MigrationForscher: "Legale und sichere Zugangswege eröffnen"

Der Politik fehle der Wille, mit Migration konstruktiver umzugehen, sagte der Migrationsforscher Benjamin Etzold im Dlf. Die EU setze vor allem auf Grenzsicherung. Damit mache sie sich aber erpressbar. Sinnvoller sei es, den Schutzsuchenden langfristige Perspektiven zu bieten.

Benjamin Etzold im Gespräch mit Benedikt Schulz | 12.12.2021

Wäsche trocknet auf einem Zaun neben dem Flüchtlingscamp auf Lesbos
Wäsche trocknet auf einem Zaun neben dem Flüchtlingscamp auf Lesbos (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis)
Der Migrationsforscher Benjamin Etzold fordert dazu auf, Migration nicht als Problem zu betrachten. "Migration ist ein Normalfall und gehört zur Menschheitsgeschichte dazu und wir haben weltweit über 280 Millionen internationale Migranten", so Etzold. Vielmehr sei der Nationalstaat, der sich abschotte, "ein politisch junges Konstrukt".

Migration verläuft nicht gradlinig

Es fehle der politische Wille, mit dem Thema der Migration konstruktiver und produktiver umzugehen. Dazu benötige es eine Entskandalisierung, eine Normalisierung von Praktiken und Verfahren und gesellschaftliche Akzeptanz. Hinzu komme eine verkürzte Darstellung von Migration. Diese wird in der politischen und medialen Debatte meist gradlinig dargestellt. Man müsse aber auch sehen, dass die Menschen unterwegs vor vielfache Entscheidungen gestellt werden: "Die Motivation kann sich unterwegs ändern", so Etzold.

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Für Migranten dauere es häufig Monate bis Jahre, bis sie in einem neuen Land Fuß fassen könnten, so Etzold. Während dieser Umwege verharrten viele von ihnen in sehr prekären Lebensverhältnissen, ohne wirkliche Perspektiven.
"Man kann einen Winter in einem Flüchtlingslager überstehen und vielleicht auch akzeptieren, wenn die Kinder ein oder zwei Jahre nicht in die Schule gehen, aber wenn das dauerhaft wird, suchen die Menschen für sich selbst oder für die Kinder bessere Möglichkeiten - an einem anderen Ort." 
Blick durch Stacheldraht in das Flüchltingscamp Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos
Das griechische Flüchtlingscamp Kara Tepe auf der Insel Lesbos (picture alliance / NurPhoto / Nicolas Economou)

Strategie der Abschreckung

Mit den Flüchtlingslagern in Griechenland verfolge Europa bewusst eine Strategie der Abschreckung. Die schlechten Bedingungen sollen Menschen davon abhalten, sich überhaupt auf den Weg zu machen.
"Wenn man wirklich Ordnung in das Chaos bringen möchte, muss man dafür sorgen, dass legale, sichere Zugangswege auch in die Europäische Union eröffnet werden." Es gebe es aber kein politisches Interesse, große Lösungen anzubieten und zu suchen, sagte der Migrationsforscher.
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Die EU mache sich dadurch erpressbar, dass sie nur auf das Instrument der Grenzsicherung setze, sagte Etzold. Seit Wochen versuchen Tausende Migranten und Flüchtlinge, von Belarus über die EU-Außengrenzen nach Polen oder in die baltischen Staaten zu gelangen. Die EU-Staaten haben Stacheldrahtzäune errichtet, um die Migranten aufzuhalten.
Der Migrationsforscher weist außerdem darauf hin, dass die Europäische Union darauf angewiesen sei, mit den EU-Nachbarstaaten zusammenzuarbeiten. "Wenn diese Länder nicht kooperierten, steht sie im Regen."