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StartseiteTag für TagFlucht aus dem orthodoxen Leben25.10.2012

Flucht aus dem orthodoxen Leben

Wenn Jugendliche in den USA ihre ultraorthodoxen jüdischen Familien verlassen

Im Stadtteil Brooklyn wohnen die meisten ultraorthodoxen Juden New Yorks. Die junge Generation tut sich schwer mit den religiösen Zwängen ihrer Familien. Einige flüchten. Doch ihre oft mangelhafte Bildung erschwert den Neuanfang.

Von Beatrice Uerlings

Ein ultraorthodoxer Jude zelebriert den Feiertag Jom Kippur. (picture alliance / dpa / Miriam Alster)
Ein ultraorthodoxer Jude zelebriert den Feiertag Jom Kippur. (picture alliance / dpa / Miriam Alster)

Ein verregneter Herbstnachmittag an der New Yorker Stonybrook University. Es gibt kaum Studenten draußen auf dem Campus. Samuel Katz ordnet seine Bibliothek. Zwischen Platons Dialogen und Salingers "Fänger im Roggen" fischt der 23-Jährige das Werk heraus, mit dem er aufgewachsen ist:

"Das ist meine Tanach, meine hebräische Bibel. Als Kind durfte ich nur religiöse Bücher lesen. Aber es gab diese Bibliothek neben meinem Elternhaus – da bin ich immer heimlich hingegangen. Das erste Buch, das ich dort gelesen habe, war 'Charlie und die Schokoladenfabrik'. Da wir zu Hause ausschließlich Jiddisch sprachen, musste ich fast alle Worte nachschlagen. Ich habe sicher einen Monat gebraucht, um es auszulesen."

Samuel Katz entstammt einer zutiefst frommen Chassidim-Gemeinde aus Brooklyn. Der New Yorker Stadtteil zählt eine halbe Million jüdische Einwohner. Die meisten fanden dort nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Heimat. Mehr als die Hälfte von ihnen ist orthodox bis ultraorthodox, schätzt Arthur Herzberg, Humanistikprofessor an der New Yorker Columbia University.

"Die tiefreligiösen Juden betrachten sich nicht als Amerikaner. Sie definieren ihre Identität einzig durch den Ausdruck 'avoidas haboirah'. Das bedeutet Gottesverehrer. Genauso wie die Pilger im frühen 17. Jahrhundert sind auch sie nicht in die USA gekommen, um erfolgreich zu sein. Sie wollten nur einen Platz, an dem sie ihre Religion ausüben können, ohne dafür verfolgt oder ermordet zu werden."

Im ultraorthodoxen Viertel von Brooklyn bestimmen die heiligen Schriften jedes noch so kleine Detail des Alltags: Morgens muss erst der rechte Schuh, dann der linke angezogen werden; am Shabat darf der Fisch nur so gegessen werden, dass keine Gräte berührt wird; Fernsehen ist genauso verpönt wie nicht-religiöse Musik und Internet. Samuel Katz konnte sich mit diesen Zwängen schon als Jugendlicher nicht mehr identifizieren. Eines Tages vertraute er sich seinem Schuldirektor an. Doch der reagierte scharf.

"Er hat mich in ein Einzelzimmer gesteckt, damit ich die anderen Schüler nicht mit meinen weltlichen Interessen korrumpiere. Die Lehrer fragten meine Freunde aus und wollten wissen, was ich ihnen für Dinge erzählt hatte. Das war so erbärmlich, absolut schrecklich. Am Ende wollte ich einfach nur noch weg. Es ist schwierig zu erklären, wie sich das anfühlte, aber es war wunderbar befreiend."

Keiner weiß, wie viele US-Juden ihre ultraorthodoxen Gemeinden verlassen. Die meisten kommen aus New York. Samuel Katz rasiert sich kurz nach seinem 18. Geburtstag die langen Schläfenlocken ab und setzt sich in den Bus nach Midtown Manhattan. Sein Ziel: Footsteps, eine Organisation, die Menschen Hilfe anbietet, die die Grenze zwischen der Charedi-Welt und der säkularen Gesellschaft überqueren. Vor allem die mangelhafte Bildung macht orthodoxen Juden den Schritt schwer. In der Computerstube von Footsteps bereiten sich Aussteiger auf ihr GED vor – eine Prüfung, die in den USA Voraussetzung für das Hochschulstudium ist. Meist ist ihr Aufholbedarf gewaltig, weil die jüdischen Religionsschulen nur minimale Kenntnisse in Mathematik, Naturwissenschaften und Gemeinschaftskunde vermitteln. Das durchschnittliche Bildungsniveau eines 18-jährigen Jeschiwa Schülers entspreche dem eines Grundschülers, schätzt Michael Jenkins, der Programmdirektor von Footsteps. Aber alles habe zwei Seiten.

