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StartseiteInformationen am MorgenAfghanistan vor einem Massen-Exodus28.09.2015

FlüchtlingeAfghanistan vor einem Massen-Exodus

Nach dem Sturz des Taliban-Regimes sind viele Flüchtlinge nach Afghanistan zurückgekehrt. Jetzt hat erneut eine Massenflucht aus dem Land eingesetzt. Die Hauptgründe: fehlende Sicherheit und wirtschaftliche Depression. So droht Afghanistan mittlerweile, eine ganze Generation zu verlieren. In Europa hoffen die Flüchtlinge auf eine humanere Zukunft.

Von Martin Gerner

Flüchtlinge aus Afghanistan kommen in einem Schlauchboot am Strand der griechischen Insel Lesbos an. (afp / Soeren Bidstrup / Scanpix Denmark)
Flüchtlinge aus Afghanistan kommen am Strand der griechischen Insel Lesbos an. (afp / Soeren Bidstrup / Scanpix Denmark)
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Flughafen Köln-Bonn. Gestern Abend. In den kommenden Wochen fährt jeden zweiten Tag ein Zug mit Flüchtlingen aus Bayern am Flughafen-Bahnhof ein. 400 bis 500 Menschen in einem Intercity, darunter Mütter, Kinder. Auch dieser Afghane: "Die Flucht ist gefährlich. Bei der Überfahrt über das Meer zwischen der Türkei und Griechenland gehen immer wieder Menschen über Bord. Manche ertrinken oder bleiben einfach zurück."

Der Mann trägt ein Plastik-Band am Handgelenk. "Salzburg" steht darauf. Registriert wird später. Über 55.000 Afghanen, so UN-Angaben, haben ihr Land nach Deutschland und Europa verlassen – weitere Tausende sind auf dem Weg. Das zweitgrößte Kontingent nach Syrern, abgesehen von den Balkan-Ländern. Die Hauptgründe: fehlende Sicherheit und wirtschaftliche Depression. In Afghanistan herrscht rekordverdächtige Arbeitslosigkeit. Der Staat kann seine Lehrer nicht mehr bezahlen. Die Depression ist allenthalben spürbar. Hinzu kommen Anschläge und Entführungen. In Kabul wird der Besucher gefragt, wie die Aussichten auf Asyl in Deutschland stünden. Treffpunkt für Ausreisewillige sind Busbahnhöfe: "Ich warte hier auf meinen Pass. Sie sehen ja: Viele meiner Mitbürger wollen ins Ausland, aus einer Reihe von Gründen. Ich will nach Europa."

Afghanistan droht eine ganze Generation zu verlieren

Dutzende Busse fahren täglich in Richtung iranischer Grenze. Von dort schlagen sich die Reisenden mithilfe von Schleppern in kleinen Gruppen weiter durch. Viele junge Männer sind darunter. So droht Afghanistan mittlerweile, eine ganze Generation zu verlieren. Spät hat sich jetzt eine Gegen-Initiative mobilisiert. "Afghanistan needs you" - "Afghanistan braucht dich", heißt eine Kampagne junger Afghanen aus Kabul, die zum Bleiben auffordert. Initiator Shekeb Mohsenyar: "In den letzten Monaten sind viele junge Menschen geflohen, auch aus meinem Bekanntenkreis. Aber die letzten fünfzehn Jahre dürfen nicht umsonst sein. Es kann nicht sein, dass der Wegzug der Jungen das Land in die Krise stürzt."

"Afghanistan needs you" wirbt auf twitter und facebook. In Tweets wird unter anderem eine Arbeitsvermittlung für junge Menschen nach europäischem Vorbild gefordert. Shekeb Mohsenyar: "Wir bekommen 150.000 Klicks über die sozialen Netzwerke und wollen uns jetzt über Zeitungen und mit Interviews bekannt machen. Es steht keine Partei oder Organisation dahinter. Wir wollen jetzt Prominente ansprechen, Sportler, Künstler, Politiker. Der Aufruf soll helfen, Vertrauen in Regierung und Staat zurückzugewinnen." Der afghanische Philosoph Masoud Rahel, seit den 70er Jahren in Deutschland ansässig, mahnt: "Das hat massive Konsequenzen für Afghanistan selbst und den Widerstand gegen Taliban und Extremisten. Wir können nicht die ganzen Jugendlichen an Deutschland und Europa verlieren."

Kaum eine Woche ohne Anschläge oder Entführungen

Von geschätzten 400.000 Schulabgängern bekommt nur ein Bruchteil einen Studienplatz, eine Ausbildung. Dazu kommt die Unsicherheit. Kaum eine Woche in Kabul, in der es keine Anschläge oder Entführungen gibt. Rahel: "Man verbreitet ein Panik-Gefühl in Europa. Afghanistan haben die Europäer quasi aufgegeben. Man hört es in Berlin und in Köln so, als ob es morgen oder übermorgen an die Taliban übergeben werden soll. Das bekommen natürlich die Afghanen mit. Dann fliehen sie halt. Der Abzug war legitim. Aber das Partnering muss man entschlossen unterstützten."

Die afghanische Regierung erklärt, man habe alle Anstrengungen unternommen, um junge Menschen im Land zu halten. Das sehen viele anders und kritisieren Seilschaften von Warlords und ethnische Bevorzugung bei der Jobvergabe. "Werte Abgeordnete mit vollem Magen und teueren Autos! Wie können Sie jene verurteilen, die als Migranten unterwegs sind. Wo gibt es Sicherheit hier? Warum bekommt ein fertiger Medizin-Student keinen ordentlichen Arbeitsplatz?" So Ramazan Bashardost, im Unfrieden geschiedener früherer Planungsminister der Regierung Karzai. Ein Populist und bekennender Kritiker internationaler Hilfsorganisationen.

"Deutschland ist für mich das Land der Menschenliebe"

Ein Tweet zeigt einen Studenten mit schwarzem Doktorhut und Anzug wie er über einer Pfanne einen Maiskolben brät. "Wann wird dieser Absolvent wohl das Land verlassen?", steht darunter. Von den Ankömmlingen am Köln-Bonner Flughafen sind dagegen viele ohne Schulabschluss. Minderjährige sind darunter, erschöpft von einem Monat Strapazen über Berge und Meere. "Deutschland ist für mich das Land der Menschenliebe und der Humanität. Mein Sohn und ich wollen etwas davon lernen." So dieser Mann.

Und Afghanistan? Obwohl sie größtenteils ihr Militär abgezogen haben, finanzieren Deutschland und der Westen nicht nur den Löwenanteil der afghanischen Streitkräfte. Sie verfügen so über ungleich mehr Einfluss als in Syrien oder dem Libanon. Also bald auch 'Hotspots' und Flüchtlings-Gespräche am Hindukusch? Wichtig, so Masoud Rahel, seien: "Projekte für Jugendliche, Projekte für Wohnungsbau. Und den afghanischen Mittelstand unterstüzten. Wir können das auch mit weniger Mitteln machen verglichen mit den 10 Milliarden, die wir für Flüchtlinge in Deutschland ausgeben. Man soll die Leute vor Ort unterstützen. Der wichtigste Begriff dafür ist die Kontinutität. Ich erinnere mich an eine Aussage von Tony Blair, der damals gesagt hat: 'We will not walk away.' Und da müsste man Tony Blair ausfindig machen und fragen, wo ist er eigentlich?"

 

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