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StartseiteEssay und DiskursFür die Kunst "setze ich mich auch ins Flugzeug"13.05.2021

Fotografin über KlimawandelFür die Kunst "setze ich mich auch ins Flugzeug"

Mit ihrem Projekt "Tropic ice" will die Fotografin Barbara Dombrowski vor dem Klimawandel warnen. Dafür flog sie klimaschädlich kreuz und quer durch die Welt. "Das ist desaströs, aber ich habe das bewusst gemacht", sagte sie im Dlf.

Barbara Dombrowski im Gespräch mit Pascal Fischer

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Das Bild zeigt Eisberge in Grönländ während der Dämmerung (picture alliance / NurPhoto | Ulrik Pedersen)
Für ihr Projekt flog die Fotografin Barbara Dombrowski auf verschiedene Kontinente (picture alliance / NurPhoto | Ulrik Pedersen)
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Ihr Projekt "Tropic ice" hat die Fotografin Barbara Dombrowski im Jahr 2010 gestartet. Damals habe das Thema Klimawandel keinen so großen Stellenwert gehabt wie heute, sagte die Künstlerin im Dlf. Sie persönlich habe das Thema Umweltzerstörung aber schon immer begleitet und im Laufe der Zeit sei sie zu dem Entschluss gekommen, sich intensiv damit zu befassen.

Dombrowski entschied sich bewusst dazu, nicht mit Katastrophenbildern zu arbeiten, weil die Gesellschaft davon medial übersättigt sei. Die Fotografin wählte einen anderen Weg. Und zwar hängte sie Porträts von indigenen Menschen in einer anderen Region der Welt auf. "Ich habe einfach versucht, durch diese Arbeit Menschen zu zeigen, indigene Menschen zu verbinden, die eben auch noch anders aufgestellt sind und anders betroffen sind als wir hier im globalen Norden."

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Ihre Installationen werden oft nicht klassisch im Museum gezeigt, sondern draußen in der Natur. Dadurch würden die Bilder durch Wind, Regen und Schmutz verändert und beschädigt. Das sei auch beabsichtigt, sagte Dombrowski: "Die schönen Bilder sind Stellvertreter, die stehen dafür, was wir hier tun: Wir zerstören unseren eigenen Lebensraum. Das ist das, was ich erzählen möchte."

Dotografin und Künstlerin Barbara Dombrowski ist in Stuttgart geboren, studierte Visuelle Kommunikation in Dortmund, arbeitete vier Jahre in Paris und lebt heute in Hamburg. Sie ist Mitglied der Fotoagentur laif und hat für Magazine, Hilfsorganisationen und Privatkunden gearbeitet.


Das Interview in voller Länge:

Fischer: Sie haben ja 2010 mit diesem Projekt "Tropic Ice" begonnen – waren Sie da eigentlich Avantgarde oder einfach nur ein bisschen weniger spät als der Rest von uns und auch des Kunstbetriebs, denn so ein alarmierender Bericht wie Die Grenzen des Wachstums des Club of Rome ist ja vor fast 40 Jahren damals erschienen.

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Dombrowski: Genau. Es ist tatsächlich so, nächstes Jahr 50 Jahre, und insofern kann man nicht von Avantgarde sprechen. Aber es war trotz allem leider so, dass 2010, als ich die Arbeit begann, wenig Interesse an der Visualisierung des Klimawandels insofern bestand, als es für die allermeisten kaum greifbar war, sodass sich alle meine Gesprächspartner, was vor allem Magazinkunden waren und sind, das einfach nicht greifen konnten und nicht vorstellen konnten, wie ich das erzählen möchte. Aus diesem Grund musste ich einfach sozusagen alleine loslegen und beginnen, und Avantgarde, glaube ich, ist da der falsche Begriff.

"Ich habe das Waldsterben sozusagen mitbegleitet"

Fischer: Sie hatten ja schon 2005 einmal den Versuch gestartet, waren dann gescheitert, 2010 hatten Sie dann aber die Idee zu "Tropic Ice". Sie waren also gar nicht entmutigt. Wie kam es dazu, dass Sie dann gesagt haben, jetzt geht’s los?

