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StartseiteWissenschaft im BrennpunktVäterin und Mutter31.12.2018

Fortpflanzung jenseits der GeschlechterVäterin und Mutter

Mann und Frau, Samen und Eizelle, nur wenn sie verschmelzen, entsteht neues Leben: ein Naturgesetz, unumstößlich, unveränderlich? Mitnichten. Japanische Forscher haben kürzlich Vorläufer menschlicher Eizellen aus normalen Zellen gezüchtet.

Von Christine Westerhaus

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Piktogramm von Mann und Frau gemischt, Intersexualität  (dpa / picture alliance / Christian Ohde)
Intergeschlechtliche Menschen verlieren noch heute durch Zwangsoperationen die Chance auf eigene Kinder (dpa / picture alliance / Christian Ohde)
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"Millas Geburt war erst mal ganz normal", erinnert sich ihre Mutter Julia Kaiser. "Also wir haben einen Sohn erwartet und als sie dann auf der Welt war, sagte die Hebamme: ‚Es ist ein Mädchen‘. Ja und dann war erst mal die große Überraschung, da bin ich dann erst mal ganz wach geworden. Ja und wir waren etwas irritiert und ich weiß, als erstes kam von mir die Frage: Ist es denn ein Zwitter?"

Milla, deren Name von der Redaktion geändert wurde, ist inzwischen sechs Jahre alt. Ein Mädchen wie jedes andere: Geblümtes Kleid, Blumenspange im langen Haar. Genetisch ist sie ein Junge. Sie hat eine Gebärmutter. Aber keine Eierstöcke.

"Dann macht man sich schon seine Gedanken und denkt: ‚Ja okay, dann werde ich wohl keine Oma‘", meint Julia Kaiser.

Doch die Reproduktionsmedizin macht rasante Fortschritte. Und es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis sich Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht fortpflanzen können.

"Ja, Mädchen...Es war alles in blau schon mal ausgelegt", erzählt Kaiser. "Die ganzen Namensschildchen und so und schon mal beschriftet mit dem Namen des Jungen, der da kommen sollte".

Julia Kaiser erwartet 2012 ihr zweites Kind. In der 13. Schwangerschaftswoche lässt sie eine Chromosomenanalyse machen. Es wird ein Junge, teilt ihr der Gynäkologe mit. Doch dann wird ein Mädchen geboren.

"Dann musste erst mal alles in rosa beschafft werden", lacht Kaiser. "Das waren so die ersten Schritte und für uns war das dann erst mal alles in Ordnung. Aber ich glaube, die Hebammen sind da schon mal ins Grübeln gekommen. Ja und ursprünglich sollte sie Till Kasper heißen."

Milla wächst als Mädchen auf. Doch sie trägt Merkmale beider Geschlechter in sich. Sie ist intergeschlechtlich. Damit kann sie zwar ganz normal leben, wie jedes andere Kind auch. Doch weil ihr Eierstöcke fehlen, kann Milla keine eigenen Kinder bekommen.

"Man sagt ja immer: ‚Hauptsache gesund‘", meint ihre Mutter. "Aber das ist irgendwie in einem drin, dass man immer gleich an weiter denkt und an die nächste Generation und an Enkelkinder, dass man sich das dann ausmalt. Aber was man nicht weiß, oder dessen man sich nicht bewusst ist, dass man irgendwie so einen Plan hat für sein Leben. Und durch so ein Ereignis, dass eben bekannt wird: ‚Aha dein Kind ist intergeschlechtlich‘, da verändert sich der ganze Plan.

Auch Milla hat mit ihren sechs Jahren schon ganz genaue Vorstellungen.

"Ich hab mich da eigentlich immer geweigert, da etwas Konkretes zu sagen", erzählt ihre Mutter. "Wenn sie sagt: ‚Ja Mama, dann werde ich Mutter, oder ich werde auch Mama sein‘, dann möchte ich das nicht verneinen, weil ich einfach nicht weiß, was in 30 Jahren möglich ist. Und diese Möglichkeit möchte ich für sie offen lassen."