"Viele sind total verunsichert, weil sie nicht wissen, wie sie potenziellen Arbeitgebern oder Colleges erklären sollen, dass sie kein Fachwissen und keine Berufserfahrung haben. Ich sage ihnen: Das ist deine Stärke. Du hast ein Leben geführt, das von extremen Herausforderungen geprägt war und du hast sie gemeistert. Das können nicht viele von sich sagen. Das gilt es hervorzuheben."

Fast 1000 Personen hat Footsteps seit seiner Gründung im Jahr 2003 betreut – entweder von Angesicht zu Angesicht oder in vertraulichen Telefongesprächen. Neben dem Karrierecoaching bietet die Organisation auch ein soziales Auffangnetz. Den Frauen fällt der Ausstieg am Schwersten, da sie von ihren Familien zumeist schon mit 18 Jahren in vorab arrangierte Ehen gedrängt werden. An diesem Nachmittag ist Deborah Feldman bei Footsteps zu Besuch. Die Ex-Chassidim verteilt Gratiskopien ihrer vor kurzem erschienen Memoiren, die den Titel "Unorthodox" tragen und es in den US-Bestellerlisten ganz nach oben geschafft haben.

"Mein Buch hat eine Riesenkontroverse ausgelöst. Das jüdisch-orthodoxe Spektrum hat Internetblogs eingerichtet, um mich zu diskreditieren, und ich bekomme viele böse Briefe. Das ist sehr schockierend, aber es trifft mich nicht. Es bestärkt mich darin, dass ich das Richtige getan habe. Mein Sohn, den ich jetzt alleine großziehe, wird nie durchmachen müssen, was ich durchgemacht habe. Ich werde jeden Tag wach und bin dankbar, endlich frei zu sein."

In der Regel wollen die jüdisch-orthodoxen Familien in Brooklyn sich nicht über ihre verlorenen Söhne und Töchter äußern. Viele Eltern verstoßen ihre Kinder, sobald sie sich vom Judentum abwenden und trauern sieben Tage. Pearl Engelman ist eine Ausnahme. Ihr jüngster Sohn hat seinem Glauben vor sieben Jahren den Rücken gekehrt. Sie hat ein gutes Verhältnis zu ihm, versteht aber, was andere Familien durchmachen.

"Es bricht dir das Herz mit ansehen zu müssen, dass dein Kind das Beste, was du ihm gegeben hast, über den Haufen schmeißt und das wählt, was wir als das Schlimmste betrachten. Welche normalen Eltern würden sagen: Kein Problem, geh ruhig. Alle Eltern wollen ihren Kindern erklären, wie ihre Auffassung vom Glück aussieht und versuchen sie zu warnen, dass es böse enden kann, wenn du die Welt, mit der du aufgewachsen bist, wegwirfst."

Der Preis für den Absprung ist hoch. Manchmal kehren Abtrünnige auch zurück, weil sie mit dem Leben draußen nicht fertig werden. Professor Hertzberg, der sich selber als säkularer Jude bezeichnet, versteht das.

"Die Ultraorthodoxen haben etwas, was für sie spricht: Ihre Werte sind sicher, sie leben in einer großen Familie, in der jeder für jeden da ist. All diese Dinge gibt es so nicht mehr in unserer säkularen Gesellschaft. Hinzu kommt, dass unser Gegenentwurf zur ultraorthodoxen Weltanschauung, der American Dream, heute unerreichbarer ist denn je. Immer weniger Amerikaner schaffen es, erfolgreich zu sein, so sehr sie sich auch bemühen."

Auch Samuel Katz tut sich manchmal noch schwer. Vor allem freitags, wenn er vor dem Shabat seine Mutter anruft. Die beiden sprechen miteinander, aber das neue Leben des Sohnes ist tabu. Studium, Sport, Sozialkontakte, Träume – all das muss Samuel für sich behalten.

"Natürlich tut mir das weh. Ich wünschte, es gebe einen Ausweg, aber es gibt ihn nicht. Ein Freund von mir hat mir einmal gesagt: Sam, weißt du eigentlich wie mutig du bist? Ich habe geantwortet: Ich glaube nicht, dass der Mut mich dazu bewogen hat wegzugehen. Du gehst, weil du so große Angst vor dem Leben hast, dass du führen müsstest, wenn du bleiben würdest."

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