Dombrowski: Na ja, es ist schon so, ich bin ja in dieser ganzen Zeit groß geworden. Ich habe das Waldsterben sozusagen mitbegleitet irgendwie, wir haben gegen die Pershings demonstriert, und all diese Themen haben mich in meinem ganzen Leben irgendwie begleitet. 2000 wurde ich dann Mutter, und ab da begleitete mich unterschwellig dieses Klimawandelthema. Und es dauerte eben auch bei mir eine gewisse Zeit, bis sich das dann wirklich so weit formierte, dass ich sagte, okay, jetzt geh ich einfach los und fotografiere diese Arbeit, die ich mir ausgedacht hatte, um eben Aufmerksamkeit auf das Thema Klimawandel zu lenken, was eben vor zehn Jahren noch bitter nötig war, weil es eben keine Aufmerksamkeit bekam.

"Ich wollte nie mit Katastrophenbildern arbeiten"

Fischer: Beschreiben wir einfach einmal die Bilder: Das sind großformatige Portraits der Menschen, die Sie dort getroffen haben, also so ungefähr ein mal eineinhalb Meter groß, und die hängen oder stellen Sie dann dort auf. Das erzeugt ja erst mal eine gewisse Verblüffung, wenn ein Regenwaldbewohner auf einem Bild an einem Eisberg zu sehen ist – ist aber von der Wirkung her auch irgendwie sehr tief gehängt, es ist jetzt keine Katastrophenwarnung. Warum?

Dombrowski: Ja, ich wollte nie mit Katastrophenbildern arbeiten, weil wir übersättigt sind medial. Jeden Abend, wenn wir die Nachrichten schauen, kommen irgendwelche Katastrophen zu uns rein, und das erreicht uns emotional gar nicht so wirklich. Ich habe einfach versucht, durch diese Arbeit Menschen zu zeigen, Menschen zu verbinden, und zwar indigene Menschen zu verbinden, die eben auch noch anders aufgestellt sind und anders betroffen sind als wir hier im globalen Norden. Ich habe nicht nur sozusagen Menschen aus anderen Regionen in den jeweiligen Regionen gezeigt, sondern ich habe die verbunden. Ich habe in meiner ersten Installation, auf die Sie jetzt gerade Bezug nehmen – Regenwald und Grönland –, habe ich beide indigene Völker miteinander kombiniert, heißt, ich habe immer einen Menschen aus Grönland mit einem Menschen aus dem Amazonas-Regenwald kombiniert und gezeigt.

Fischer: Das könnte man ja durchaus kritisch sehen, dass eine Frau aus einer Industrienation den weiten Weg reist und diese Menschen fotografiert. Was haben Sie denen geben können, damit das nicht so eine eindimensionale Einbahnstraße bleibt, nach dem Motto: Wir, die den Klimawandel verursacht haben, fotografieren diese "Opfer". Wie lief das konkret ab, was haben die gesagt?

Dombrowski: Ich war im Amazonas-Regenwald und in Grönland mehrfach, über mehrere Jahre, und habe eben relativ viel Zeit mit den Menschen dort verbracht, und wir kannten uns gegenseitig dann schon ganz gut. Ich versuchte eben schon klarzumachen, worum es mir geht, dass es mir eben auch darum geht, ihnen bei uns draußen ein Gesicht zu geben, weil sie ja schon stark betroffen sind vom Klimawandel, aber keinen Anteil daran haben. Es kommt also etwas über sie, woran sie gar keinen Anteil haben, sie sind nur sozusagen die Leidtragenden. Ich wollte eben diese Geschichte nach außen tragen zu uns in den globalen Norden, die wir die Verursacher sind, und diese Geschichten dieser leidtragenden indigenen Völker zu uns bringen. Ich versuche das eben über Empathie, über Menschen, das ist mein Anliegen.

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Fischer: Haben die Menschen ein Verständnis für so etwas Komplexes wie den Klimawandel, der irgendwo alle betrifft, aber auch erst mal eine sehr abstrakte Entwicklung ist?

Dombrowski: Ja, auch da muss ich sagen, das hat sich in den letzten zehn Jahren natürlich auch dort verändert, weil die indigenen Völker sind ja nicht aus der Welt, die sind ja genauso connected und haben auch moderne Medien und bekommen ja auch mit, was da draußen auf der Welt los ist, und es hat sich schon sehr verändert. Am Anfang, als ich das erste Mal im Amazonas-Regenwald war, war das vordergründige Thema, was natürlich auch den Klimawandel vorantreibt, Öl, weil der Staat Ecuador eben an die Ölreserven ran möchte und Ölbohrlizenzen vergeben hat. Darum ging es, das war ein ganz wichtiges Thema.