Eltern werden - unabhängig vom biologischen Geschlecht

Noch vor 40 Jahren blieb unfreiwillig kinderlosen Paaren nur die Möglichkeit, ein Kind zu adoptieren. 1978 wurde das erste Baby nach einer künstlichen Befruchtung geboren. Eine medizinische Sensation, damals moralisch umstritten. Inzwischen sind weltweit mehr als acht Millionen Kinder auf diesem Weg gezeugt worden. Und es gibt weitere neue Wege zum eigenen Baby. Gebärmütter werden von einer Frau auf die nächste verpflanzt. Und Forscher sind auf dem besten Weg, Ei- und Samenzellen aus Stammzellen zu züchten. Tony Perry von der Universität Bath:

"Forscher sind immer davon ausgegangen, dass unbedingt eine Eizelle notwendig ist, um einen Embryo zu bilden. Aber ein japanischer Forscher versucht, Körperzellen in Stammzellen zu verwandeln und daraus Keimzellen zu züchten. Also Spermien und Eizellen. Um diese dann miteinander zu kombinieren, um Embryonen zu bekommen. Also Nachwuchs. Bei Mäusen hat er das schon erfolgreich gemacht."

Sollte es gelingen, auch beim Menschen Körperzellen in Keimzellen zu verwandeln, wäre die Fortpflanzung völlig abgekoppelt vom biologischen Geschlecht. Frauen könnten mit Frauen, Männer mit Männern eigene Kinder bekommen. Oder inter- und transgeschlechtliche Menschen mit ihren Partnern.

"Ich glaube, dass die Trans-Community diese Entwicklungen genau beobachtet", meint Mari Günther von der Beratungsstelle "Queer leben" in Berlin. "Zum Beispiel auch das Verpflanzen einer Gebärmutter, wie das ja in Schweden erfolgreich passiert ist und was da auf der Seite der Reproduktionsmedizin auch möglich ist. Und es wird gerade für Leute, die schon ihre eigene Fertilität aufgegeben haben…die gucken sich das sehr genau an und man freut sich, dass es da Möglichkeiten gibt."

Mari Günther berät Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren können, in dem sie geboren wurden. Sie ist selber "trans", hat zwei Kinder und ist deren Väterin, wie sie sagt.

"Bei mir war’s halt so, dass in dem Moment, wo die Kinder entstanden sind, wussten die Mütter, wer ich bin und was ich bin", erzählt sie. "Also meine Kinder kennen mich nicht anders, als so wie ich lebe. Es gab also keine Umstellungszeit, dass die Kinder erst einen Vater gehabt hätten und dann einen Vater in Frauenkleidern oder so. Das war den Kindern auch schon immer bekannt."

Rein theoretisch könnte eine Trans-Frau wie Mari Günther inzwischen nicht nur Väterin sein, sondern auch Mutter und ein Baby selbst austragen. Denn es ist möglich, Gebärmütter zu verpflanzen. Weltweit sind bis heute 13 Kinder nach einer Gebärmuttertransplantation geboren. Es sind mittlerweile so viele, dass selbst der Pionier Mats Brännström zuweilen den Überblick verliert. Er ist Professor für Gynäkologie am Sahlgrenska-Universitätsklinikum in Göteborg und war 2013 der erste, der einer Frau die Gebärmutter einer Spenderin verpflanzte.

Ethische Hürden könnten größer sein als anatomische

"Vier Kinder wurden inzwischen im Ausland geboren", erinnert sich Bränntström. "Nein, es waren fünf! Erst wurden 2014 drei Kinder in Schweden geboren, 2015 und 2017 noch mal fünf Babys. Zwei der operierten Frauen haben jeweils zwei Kinder geboren. Also sechs Frauen haben in Schweden Kinder bekommen. Und fünf Kinder im Ausland. Eines davon in Brasilien, dort wurde die Gebärmutter einer verstorbenen Spenderin verpflanzt. Insgesamt sind es also acht plus fünf Kinder."

Weitere Frauen, denen eine Gebärmutter verpflanzt wurde, sind derzeit schwanger. Und es finden alle paar Wochen neue Transplantationen statt. Mit jeder weiteren erfolgreichen Geburt wächst das Vertrauen.

