Folgen der Corona-Pandemie für ÄltereIsoliert und ausgeschlossen? Nicht noch einmal!

Die Corona-Maßnahmen sollen schützen, aber sie führen auch zu emotionalen und sozialen Belastungen. Die Erfahrungen aus den voran gegangenen Wellen zeigen: Vor allem ältere Pflegebedürfte waren stark von Einsamkeit betroffen. Sie brauchen besonderen Schutz - aber das möglichst ohne erneute Isolation.

Volkart Wildermuth im Gespräch mit Kathrin Kühn | 04.11.2021

Besuch einer Angehörigen in einem Seniorenheim in Düsseldorf.
Die Enkel kommen nicht selbst, sondern werden auf dem Smartphone gezeigt. Zwischen Tochter und Mutter - eine Trennscheibe. Wie weit darf der Schutz von Senioren gehen? (dpa/ Norbert Schmidt)

Ältere Menschen sind in der Pandemie besonders gefährdet. Bis es die Impfungen gab, war die Folge oft Isolation - was ist da inzwischen über die Folgen bekannt?

Es gibt eine Reihe von Untersuchungen aus der ersten und zweiten Welle. Das Deutsche Zentrum für Altersfragen in Berlin begleitet schon lange eine Gruppe von älteren Menschen und konnte deshalb deren Situation vor und während Corona vergleichen. Ein wichtiger Aspekt der Umfrage ist das Thema Einsamkeit. Es ist so, dass sich Menschen in der zweiten Lebenshälfte schon immer im Schnitt einsamer fühlen, als die jüngeren.
Dieser Unterschied ist durch die Lockdowns aber nicht größer geworden. In dieser Studie berichten alle Altersgruppe verstärkt von Einsamkeit während Corona, da sind die Alten nicht besonders betroffen. Im Gegenteil, ältere Menschen haben oft schon Erfahrungen mit schwierigen Situationen, etwa dem Krieg oder auch mit Wirtschaftskrisen. Und das hilft offenbar, mit Herausforderungen umzugehen, nach dem Motto: es ist zwar schlimm, aber immerhin habe ich zu essen.
Da zeigt sich eine Resilienz, eine Belastbarkeit der älteren Generation und das ist erst einmal eine gute Nachricht. Die spiegelt sich auch in den COSMO-Umfragen der Universität Erfurt wider, da wird die persönliche Belastung von den über 65-jährigen deutlich geringer eingeschätzt, als bei den jüngeren Altersgruppen. Auf der anderen Seite verhalten sich die Älteren auch vorsichtiger, haben zum Beispiel Reisen eher eingeschränkt, meiden eher Gedränge und so weiter. Wobei man einschränkend sagen muss, all diese Studien richten sich an Menschen, die zuhause leben. In den Heimen sieht die Sache anders aus.

Hat sich die Altersarmut weiter verstärkt?

Eher nicht – oder wenn, eher bei "jüngeren Älteren", das ist die Einschätzung von Professor Clemens Tesch-Römer, Direktor des Deutschen Zentrums für Altersfragen. In seinen Umfragen berichten Menschen am Anfang der zweiten Lebenshälfte, mit 40, 50, 60 Jahren tatsächlich von wirtschaftlichen Problemen, die gerade bei Geringverdienern dramatischer sind, als bei Menschen mit hohem Einkommen. Es gibt eben auch innerhalb der Altersgruppen und ganz besonders bei den Senioren große Unterschiede. Aber bei den Rentnern und Rentnerinnen änderte sich kaum etwas. Die Rente blieb sicher - sie war vielleicht schon vorher nicht hoch, aber sie sank eben nicht zusätzlich ab. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in den COSMO-Umfragen, auch dort berichten die Älteren sehr viel seltener von finanziellen Schwierigkeiten.
Ann-Kathrin Hellwig (r), Einrichtungsleiterin im Professor Weber Haus in Kiel, geht mit einer Bewohnerin über einen Flur. 
Pflegeheimbewohner und Corona-Maßnahmen - "Menschen sind aus Einsamkeit gestorben"
Der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, hat im Dlf Öffnungen für Alten- und Pflegeheime gefordert. Angesichts der hohen Zahl an Geimpften in der Gruppe, grenze der Lockdown in den Heimen an "Freiheitsberaubung". Eine weitere Isolation der Menschen sei gefährlich und nicht mehr nachvollziehbar.

Wie sieht die Situation bei pflegebedürftigen Senioren aus?