Das ist aber sozusagen nur indirekt Klimawandel, weil klar ist: Wenn die Zerstörung voranschreitet, dann kommt es zum Klimawandel. Um ein Stückchen weiter zu gehen: 2017 dann, also schon relativ am Ende meiner fotografischen Arbeit in diesem Zusammenhang, war ich in Tansania, und dort war eben eine schwere Dürre, und die Menschen dort waren sich dieses Themas extrem bewusst und haben mich sofort auf den Klimawandel angesprochen, obwohl sie noch gar nicht wussten, dass ich zu diesem Thema arbeite und aus diesem Grund bei ihnen bin. Das hat mich sehr betroffen gemacht tatsächlich, dass es eben schon so allgegenwärtig ist.

"Die Katastrophe war einfach allgegenwärtig"

Fischer: Sie haben von dort ja wirklich auch erschütternde Bilder mitgebracht. Man sieht zum Beispiel einen Mann, also einen Massai, vor dem Knochenhaufen seiner toten Rinderherde. Warum dann vielleicht hier doch in gewisser Weise ein Katastrophenbild?

Dombrowski: Dieses ist tatsächlich das einzige Katastrophenbild in meiner Serie. Die Katastrophe war einfach allgegenwärtig. Überall lagen verendete Rinder, überall roch es nach Verwesung, und in diesem Moment dachte ich, okay, dieses Bild kann ich nicht ausblenden, das muss ich machen, und deshalb habe ich diesen Massai vor seinen Rindern portraitiert. Das ist aber wirklich das einzige Bild, das das so offensichtlich zeigt.

Fischer: Sie wollen Menschen zusammenbringen, Sie wollen Menschen aus bestimmten, aus verschiedenen Regionen zu Botschaftern machen – haben Sie eigentlich auch etwas gelernt über eine vielleicht andere Konzeption von Natur, die dort vorherrscht

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Dombrowski: Ich habe sehr, sehr viel gelernt, und ich hab mich ja bewusst entschieden, zu indigenen Völkern zu gehen auf allen fünf Kontinenten, und all diese indigenen Völker sind oder waren Animisten. Die Animisten sind sehr verbunden mit der Natur, die glauben eben an den Kreislauf des Lebens sozusagen, also alles Leben ist in diesem Kreis vereint, ist beseelt und ist gleichwertig.

Und dieser animistische Glaube ist ein grundsätzlich entgegengesetztes Verständnis von Welt und von Natur, als wir das in unserer aufgeklärten westlichen Welt haben, mit all den Problemen, die Aufklärung und Christentum sozusagen mit sich gebracht haben. Deshalb war das eben auch ganz wichtig, sozusagen diese indigenen Völker zu Stellvertretern dieser Geschichte zu machen, weil sie eben auch das Auge wieder öffnen für Natur und für die Wichtigkeit, wo wir uns wieder hinbewegen müssen, nämlich die Natur wieder als Teil von uns zu begreifen und uns als Teil von der Natur zu begreifen und nicht uns übergeordnet über Natur zu stellen und die Natur nur noch als Umwelt zu betrachten, die wir ausbeuten können. Das ist eben eine Sackgasse.

"Augenblicklich leben wir in einer Zeitenwende"

Fischer: Ich finde es sehr sympathisch, dass Sie sozusagen die globalen Opfer des Klimawandels zeigen. Auf der anderen Seite sehe ich so ein wenig die Gefahr, dass man sich in einen naiven Urzustand, in eine naive Naturphilosophie zurückträumt, denn die Lösungen können ja am Ende wahrscheinlich doch nur durch noch mehr Technik kommen, durch intelligentere Technik, durch andere Technik, oder nicht?

Dombrowski: Das sehe ich anders. Augenblicklich leben wir in einer Zeitenwende, die ganz massiv ist und ich sag mal so, das Ende ist offen. Und das Ende, das ich mir wünschen würde, wäre eben ein Ende, das eben wieder auf die Natur hört und auf die ganzen Dinge schaut, die alle da sind und die sich über Jahre, Jahrmillionen entwickelt haben und vielleicht in dem ein oder anderen Bereich zu anderen Schlüssen kommt, als das der aufgeklärte Mensch heutzutage tut, nämlich alles über Technik und noch mehr Technik und noch mehr Technik lösen zu wollen.