"Ich bekomme viele Mails von Trans-Frauen", erzählt Bränntström. "Sie schreiben, dass sie sich schon immer als Frau gefühlt haben und viele haben auch eine Geschlechts-angleichende Operation machen lassen. Viele leben in einer Partnerschaft mit einem Mann und hätten gerne eigene Kinder. Aber was ihnen fehlt, ist eine Gebärmutter. Und Eierstöcke natürlich. Aber da könnte man ja eine Eizellspende machen. Jedenfalls schreibe ich ihnen, dass wir daran nicht geforscht haben und ich nicht weiß, ob es funktionieren würde."

Mit einer eigenen Gebärmutter könnten Trans-Frauen ihr Kind selbst austragen. Durch eine Eizellspende, die mit eigenem Samen befruchtet wurde. Dann wäre es auch genetisch das eigene Kind. Die Alternative wäre eine Eizellspende, die mit dem Samen des Partners verschmilzt. Mats Brännström behandelt bislang nur Frauen, die aufgrund einer Fehlbildung keine Gebärmutter haben. Oder denen das Organ aufgrund einer Krebserkrankung entfernt werden musste. Theoretisch wäre es zwar möglich, auch Trans-Frauen eine Gebärmutter zu verpflanzen. Doch es gibt weitere biologische Unterschiede zwischen Frau und Mann, gibt Brännström zu bedenken:

"Man muss schauen, ob das funktioniert. Trans-Frauen sind genetisch anders und man müsste untersuchen, ob es chirurgisch funktioniert und ob es bei ihnen auch zu einer Schwangerschaft kommen kann. Wir wissen nicht, ob es gehen würde. Man kann es nicht direkt am Menschen ausprobieren, zuerst müsste man das an Tiermodellen untersuchen, finde ich."

Für solche Forschungsprojekte braucht es finanzielle Mittel. Und es setzt Geldgeber voraus, die bereit sind, sich für die Belange transgeschlechtlicher Menschen einzusetzen. Doch es gibt ethische Vorbehalte in der Gesellschaft und unter Medizinern: Ist es vertretbar, ein weibliches Fortpflanzungsorgan auf einen Menschen zu übertragen, der als Mann geboren wurde? Welche Risiken mutet die Transplantation den Kindern zu? Und warum sollen für diese Art von Fortschritt Versuchstiere sterben? Solche ethischen Hürden könnten schwerer zu überwinden sein, als anatomische.

"Die Blutgefäße spielen eigentlich keine große Rolle", erklärt Bränntström. "Rein technisch sollte es funktionieren. Aber es gibt andere Unterschiede: Die Gebärmutter ist über Ligamente im Becken aufgehängt und so weiter. Aber eigentlich habe ich nicht so viel darüber nachgedacht, weil ich nicht daran interessiert bin, diese Operationen zu machen."

"Man glaubt, dass wenn Kinder mit Trans-Leuten zu tun haben, dann ist das schädlich für sie"

Schwangere Trans-Frauen auf der Straße. Und Trans-Männer, die ihre Kinder im Café stillen. Solche Bilder sind in greifbare Nähe gerückt. Doch ob Menschen, die jenseits der Geschlechternormen leben, ihren Babybauch so offen zur Schau werden tragen können, ist fraglich. Noch immer kämpfen Menschen, die jenseits der Geschlechternormen leben wollen, mit Vorurteilen, Diskriminierung und offenen Anfeindungen. Und noch heute dürfen sie weitreichende Entscheidungen über ihren Körper nicht alleine treffen. Bis 2011 galt sogar: Wer seinen Geschlechtseintrag ändern will, muss dauerhaft fortpflanzungsunfähig sein, eine angleichende Operation durchführen lassen und darf nicht verheiratet sein.