Deutlich dramatischer. Der Präsident der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, meint, die Menschen in den Heimen sind weniger an Corona, als an Einsamkeit gestorben. Es gab ja über Monate dramatische Kontaktbeschränkungen, gibt sie zum Teil heute noch. Spontane Besuche sind gar nicht möglich, die Besuchszeit ist deutlich eingeschränkt. Hier sprechen manche schon von Freiheitsberaubung. Auch das Kuratorium Deutsche Altershilfe sieht diese pauschalen Einschränkungen sehr kritisch.
Demenzkranke, egal ob im Heim oder zuhause betreut, sind zum Beispiel eine Gruppe, die es einfach kaum verstehen, warum der Enkel nicht zu Besuch kommt, oder man eine Maske tragen soll. Das führte zu Unruhe und Konflikten, berichtet die Deutsche Alzheimer Gesellschaft. Das betrifft dann nicht nur die Demenzkranken selbst, sondern auch die Menschen, die sie pflegen. Und das sind ja häufig die Lebenspartner und Kinder, die selbst schon zu den Alten zählen.
Weil Angebote wie Tagespflege und andere Unterstützungen im Lockdown weggefallen sind, gab es für die Pflegenden kaum die Chance, Luft zu holen. Das bestätigt eine Studie des Sozialverbandes VdK - danach berichtet ein Drittel der Pflegenden, dass sich die Situation verschlechtert hat; ein Viertel fürchtet, es nicht mehr zu schaffen. Bei rund 4 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland sind das wirklich Probleme, die sehr viele ältere Menschen betreffen.

Stimmt der Eindruck, dass Ältere in der Pandemie plötzlich eine ganz andere gesellschaftliche Rolle zugewiesen bekommen haben? Also zugespitzt - dass jetzt über sie entschieden wird, zu ihrem Schutz?

Dafür interessiert sich die Soziologin Silke van Dyk von der Universität Jena und sie sagt - ja. In den Jahren vorher begann sich ja das Bild der "rüstigen Rentner" zu etablieren. Durch Corona gilt Alter inzwischen wieder eher als Risiko. Es gab einen "wir Jungen kümmern uns um die Alten"-Gegensatz, bei dem die ältere Generation als passiv wahrgenommen wurde.
Das wiederum haben viele Ältere als Bevormundung, als Altersdiskriminierung erlebt, wie die Umfrage des Deutschen Zentrums für Altersfragen zeigt. Umgekehrt berichten andere in dieser Umfrage, dass ihnen gesagt wurde: "Du bist schon so alt geworden, für Deine Gesundheit will ich mich nicht einschränken." Aber das war doch eher die Ausnahme.
Generell wurde von der Gesellschaft der Schutz des Lebens der Alten in den Vordergrund gestellt, die Lebensqualität wurde dem untergeordnet. Wobei der Schutz der Alten im Heim ja nur begrenzt funktioniert hat. Trotz aller Kontakteinschränkungen stammten die Hälfte der Coronatoten aus den Heimen.
Als das Heim für Besucher geschlossen wurde, hörte Elfriede Reduhn (l.) auf zu essen. Dank der besonderen Zuwendung von Pflegerin Viktorija hat sie Covid-19 überlebt.
Doku zu Corona im Pflegeheim - "Die kommunikative Quarantäne durchbrechen"
Im Hanns-Lilje-Heim in Wolfsburg sind im Frühjahr 47 Menschen an Corona gestorben. Der Journalist Arnd Henze hat mit Angehörigen, Pflegekräften und Ärzten gesprochen – und sehr unterschiedliche Perspektiven gehört, sagte er im Dlf. Er hoffe auf eine gesellschaftliche Debatte über die Balance zwischen Sicherheit und Selbstbestimmung.

Welche Schlüsse kann man nun aus diesen Erfahrungen in den früheren Wellen für diesen Winter ziehen?

Da sind sich alle befragten Forschenden einig: Erstens sind die Impfungen und gerade bei den Alten, die Booster-Impfungen entscheidend für den Schutz vor Corona. Und da gibt es doch eine gewisse Verblüffung, dass die Politik noch keine großen Kampagnen organisiert hat, wo doch abzusehen war, dass der Impfschutz bei den Älteren, die ja zuerst geimpft wurden, auch zuerst nachlässt.
Zweitens darf es nicht wieder zu einer Zwangsisolierung der Heime kommen. Wenn für Besuch Impfung plus aktueller Test vorgeschrieben und auch geprüft würde, dann sollten sich Kontakte ohne großes Risiko organisieren lassen. Das ist aufwändig, aber generelle Kontaktsperren lassen sich nicht mehr rechtfertigen. Für pflegende Angehörige wäre es auch wichtig, dass es nicht wieder zu einem Wegfall der Tagesbetreuung und der Hilfen kommt.
Und schließlich sollte die Gesellschaft auf die Älteren hören. Das heißt auch, dieses seit Corona wieder verbreitete Bild von Senioren als schutzbedürftig, als passiv zu hinterfragen und wahrzunehmen, dass auch alte Menschen in der Lage sind, selbst zu entscheiden, und selbst entscheiden wollen. Und das bedeutet zum Beispiel eben auch das Recht als 85-jährige Frau, Risiken einzugehen - etwa um den neuen Urenkel zu sehen.