Fischer: Sie haben dann auch eine Reise geplant in den Inselstaat Kiribati im Südpazifik. Nach Berechnungen der Weltbank könnte dieser Inselstaat im Jahr 2050 größtenteils nicht mehr bewohnbar und spätestens 2070 komplett überschwemmt sein. Haben Sie sich dann doch entschieden, die drastischeren Orte aufzusuchen?

Dombrowski: Ja, also wie gesagt, ich habe eben versucht, symbolische Orte zu besuchen. In Kiribati ist es eben so, dass der höchste Punkt drei Meter überm Meeresspiegel liegt. Da kann man sich relativ schnell ausrechnen, wann dieser Inselstaat unbewohnbar sein wird. Und wahrscheinlich wird der unbewohnbar sein, bevor das letzte Stückchen überflutet ist, weil die Süßwasserblasen, die die Palmen speisen, die fangen an zu versalzen, die Riffe sterben ab, weil das Meerwasser sich aufwärmt und so weiter. Das sind ja immer Kettenreaktionen.

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Deshalb habe ich versucht, diese Menschen, diese Orte zu zeigen, ganz einfach, um in unseren Breiten, in den Verursacherländern eben Empathie zu erzeugen, Interesse zu erzeugen für die Menschen, da hinzuschauen und zu sagen: Mensch, wir verursachen das alles durch unseren Lebensstil, und es ist doch völlig überflüssig. Und wenn wir uns mit diesen Menschen connecten auf irgendeine Art und Weise, dann fangen wir vielleicht an nachzudenken, was wir vielleicht ändern könnten, um unseren Planeten zu erhalten, der doch so ein wunderbarer Planet ist. Ich meine, da gibt’s Überlegungen, den Mars zu besiedeln, das finde ich wirklich, ich kann gar nicht sagen, wie ich das finde, anstatt zu sagen, wir haben hier diesen fantastischen blauen Planeten und wir müssen doch alle alles dafür tun, damit der uns erhalten bleibt.

Fischer: Sie haben "Tropic Ice" ja dann auch in Deutschland gezeigt, am Hambacher Forst, und mittlerweile sind Sie dazu übergegangen, sich neue Projekte auszudenken, bei denen Sie in Europa fotografieren möchten. Was kann man denn in Europa fotografieren? Es gibt hier ja eher wenige Gletscher und schon gar keinen Regenwald.

Dombrowski: Am Hambacher Wald habe ich eben sozusagen die erste Zusammenführung aller fünf Kontinente, aller fünf bewohnten Kontinente, aller fünf Völker an diesem Ort, an diesem symbolträchtigen Ort Hambacher Wald zusammengebracht, weil ich dachte, ich versuche ja, diese Geschichte im globalen Norden zu erzählen, weil wir die Verursacher sind. Wir sind diejenigen, die auch Möglichkeiten haben, Spielräume haben, noch irgendwas zu ändern. Und darum, fand ich, war die Zeit einfach reif. Es geht mir eben weiterhin um den Menschen, nämlich zu sagen, okay, ich schau jetzt mal nach Europa, weil wir sind doch auch alle betroffen. Wir sind doch eigentlich auch alle daran interessiert, dass unser Lebensraum erhalten bleibt, und da möchte ich jetzt eigentlich hinschauen, zu den Menschen hier. Und vor allem möchte ich weiterhin versuchen, positive, zukunftsträchtige, nachhaltige Geschichten zu erzählen.

"Viele meiner Installationen finden draußen statt"

Fischer: Ich würde gerne mal mit Ihnen reden über die Beschaffenheit dieser Bilder, die Sie produzieren. Das sind ja Bilder, die auf Gletschern gestanden haben, die im Urwald waren, und das sieht man denen irgendwann auch an. An denen nagen die Elemente. Wie reagieren die Menschen darauf? Haben die so einen abgeklärten Kunstbegriff, dass die sagen: 'Ja, das ist eine Kunst, die feiert ihre eigene Vergänglichkeit, das haben wir schon mal gesehen in einem Museum'?

