warn die Leute noch rechtschaffen. Oh seht mal, was für ein niedliches kleines Niggerchen', sagte sie und deutete auf ein Negerkind, das in der Tür einer Hütte stand.
'Er hat überhaupt keine Hosen an', sagte June Star.
'Wahrscheinlich hat er keine', erklärte die Großmutter. 'Kleine Negerkinder haben nicht so viele Sachen wie wir. Wenn ich malen könnte, würde ich so ein Bild malen', sagte sie."

Am Ende wird die Großmutter tot sein - ermordet von einem gesuchten Straftäter, den sie für jenen "guten Mann" hielt, der laut Titel der Kurzgeschichte so "schwer zu finden" ist. Noch als die Schüsse fallen, die ihre Familie auslöschen, versucht sie, dem Mörder ein Gespräch über Jesus abzuringen und die Versicherung, dass er doch einer Dame nichts antun werde. O'Connors grimmige Ironie, ihre ausgeglühte Lakonik wirkten auf viele schockierend, fanden aber auch schnell Bewunderer.

Gläubige Katholikin und literarisches Gottesbild

Ihre ersten literarischen Erfolge genoss O'Connor in New York und in Connecticut bei Freunden. Dann aber wurde bei ihr die Krankheit ihres Vaters festgestellt, und sie zog zurück zu ihrer Mutter, die ziemlich darunter litt, dass ihre Tochter sich weigerte, "über nette Leute zu schreiben". Als gläubige Katholikin in der Diaspora des protestantischen Bible Belt ging O'Connor Tag für Tag in die Messe.

Die Gnade als existenzerschütternde Herausforderung spielte eine zentrale Rolle für sie, aber es ist beileibe kein gütiger Gott, der in ihren Kurzgeschichten und Romanen waltet. Eher ein bösartiger Manipulator, der mit den Menschen spielt - bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus. Trotzdem lassen O'Connors Figuren nicht davon ab, nach dem Heiligen zu suchen - so wie Hazel Motes, der Prediger einer "Kirche ohne Gott" in dem Roman "Wise Blood". Zehn Jahre nach seinem Erscheinen schrieb Flannery O'Connor:

"Es ist ein komischer Roman über einen Christen wider Willen und als solcher sehr ernst, denn alle komischen Romane, die etwas taugen, müssen sich um Dinge des Lebens und des Todes drehen. Dass der Glaube an Christus für manche eine Angelegenheit von Leben und Tod ist, war ein Stein des Anstoßes für Leser, die ihn lieber für ziemlich bedeutungslos ansähen. Für sie liegt die Integrität von Hazel Motes in seinem verbissenen Versuch, sich von jener zottigen Gestalt, die sich in seinem Unterbewusstsein von Baum zu Baum schwingt, zu befreien. Für die Autorin liegt Hazels Integrität darin, dass er dazu nicht imstande ist."

Vogelliebhaberin und Preisträgerin

Flannery O'Connor überlebte die Diagnose ihrer Ärzte um zehn Jahre. Ihre Farm in Georgia wurde zum Pilgerort der Intelligentsia, ansonsten gab sie sich zufrieden mit der Gesellschaft ihrer gefiederten Freunde. Flannery O'Connor züchtete Hühner, Enten und Gänse und hielt neben zahllosen anderen exotischen Vögeln rund hundert farbenprächtige asiatische Pfauen. 39 Jahre alt war sie, als sie am 3. August 1964 starb. Sie hinterließ 32 Kurzgeschichten und zwei Romane. In einer Internetumfrage 2007 wurde ihr Gesamtwerk auf Platz eins der National-Book-Award-Träger aller Zeiten gewählt.

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