Also ich kann mir gut vorstellen", meint Mari Günter, "dass das eine eben ist, dass man damals sicher sein wollte, dass in Anführungsstrichen ‚sowas‘ sich nicht fortpflanzen soll. Ja tatsächlich und auch die Vorstellung, dass ‚sowas‘, also solche Transsexuellen, überhaupt in Kontakt mit Kindern seien, schon das war schwer vorstellbar. Wir haben es heute immer noch so, dass wenn eine Trans-Frau sich scheiden lässt, das Familiengerichte immer noch entscheiden, dass ein Umgang verhindert wird, oder nur unter Beobachtung stattfinden darf, weil man glaubt, dass wenn Kinder mit Trans-Leuten zu tun haben, dann ist das schädlich für sie."

Zwangssterilisationen sind in vielen Ländern noch immer geltendes Recht. Und auch wenn sie in Deutschland abgeschafft wurden: Ob jemand sein Geschlecht ändern darf, entscheiden andere: Zwei unabhängige psychologische Gutachten müssen Transpersonen vorweisen, um den Personenstand ändern lassen zu können. Doch für viele Psychologen passt ein Kinderwunsch und trans-Sein nicht zusammen, meint Mari Günter:

"Das (andere) war immer, dass in diesen komischen Begutachtungsgesprächen die BeraterInnen auf dieser irren Meinung saßen, teilweise immer noch sitzen, dass wenn eine Trans-Person, also eine Trans-Frau, ein Kind zeugt oder wenn ein Trans-Mann ein Kind gebiert, dass das dann eine Versöhnung mit dem Geburtsgeschlecht sei. Und dass demzufolge ein Kinder-Haben, ein Kinder-Bekommen ein Beweis dafür ist, dass man nicht trans sei. Und damit ist das Thema Kinderhaben und trans-Sein im Grunde eine Ausschlusssituation. Und das hat sich natürlich im Bewusstsein, in den Köpfen der Trans-Leute abgelegt. Und erst in den letzten Jahren fängt das an, sich so ein bisschen zu verflüssigen."

Auch Intergeschlechtlichkeit bleibt ein Tabu

Auch Millas Mutter Julia Kaiser ist mit Vorurteilen konfrontiert. Als sie ihrer besten Freundin von Millas Besonderheit erzählt, zerbricht das Verhältnis daran:

"Das war das erste Mal, wo quasi ich einer Freundin gesagt habe, dass wir ein intergeschlechtliches Kind haben. Und das war total furchtbar und dann haben wir aufgehört, das zu erzählen".

Intergeschlechtlichkeit ist noch immer ein Tabu in der Öffentlichkeit. Dabei sind diese Launen der Natur gar nicht mal so selten: In Deutschland leben schätzungsweise 160.000 Menschen, die Merkmale beider Geschlechter in sich vereinen. Viele von ihnen hätten Eltern werden können oder sind jetzt in dem Alter, in dem die meisten Kinder bekommen. Doch sie sind unfruchtbar, weil sie als Säuglinge oder Kleinkinder einem Geschlecht angeglichen wurden. Bei diesen Operationen werden in der Regel auch die Keimdrüsen entfernt.

Ich könnte mir vorstellen", meint Julia Kaiser, "dass viele vielleicht im Geheimen oder unterbewusst vielleicht auch die Ärzte der Meinung sind, dass es vielleicht nicht natürlich ist, dass Intergeschlechtliche sich vermehren. Oder ich weiß nicht - es wird einfach gar nicht debattiert, obwohl Fortpflanzungsmethoden für kranke Frauen durchaus ein Forschungsthema sind, in diesem Bereich wird einfach nicht geforscht. Und dann frage ich mich schon, warum das so ist, ob ethische oder moralische Bedenken bei den Ärzten vorliegen."

Hoffnung auf Fortschritte der Stammzellenforschung

Die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin sollten allen Menschen offenstehen, fordern Selbsthilfeorganisationen und Verbände. Schwulen Paaren bleibt jedoch bisher nur die Hoffnung auf eine Eizellspende im Ausland, die mit dem eigenen Samen befruchtet und von einer Leihmutter ausgetragen wird. Und auch Julia Kaiser stößt auf Probleme, als sie sich mit ihren Fragen an eine Kinderwunschklinik wendet. Ihre Tochter Milla hat das Swyer-Syndrom. Ihr Genom ist das eines Mannes: An der 23. Stelle hat sie XY-Chromosomen. Durch eine Veränderung auf dem Y-Chromosom können die männlichen Geschlechtsmerkmale jedoch nicht ausgebildet werden. Milla hat daher weibliche Geschlechtsmerkmale. Nur die Eierstöcke fehlen.