Dombrowski: Es ist ja so, viele meiner Installationen finden draußen statt, in der Natur. Das heißt auch, ich konfrontiere jetzt nicht das klassische Museumspublikum mit dieser Arbeit. Dann passiert es eben wirklich, dass Menschen mit meiner Arbeit konfrontiert werden und diese Bilder, die ja doch auch schön sind, schöne Landschaften von entlegenen Orten und schöne Menschenportraits, und diese Bilder werden jetzt von Wind und Wetter, von Regen und Sturm zerstört. Die fangen an auszufetzen, und die Farbe fängt an, manchmal abzulaufen, oder die Vögel scheißen auf die Bilder, so was.

Und dann habe ich das wirklich erlebt, dass Menschen zu mir kamen mit aufgerissenen Augen, ganz entsetzt, und sagten, das können Sie doch nicht machen, die schönen Bilder, die gehen doch kaputt. Ja, habe ich gesagt, aber die schönen Bilder sind Stellvertreter, die stehen dafür, was wir hier tun: Wir zerstören unseren eigenen Lebensraum. Das ist das, was ich erzählen möchte.

Fischer: Ich habe mich gefragt, ob Ihr Wille, das diesen Bildern auch geschehen zu lassen, nicht ein Statement ist dafür, wie Kunst künftig gedacht werden könnte. Also wäre das eine Kunst, die ideal für ein Museum ist, das vielleicht nicht mehr Unmengen an Energie ausgeben will für Klimaregulierung, für adäquate Beleuchtung, ein Museum, das seine Kunst auch bewusst irgendwann dem Verfall preisgibt?

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Dombrowski: Ja, ich habe darüber nachgedacht. Nein, es ist in dieser Form nicht übertragbar auf jede Kunst, weil andere Kunst erzählt ganz andere Dinge, und das kann man jetzt nicht eins zu eins übertragen. Natürlich kann man hinterfragen, wie können Museen ihre Klimabilanz verbessern, und da gibt’s sicherlich viele Ansätze, aber grundsätzlich zu sagen, ein Museum sollte oder dürfte nicht mehr klimatisieren, sollte die Kunst dem Verfall preisgeben, ist, glaube ich, auch falsch gedacht. Ich würde dann lieber sagen, die Museen sollten vielleicht drüber nachdenken, wie schaffen sie es, klimaneutral zu werden, wie verbessern sie ihren CO2-Footprint, indem sie regional Strom erzeugen, nachhaltigen Strom erzeugen, Solarenergie et cetera, et cetera. Ich denke, da ist sicherlich viel möglich.

Fischer: Aber würden Sie persönlich verhindern wollen, dass Ihre Bilder in einem Museum hängen, das Unmengen von Energie verschlingt? Also die Frage wäre schon, inwieweit eine Künstlerin bedenken muss, in welchem Environment so eine Kunst präsentiert wird und was das für den Planeten bedeutet.

Dombrowski: Es ist sicherlich eine interessante Frage und ein interessanter Ansatz. Ganz sicherlich hat man natürlich – mehr noch als vielleicht mit anderer Kunst – da auch eine Verantwortung, zu sagen, ja, jetzt muss ich wirklich hinterfragen, wie viel CO2 wird jetzt hier verbrannt, um meine Ausstellung zu zeigen. Aber die Kunst ist ja gemacht, um Menschen zu erreichen. Ich schaffe es am besten natürlich irgendwo im globalen Norden, weil das die Menschen sind, die ich adressieren möchte. Wo hänge ich die Bilder – es gibt ja auch Vorplätze von Museen, es gibt Außenräume, es gibt alle möglichen anderen Flächen vielleicht, die dann wiederum gut geeignet sind, diese Arbeit zu zeigen. Ich würde es aber nicht grundsätzlich ausschließen und sagen, nein, ich darf das auf gar keinen Fall in Innenräumen zeigen, weil dann wird Strom angeschaltet und die werden gekühlt und so weiter, weil dann erreiche ich ja niemanden, dann kann ich’s auch lassen.

Fischer: Wenn auch auf leise Art, wollen Sie ja trotzdem aufrütteln. Jetzt ist es ja so: Die Kunst hat lange gebraucht, um sich von gewissen Instrumentalisierungen zu befreien, ob das jetzt Gotteslob, Herrscherlob oder jegliche Verherrlichung von Gesellschaftssystemen war. Ist denn jetzt L'art pour l'art, also eine Kunst, die nur sich selbst genügt, die sich selbst nur reflektiert und vielleicht sonst nichts mehr tut als eigenes Subsystem der Gesellschaft, ist so etwas passé? Würden Sie sagen, Kunst muss heute engagiert sein im Angesicht dieser Klimakatastrophe?

