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StartseiteEuropa heuteWillkommensstimmung kann jederzeit kippen26.10.2015

Flüchtlingskrise in SchwedenWillkommensstimmung kann jederzeit kippen

In Schweden werden in diesem Jahr bis zu 190.000 Flüchtlinge erwartet, so die neuesten Schätzungen der schwedischen Einwanderungsbehörde. Doch während die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung momentan noch sehr groß ist, zeigen Meinungsumfragen bereits einen Stimmenanstieg für die rechtspopulistische Partei der "Schwedendemokraten".

Von Christine Westerhaus

Flüchtlinge sind zu Fuß auf der E45 in Dänemark unterwegs. (picture alliance / dpa / Claus Fisker)
Am Ende der Flucht liegt für viele das Ziel Schweden - doch viele Einwohner haben in ihrem alltäglichen Leben noch gar nichts davon gemerkt. (picture alliance / dpa / Claus Fisker)
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Die schwedische Insel Gotland ist im Sommer ein beliebtes Ziel für deutsche Touristen. Mittelalterfans kommen in der Hauptstadt Visby auf ihre Kosten, Sonnenhungrige aalen sich an den langen Sandstränden oder klettern auf die bizarren Felsformationen, die die letzte Eiszeit hinterlassen hat. Seit ein paar Jahren prägen auch Bettler aus Rumänien und Bulgarien das Straßenbild Gotlands.

Um sie kümmert sich Anna-Maria Bauer, die beim Roten Kreuz arbeitet. Wegen der Flüchtlingskrise verdienen die Bettler seit ein paar Monaten weniger Geld als früher, erzählt die blonde Schwedin. Dennoch empfinden die Menschen aus Bulgarien und Rumänien die vielen Asylsuchenden nicht als Konkurrenten. Im Gegenteil:

"Ich habe ihnen erklärt, dass die Schweden jetzt weniger Geld in ihre Pappbecher werfen, weil sie sich einfach momentan sehr stark für Flüchtlinge engagieren. Sie sollten wissen, dass die Schweden nichts gegen sie persönlich haben. Diese Menschen haben keine rumänischen Zeitungen oder Zugang zu Fernsehsendungen in ihrer Sprache. Als ich ihnen erklärte, warum so viele auf der Flucht sind und was gerade in Syrien los ist, waren sie total geschockt und haben direkt gefragt, ob sie den Flüchtlingen nicht auch helfen könnten."

Bettler sammeln Spenden für Flüchtlinge

Kurzentschlossen hat Anna-Maria Bauer eine Handvoll ihrer Schützlinge mit Rote-Kreuz-Westen und Sammelbüchsen ausgestattet. Ein paar von ihnen sind sogar mit nach Stockholm gereist, um sich dort um ankommende Flüchtlinge zu kümmern. Die Spenden-Sammelaktion war ein großer Erfolg: Über 4.000 Kronen, also gut 400 Euro hätten sie in zwei Stunden gesammelt, berichtet diese Frau aus Rumänien:

"Wir sammeln Geld für die Flüchtlinge, damit sie essen und etwas zum anziehen kaufen können. Das ist gut!"

Einige hätten sogar einen kleinen Betrag von dem Geld gespendet, das sie selbst erbettelt haben, berichtet Anna-Maria Bauer:

"Ich fand das eine ungeheuer große Geste von ihnen. Vor allem, weil sie es ja selber sehr schwer haben. Das war eine sehr positive Überraschung für mich."