"Irgendwann kam dann die Frage auf: Ja wie geht es denn weiter?", erzählt ihre Mutter. "Sie hat eine Gebärmutter und könnte durchaus Kinder bekommen. Also ich hab da recherchiert und es ist tatsächlich so, dass eine Kinderwunschklinik aus Österreich eine Frau mit diesem Syndrom künstlich befruchtet hat und da sind auch Zwillinge zur Welt gekommen. Und da habe ich mir natürlich auch Gedanken gemacht: Okay, wie könnte das denn bei meiner Tochter funktionieren. Und ich habe mich dann erkundigt, ob es vielleicht möglich wäre, selber Eizellen zurücklegen zu lassen für sie."

Doch es hieß, sie sei zu alt für eine solche Behandlung.

"Hinzu kam noch die rechtliche Unsicherheit. Also in Deutschland ist es wohl so, wenn man Eizellen zurücklegt, dann muss man das für sich selber tun oder man darf es nur für sich selber tun. Und wenn man die zum Beispiel ins Ausland ausführen möchte, dann muss man das immer begründen, warum man das tut. Und dann wäre eben unsicher gewesen, wenn man jetzt Eizellen einfriert, ob man die dann auch in 30 Jahren dann wirklich verwenden kann. Deswegen haben wir uns dagegen entschieden."

Julia Kaiser setzt nun auf die Stammzellforschung. Wenn aus Millas Körperzellen Eizellen gewonnen werden könnten, hätte sie sogar die Chance, Mutter eines eigenen Kindes zu werden.

"Das könnte ich mir sehr gut vorstellen. Also ich habe da ganz viel Hoffnung in die Forschung gesetzt und in unserem Verein sind auch viele Eltern, die quasi ihren Kindern die Hoffnung, oder wie soll ich sagen: Die Aussichten auch später deutlicher mitteilen."

Mit einem chemischen Trick zum Embryo

Tony Perry ist Embryologe und kennt die Aussichten sehr genau. 2016 hat der britische Forscher von der Universität Bath sich durch ein bahnbrechendes Experiment einen Namen gemacht. Er hat die Eizellen von Mäusen ohne Befruchtung dazu gebracht, sich zu einem Embryo weiter zu entwickeln.

"Man nimmt eine Eizelle, die quasi schläft, also zellulär gesprochen", erklärt er. "Sie ruht sich aus und wartet auf das Spermium, um befruchtet zu werden. Und wenn das Spermium kommt, gibt es ein chemisches Signal an die Eizelle weiter, das ihr sagt: "Hey, ich bin da. Jetzt sind wir nicht mehr nur Ei- und Spermazelle, sondern es wird Zeit, dass wir zusammen ein Embryo werden." Wir konnten den Eizellen von Mäusen in unseren Versuchen aber mit einem Trick quasi chemisch vorgaukeln, dass ein Spermium angekommen ist. Und dann fing die Eizelle an, sich in einen Embryo zu verwandeln, obwohl gar kein Spermium da war."

Mit diesem chemischen Trick ist es Tony Perry gelungen, quasi jungfräuliche Mäuseembryonen zu erzeugen. In einem japanischen Labor sind aus umprogrammierten Hautzellen sogar schon Vorläufer menschlicher Eizellen entstanden.

Noch sind viele Fragen offen. "Ich denke, man sollte die Erwartungen der Menschen bremsen", meint Perry. "Denn viele Leute werden nach diesen unglaublichen Fortschritten denken, dass es jetzt nur noch wenige Jahre dauern wird, bis wir menschliche Keimzellen aus Stammzellen züchten können. Zwar weiß niemand, was die Zukunft bringt. Doch ich wäre sehr überrascht, wenn diese Technik innerhalb der kommenden 30 Jahre in der Klinik angewendet werden könnte."