Dombrowski: Auch da würde ich nicht pauschalieren. Ich finde, es muss eigentlich möglich sein, alles zu sein. Je nachdem, wer was warum reflektiert, muss er in einer Gesellschaft wie unserer heutzutage die Möglichkeit haben, das auf seine Art und Weise machen zu können, sage ich jetzt mal, ohne anderen Leid zuzufügen, ohne unfassbare Mengen an CO2 zu produzieren, einfach nur für sein persönliches Amüsement. Aber ich glaube nicht, dass jede Kunst in die gleiche Richtung gehen sollte, das fände ich viel zu beschneidend und einschränkend.

"Ich werde auch in Zukunft im Flugzeug sitzen"

Fischer: Lassen Sie uns über die Klimabilanz im Kleinen sprechen: Es gibt eine US-Künstlerin namens Christine Wang, und die erschafft Bilder, die so ein bisschen auf unsere Heucheleien in Bezug auf den Klimawandel eingehen. Da ist beispielsweise ein Portrait von Leonardo DiCaprio vor seiner Yacht mit geradezu Instagram-artiger Ästhetik, er kritisiere die Welt wegen des Klimawandels und besitze eine Yacht, steht dann da in großen Lettern auf Englisch. Wie sieht denn Ihre Klimabilanz nach einem solchen Projekt wie "Tropic Ice" aus, die müsste doch eigentlich desaströs sein?

Dombrowski: Es ist natürlich ohne Frage so, dass wenn ich mich ins Flugzeug setze und nach Kiribati fliege, so geht es nicht weiter. Das ist sozusagen mit der weitest entfernte Ort auf dem Planeten, also faktisch bin ich einmal mit dem Flugzeug um die Erde geflogen. Das ist desaströs, aber ich habe das bewusst gemacht, ich wusste, was ich tue und warum ich das tue. Ich habe meinen Flug kompensiert – bei atmosfair kann man ja sozusagen kompensieren, das ist so eine Art moderner Ablasshandel, ja –, aber ich fand es eben wichtig, diese Orte zu bereisen, um diese Art der Klimageschichte zu erzählen, die ich erzählen möchte.

Ich finde, man muss auch aufpassen, mit dem moralischen Zeigefinger in Richtung Kunst und Kultur zu deuten und zu sagen, das ist verwerflich und das darf nicht sein, weil ich finde es grundsätzlich extrem wichtig, dass die Kunst diese Themen aufgreift und darüber arbeitet. Ich fände es natürlich besser, ein Leonardo DiCaprio hätte keine Privatyacht und würde sich, wenn er fliegen möchte, dann in ein normales Flugzeug setzen, zu den normalen Menschen, aber gut, das ist ein anderes Thema.

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Bei mir ist es so, über die ganze Zeit habe ich mich natürlich persönlich schon auch sehr stark verändert irgendwie, ich lebe mehr oder weniger vegetarisch, 80, 90 Prozent vegan. Ich mache auf anderen Ebenen ganz viel, also versuche ich, meinen CO2-Footprint klein zu halten, und ja, ich setze mich ins Flugzeug. Ich werde auch in Zukunft im Flugzeug sitzen, ich werde immer abwägen, kann ich an einen bestimmten Ort auch auf eine andere Art und Weise kommen, muss ich an diesen Ort gehen, um bestimmte Dinge zu erzählen, die ich erzählen möchte. Und wenn meine Antwort lautet, ja, dann setze ich mich auch ins Flugzeug.

Dann sollten wir einfach mal auch überlegen, was wir an anderer Stelle abschaffen können und beschneiden können, also containerweise billiges Plastikspielzeug um den Globus zu karren aus China und bei großen Burgerketten zum Essen dazu zu packen, ist überflüssig, und das könnte man dann abschaffen, um dann vielleicht dem ein oder anderen kreativ Schaffenden die Möglichkeit zu geben, mal im Flugzeug zu sitzen und seine Werke irgendwo anders zu zeigen.

Fischer: Aber wenn wir mal radikal weiterdenken, wie wir die Energiebilanz des Kunstbetriebs weiter senken können, dann könnte man sagen: Läuft nicht alles am Ende darauf hinaus, digitale Kunst, Meetings auf Zoom, Happenings auf Zoom zu produzieren, oder Sie arbeiten über das Internet mit Menschen zusammen, Sie lassen Ihre Kunst vor Ort ausdrucken, fliegen gar nicht mehr.

