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StartseiteUmwelt und VerbraucherNotschlachtungen für die Tonne18.05.2020

Fleischbetriebe in den USANotschlachtungen für die Tonne

In den USA hat Präsident Donald Trump die Wiedereröffnung der Schlachtbetriebe per Dekret verfügt - trotz Corona und ohne Änderungen der Arbeitsbedingungen. Denn in den Ställen stauen sich mittlerweile die Schweine. Jetzt wird massenhaft notgeschlachtet und entsorgt.

Von Heike Wipperfürth

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04.02.2019, Niedersachsen, Garrel: Halbierte Schweine hängen im Schlachthof Böseler-Goldschmaus während des Besuchs des Ministerpräsidenten von Niedersachsen an den Haken. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa | Verwendung weltweit (dpa)
Die Ställe vieler US-Farmer sind überfüllt, weil die Schlachthöfe geschlossen waren. Jetzt müssen viele Tiere notgeschlachtet werden. (Archivbild aus Deutschland) (dpa)
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Pro Monat werden in den USA normalerweise rund 15 Millionen Schweine geschlachtet, zerteilt, verpackt und in den Verkauf geleitet. Das entspricht 500.000 Schweinen pro Tag. Doch die Coronaviruspandemie hat die Arbeitsabläufe in den US-Fleischverarbeitungsfabriken ab Mitte April empfindlich gestört. Das wiederum führe zu dramatischem Platzmangel in der durchgetakteten, industriellen Schweinemast, konstatiert der Agrarökonom Jayson Lusk von der Purdue Universität in Indiana. 

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

"Es wurden nur 200.000 statt 500.000 Schweinen geschlachtet. Das ist ein großes Problem. Denn die Plätze in den Mastställen werden dringend für die Ferkel der Säue gebraucht, die vor Ausbruch der Pandemie befruchtet wurden."

Verpflichtende Öffnung der Schlachthöfe per Dekret

Der Auslöser: Weil sich über 10.000 Arbeitskräfte mit dem Coronavirus infiziert hatten und 30 daran starben, wurden viele Schlachthöfe von Fleischkonzernen wie Smithfield Foods, JBS und Tyson Foods geschlossen– eine Kapazitätsverringerung von 40 Prozent. Mittlerweile hat US-Präsident Trump die Schlachthöfe per Dekret wieder zur Öffnung verpflichtet. Aber die 60.000 US-amerikanischen Schweinezüchter stehen trotzdem vor schwierigen Entscheidungen, sagt Steve Meyer, ein Ökonom bei der Agrarunternehmensberatung Kerns & Associates in Iowa.

Schlachtstraße in einem Schlachthof (imago/Hake) (imago/Hake)Warum häufen sich Corona-Infektionen in Schlachthöfen?
Die hohe Zahl der Corona-Infizierten in Schlachthöfen lenkt den Fokus auf die Arbeitsbedingungen. Die Strukturen begünstigen die Ausbreitung des Virus und auch die Politik trägt ihren Teil dazu bei. Doch warum häufen sich die Fälle gerade dort?

"Insgesamt 2,2 Millionen Schweine wurden bis jetzt nicht geschlachtet – und es werden immer mehr. Viele müssen jetzt notgeschlachtet und entsorgt werden. Für die Züchter, die 150 Dollar in jedes Schwein investiert haben, ist das auch ein finanzielles Problem."

Kostenlose Schlachtung und Entsorgung in der "Sterbehilfe-Fabrik" 

Um ihnen zu helfen, hat der JBS-Konzern einen geschlossenen Schlachthof in Minnesota in eine Art "Sterbehilfe-Fabrik" umgewandelt. 13.000 Schweine können hier täglich getötet werden. Für die Farmer ist dies kostenlos, sie zahlen lediglich die Entsorgung der Tierkörper auf einer Mülldeponie. Das kommt immer noch billiger als die Tiere weiter im Stall zu halten. Auch die US Regierung hat ein Zentrum eingerichtet, das verzweifelten Züchtern hilft, Abnehmer für ihre Schweine zu suchen – oder sie zu töten. Steve Meyer:

"Die meisten Schweine werden mit Bolzenschussgewehren betäubt, damit sie schmerzunempfindlich werden."

Frisch geschlachtete Schweine, Schlachtbetrieb hängen am 27.09.2017 in einem Kühlhaus des Fleischunternehmens Tönnies in Rheda-Wiedenbrück (Nordrhein-Westfalen). (picture alliance / Bernd Thissen/dpa) (picture alliance / Bernd Thissen/dpa)"Man hofft, dass die Politik nicht mehr wegschaut"Die Vorsitzende des Verbandes der Landwirte mit handwerklicher Fleischverarbeitung, Andrea Fink-Keßler, hat verbesserte Arbeitsbedingungen und die Durchsetzung sozialer Hygienestandards in deutschen Schlachtbetrieben gefordert.

Fleischangebot im Supermarkt geht zurück

Während die Züchter versuchen, ihre Tiere so schnell wie möglich loszuwerden, geht das Fleischangebot in den Supermärkten zurück. Deshalb rationieren Großhandelsketten wie Kroger und Costco mittlerweile den Verkauf von Rind- und Schweinefleisch. Steve Meyer rechnet nicht mit einem landesweiten Ausfall der Fleischversorgung. Aber:

"In 2021 und 2022 werden US Verbraucher wohl mehr Geld für Fleisch auf den Tisch legen müssen."

Bessere Arbeitsbedingungen gefordert

Nach Trumps Dekret nahmen Mitte Mai fast alle Schlachthöfe wieder ihren Betrieb auf – die Auslastung der Branche hat sich auf 76 Prozent erhöht. Für Garrett Graddy-Lovelace, Professorin für Landwirtschaftspolitik an der American Universität in Washington, ist das jedoch ein Schritt in die falsche Richtung.

Arbeiten im Schlachthof (agrar-press / picture alliance) (agrar-press / picture alliance)Der Preis des Billigfleischs
Dass ein höherer Fleischpreis alleine das Problem lösen würde, glauben Ökonomen und Branchenexperten nicht. Sie kritisieren vor allem fehlende Mindeststandards für die Unternehmen.

"Durch das Dekret hat Trump vermieden, dass die US-Bundesstaaten strengere Regeln zum Schutz der Arbeitskräfte erlassen. Im Dekret steht, dass es Richtlinien für Schutzkleidung und Masken gibt – aber nur, wenn das möglich und zumutbar ist."

Maschinen statt Mitarbeiter?

Der Agrarökonom Jayson Lusk erwartet, dass die Coronaviruspandemie den Auftakt zu einer neuen Konzentrationswelle in den Branchen Tiermast und Fleischverarbeitung bildet. Just zu der Zeit, in der so viele Schweinezüchter kurz vor der Insolvenz stehen, könnten ihre Betriebe von Rivalen oder Fleischverarbeitern übernommen werden. Und, sagt Agrarökonom Jason Lusk:

"Wir müssen die Abläufe in den Schlachthöfen automatisieren, um uns aus der Abhängigkeit von Arbeitskräften zu befreien. Anders als Autos oder Elektrogeräte haben Tiere keine Standardgrößen. Das bedeutet aber nicht, dass hier Fortschritt nicht möglich wäre."

Über Modernisierungsbedarf bei Tierwohl oder Arbeitnehmerrechten spricht er nicht.

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