"Ich weiß nicht, ob es eines Tages möglich sein wird", antwortet Perry auf die Frage nach der grundsätzlichen Machbarkeit. "Wenn ich nein sagen würde, wäre das aber auch ein bisschen barsch, oder? Also mein Standpunkt ist: Ja, es wird eines Tages möglich sein, aber ich weiß nicht, wann "eines Tages" sein wird. Wie lange es also noch dauern wird. Und ich möchte wirklich betonen, dass die Menschen keine zu großen Erwartungen haben sollten. Denn es ist extrem schwierig, Keimzellen aus Stammzellen zu züchten."

"Natürlich gibt es ethische Bedenken"

In Japan hat Mitinori Saitou von der Universität Kyoto vor seinen Erfolgen mit den menschlichen Vorläufer-Eizellen Versuche mit Mäusen gemacht. Dabei sind in 316 Versuchen nur 11 Embryonen entstanden. Trotzdem bekam er ständig Anfragen, erzählt der japanische Forscher in einem Skype-Gespräch:

"Wir bekamen viele E-Mails von schwulen und lesbischen Menschen, die wissen wollten, ob es irgendwann möglich sein wird, menschliche Keimzellen aus Stammzellen zu züchten. Es gibt also wirklich einen Bedarf. Und ich habe auch Anfragen von Leuten bekommen, die eine Firma mit mir gründen wollen, um solche Zellen kommerziell zu vermarkten. Aber es ist noch ein bisschen früh, über so etwas nachzudenken. Aber wer weiß."

In den Körperzellen, aus denen die Stammzellen gewonnen werden, treten häufig Mutationen auf, also Schäden im Erbmaterial. Diese könnten sich auf den Embryo übertragen, wenn daraus Keimzellen gezüchtet werden. Außerdem dauerte es Monate, bis sich die Stammzellen in die Vorläufer der Eizellen verwandelt hatten. Noch ist nicht einmal klar, ob diese Zellen auch beim Menschen den entscheidenden Schritt machen werden: Sich in befruchtungsfähige Eizellen zu verwandeln. Und selbst wenn all diese Probleme gelöst sind: Sollen dann wirklich Kinder aus diesen Zellen entstehen?

"Natürlich gibt es ethische Bedenken", meint Saitou. "Auch wenn es uns gelungen ist, diese Vorläufer-Eizellen zu gewinnen. Es wäre in unserem Land nicht erlaubt, diese zu befruchten und Embryonen daraus zu gewinnen."

Andererseits: Mit der Geburt Keimbahn-veränderter Zwillinge hat der chinesische Forscher He Jiankui erst vor kurzem ein weithin respektiertes Tabu und chinesische Gesetze gebrochen. Das Beispiel zeigt: Wenn eine Technik erst einmal funktioniert, findet sich auch jemand, der sie nutzt.

Wie lange wird man davor zurückschrecken, Menschen aus umprogrammierten Körperzellen entstehen zu lassen?

Wenn kinderlosen Paaren in ferner Zukunft so geholfen werden könnte, sollte diese Möglichkeit auch in Betracht gezogen werden, meint zumindest der britische Embryologe Tony Perry:

"Für mich wäre es eine moralische Bankrotterklärung, wenn wir solche Techniken nicht einsetzen, um zum Beispiel damit schlimme genetisch bedingte Krankheiten zu heilen. Wenn das technisch machbar wäre und manche Leute sagen: Nein, wir nutzen diese Möglichkeiten nicht, weil es ethische Bedenken gibt, fände ich das dekadent. Wenn eine Technik sicher ist, sollten wir sie nutzen, es wäre sogar unethisch, es nicht zu tun. Also ja, ich bin ein Befürworter."

"So wie du bist, bist du in Ordunung"

Die ethischen Vorbehalte sind enorm, und anders als bei He Jiankuis so heftig umstrittenem Keimbahneingriff ist die Medizin bei der Umprogrammierung von Körperzellen in Eizellen längst nicht soweit. Vielleicht werden die Durchbrüche aber schon bald an anderer Stelle geschehen. Dort, wo die Hürden zum eigenen Kind nicht ganz so hoch sind. Bei intergeschlechtlichen Menschen sind Keimdrüsen häufig vorhanden aber unterentwickelt. Womöglich ließen sich aus diesen Gonaden Samen oder Eizellen gewinnen.