Dombrowski: Ich glaube, das, was jetzt augenblicklich ja auch stark aufkommt oder immer stärker aufkommt, ist tatsächlich die digitale Kunst in einer ganz neuen Art und Weise, und ich denke, das spiegelt einfach auch unsere Zeit. Auf der anderen Ebene gibt es eben ganz viel andere Kunst, sage ich mal, die sich nicht einfach so hier produzieren und dort noch mal wieder ausdrucken lässt. In der Fotografie ist das leichter, aber bildende Künstler oder Skulpturen lassen sich nicht einfach sozusagen an einem anderen Ort mal schnell reproduzieren. Also das gilt es zu bedenken.

Also ich war letztes Jahr an wahnsinnig vielen Stellen dieser Welt eingeladen, die allermeisten konnten dann doch nicht stattfinden, und ich hatte aber noch eine Ausstellung zum Beispiel in Atlanta, und das hat digital stattgefunden.

"Die Digitalisierung verbraucht Unmengen an Strom"

Fischer: Ist insofern die Pandemie ein Glücksfall?

Dombrowski: Glücksfall würde ich nicht sagen, aber es ist auf jeden Fall interessant, wie man manchmal auch feststellt, dass dieser neue Weg, den man vorher gar nicht beschritten wäre, dass manchmal der ein oder andere Weg plötzlich interessant und richtig ist, aber nicht immer. Auch die ganze Digitalisierung verbraucht Unmengen an Strom. Es ist immer eine Sache der Abwägung, was zeige ich wo und warum.

Fischer: Sie gehen unter anderem auch mit Ihrem mittlerweile erwachsenen Sohn auf die Demonstrationen der Fridays for Future. Wie geht Barbara Dombrowski dort hin, als Künstlerin, die sich auch als öffentliche Person einbringt, oder eher als Privatperson, die ihr zivilgesellschaftliches Engagement zeigen will?

Dombrowski: Im Augenblick ist es mehr privat tatsächlich, also ich gehe mit keiner Kamera auf die Demonstrationen, ich oute mich auch nicht, ich geh da einfach hin und demonstriere mit. Auf der anderen Seite connecte ich mich auch mit Fridays for Future, mit Creatives for Future, habe 2019 am globalen Klimastreiktag, als ich eben just gerade meine Installation im Hambacher Wald hatte, habe ich dann zu dem globalen Klimastreiktag dann dort vor Ort so eine kleine Aktion gemacht, habe versucht, mich da natürlich mit möglichst vielen gesellschaftlichen Organisationen auch zu connecten.

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Fischer: Können Sie sich einbringen als Künstlerin, können die etwas von Ihnen lernen, wie man Inhalte in der Öffentlichkeit präsentiert?

Dombrowski: Ich versuche die jetzt nicht so dahingehend zu beeinflussen und zu sagen, ich weiß dies und das und jenes schon ganz viel. Was jetzt im Augenblick zum Beispiel passiert mit Creatives for Future und Scientists for Future im Hinblick auf die Bundestagswahl, da gibt es eben viele gemeinsame Überlegungen, irgendwie vielleicht was zu machen, wie auch immer. Und wenn das passt, dann bin ich gerne bereit, da irgendwie auch mich einzubringen.

Fischer: Schon im April 2019 hat Extinction Rebellion ja vor der Londoner Tate Modern protestiert. Wäre es nicht auch Ihre Aufgabe als Künstlerin, in Ihrem Bereich noch viel mehr auf die nötigen Lösungen hinzuwirken?

Dombrowski: Ich glaube einfach, dass es notwendig ist, dass wir viele unterschiedliche Ansätze haben, und Extinction Rebellion ist ein Ansatz, ziviler Ungehorsam ist ein Ansatz. Ich finde nicht, dass ich jetzt zwingend in meiner Arbeit auch diesen Ansatz noch da mit reinweben muss, weil mein Ansatz ist ein anderer. Beide Ansätze können sich doch wunderbar ergänzen, sodass es möglichst viele Facetten gibt, die eben andere Gesellschaftsschichten erreichen, andere Menschen abholen und aber in der Summe einen Impact haben, also wirklich viele Menschen erreichen und Dinge lostreten können.

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