Stimmung könnte jederzeit kippen

Doch nicht alle Menschen in Schweden sind bereit, Flüchtlinge mit offenen Armen aufzunehmen und ihren Reichtum mit ihnen zu teilen. Davon zeugen Meinungsumfragen, die die rechtspopulistische Partei "Sverigedemokraterna" Ende Juli bei mehr als 23 Prozent der Stimmen sah. Noch sei die Hilfsbereitschaft der meisten Schweden zwar groß, sagt Madelaine Seidlitz, bei Amnesty International Schweden für Flüchtlingsfragen verantwortlich. Doch die Stimmung könne jederzeit kippen:

"Die Gemütslage ist gemischt würde ich sagen. Die meisten Menschen in Schweden verstehen, warum so viele Menschen auf der Flucht sind und ihr Land verlassen mussten. Wir sehen auch sehr viel Hilfsbereitschaft. Doch gab es auch Fälle von geplanten Flüchtlingsunterkünften, die in Brand gesteckt wurden. Zudem beobachten wir, dass neben der Partei 'Schwedendemokraten', die gegen Zuwanderung sind auch Politiker anderer Parteien versuchen, mit rechtspopulistischen Äußerungen Stimmen zu gewinnen."

Vor wenigen Tagen hat die schwedische Einwanderungsbehörde "Migrationsverket" ihre Prognose für 2015 vorgelegt. Zwischen 140.000 und 190.000 Flüchtlinge werden voraussichtlich in diesem Jahr in Schweden Asyl beantragen. Davon werden bis zu 40.000 Menschen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sein, so Merjem Maslo, Mitarbeiten des Migrationsverket. 2014 kamen insgesamt gut 80.000 Menschen nach Schweden:

"Am Anfang diesen Jahres kamen 1.200 Flüchtlinge pro Woche nach Schweden, momentan sind es 10.000. Und in unseren Prognosen gehen wir davon aus, dass sich die EU bis zum Ende des Jahres nicht auf feste Verteilungsquoten einigen wird."

Bis zu 45.000 fehlende Schlafplätze bis Ende 2015

Auch Schweden ist von der Flüchtlingskrise überrollt worden und mit der Situation völlig überfordert. 29 Milliarden Kronen zusätzlich würden laut der nun veröffentlichten Prognose für die Versorgung von Flüchtlingen allein in diesem Jahr benötigt, umgerechnet sind das gut drei Milliarden Euro. Bis 2017 könnten es laut Prognose 73 Milliarden Kronen, sein, an die acht Milliarden Euro.

Seit 2012 seien alle regulären Flüchtlingsunterkünfte hoffnungslos überfüllt, erklärt Anders Danielsson, Generaldirektor des Migrationsverket auf einer Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag. Bis zu 45.000 Schlafplätze könnten bis zum Ende des Jahres fehlen. Inzwischen werde auch geprüft, ob Schutzbunker als Unterkünfte für Asylsuchende freigegeben und genutzt werden könnten, so Danielsson:

"Gestern Nacht zum Beispiel hatten wir eine Situation, in der alle Plätze in den Unterkünften belegt waren. Das ist auch eine Herausforderung für die Gesellschaft, wie wir dieses Problem lösen."

Kirchen, Turnhallen, Zelte. All das wird auch in Schweden zur Unterbringung genutzt. Zuwenig Platz für neue Siedlungen dürfte es in dem dünn besiedelten Land zwar nicht geben. Doch falls Sozialleistungen gekürzt werden und Schweden mit Flüchtlingen um Arbeitsplätze konkurrieren müssen, kann die Stimmung sehr schnell kippen. Madelaine Sedlitz:

"Jetzt, wo der Wind so hart bläst, wird sich zeigen, ob eine demokratische Gesellschaft wie Schweden die Flüchtlingskrise meistern kann. Man darf auch nicht vergessen, dass viele Menschen in ihrem Leben noch gar nichts davon merken. Es wird zwar viel darüber in den Medien berichtet, aber im Alltag angekommen ist die Flüchtlingskrise bei vielen noch nicht."

Auch Schweden setzt auf Verteilungsquoten innerhalb der Europäischen Union und eine gerechtere Verteilung der Kosten für die Unterbringung der Flüchtlinge. Die Asylverfahren sollen vereinfacht, wenn möglich Kosten gespart werden. Woher die zusätzlich benötigten Milliarden kommen sollen, ist aber noch völlig unklar.

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