"Es gibt ja durchaus Formen von Intergeschlechtlichkeit, wo tatsächlich Hoden im Bauchraum existieren", verdeutlicht Julia Kaiser, "und da wurde auch noch nicht erforscht, ob zum Beispiel befruchtungsfähige Samenzellen produziert werden von diesen Hoden. Das wäre ja quasi das Naheliegendste, dass man sowas erst mal checkt, dass eben funktionierende Organe, ob die soweit funktionieren, dass eben auch Spermien erzeugt werden können."

Solche Keimdrüsen werden häufig entfernt, weil das Gewebe angeblich besonders anfällig für Krebs ist. Auch Julia Kaisers Tochter Milla wäre operiert worden, wenn es nach dem Willen der Ärzte gegangen wäre.

"Teilweise hatte ich auch schon den Eindruck, dass die Ärzte einem damit ein bisschen Angst machen wollen", berichtet Kaiser, "dass man sich eben für eine Operation der Gonaden entscheidet. Das sehe ich aber nicht ein! Ich möchte, dass meine Tochter vollständig ist und dass ihre Gonaden noch da sind und dass sie auch dadurch, dass sie nicht operiert ist, sich dessen bewusster wird, dass sie in Ordnung ist. Es musste nichts gemacht werden, das ist alles in Ordnung. So wie du bist, bist du in Ordnung."

Noch in den 1990er Jahren war es üblich, intergeschlechtliche Kinder einem Geschlecht anzugleichen. In der Regel wurden Mädchen aus ihnen gemacht, die Merkmale des anderen Geschlechts im Säuglings- oder Kleinkindalter entfernt. Viele Betroffene leiden noch heute darunter.

"Ich glaube, es liegt teilweise daran, dass die erwachsenen Betroffenen noch viel mit Operationen, nicht eingewilligten Operationen zu tun haben", meint Kaiser. "Und solange eben diese Verstümmelung noch tagtäglich stattfindet, kann man sich nicht dem Thema der Fortpflanzung widmen, weil die Prioritäten sind eben so gesetzt."

Eine Frage der Lesart

Doch die Rufe nach gleichberechtigter Behandlung werden lauter. Unabhängig von Geschlecht oder sexueller Orientierung fordern Vereine und Selbsthilfegruppen, dass die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin allen offen stehen. Auch den geschätzten 200.000 Transgender- und 160.000 intergeschlechtlichen Menschen in Deutschland. Und den homosexuellen Menschen, deren Anteil an der Bevölkerung Umfragen zufolge bei mehr als drei Prozent liegt.

An den Anblick von schwulen und lesbischen Paaren haben sich die Menschen mancherorts bereits gewöhnt. Und auch daran, dass sie Kinder großziehen. Doch es könnte in Zukunft neue Wege zum eigenen Kind geben. Werden wir uns auch daran gewöhnen? Wo wird die Medizin an Grenzen stoßen, wo die Gesellschaft Grenzen setzen?

Die ethischen Vorbehalte sind enorm für alle Zielgruppen. Die Bedeutung aber ist zwischen Mars und Venus ungleich größer, denn für homosexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen war der Weg zum eigenen oder zumindest zum gemeinsamen Kind bislang versperrt. Neue Kinder unter der Regenbogenflagge könnten das gesellschaftliche Leben bunter machen, glaubt Mari Günther. Ob wir dabei wider die Natur handeln, hält sie für eine Frage der Lesart:

"Im ersten Buch Moses steht ja: ‚Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Er schuf ihn als Mann und als Frau‘. Das ist so diese Luther-Übersetzung, diese alte. Und wenn man sich das genauer anschaut, dann kann man eben auch sagen: "Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Er schuf ihn männlich und weiblich. Also das kann man ohne weiteres auch aus diesem Urtext lesen und das kann manchmal auch diesem Personenkreis ein bisschen helfen, einfach besser zurechtzukommen."

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