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StartseiteBüchermarktDer Troll-Roman28.01.2020

Frank. O. Rudkoffsky: "Fake"Der Troll-Roman

Frank O. Rudkoffsky verbringt selbst einen Großteil seines literarischen Lebens im Netz. Über das und vor allem das perfide Spiel mit fiktiven Identitäten in den vermeintlich sozialen Netzwerken handelt sein neuer Roman.

Von Jürgen Deppe

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Der Schriftsteller Frank Rudkoffsky und sein Roman "Fake" (Buchcover Coland & Quist verlag / Autorenportrait (c) Ronny Schönebaum)
Der Schriftsteller Frank Rudkoffsky und sein Roman "Fake" (Buchcover Coland & Quist verlag / Autorenportrait (c) Ronny Schönebaum)
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Frank O. Rudkoffsky hat sich viel vorgenommen für seinen zweiten Roman, aus dem er auch gut und gerne drei oder vier hätten machen können. Viel Stoff, den er da bearbeitet! Zunächst einmal erzählt Rudkoffsky eine ganz normale, also einigermaßen komplizierte Beziehungsgeschichte jüngeren Datums, anno 2013 bis 2015. Sie, Sophia, ist fest angestellte Controllerin bei Daimler Benz in Stuttgart. Er, Jan, absolviert ein Volontariat bei der "Stuttgarter Zeitung". Beide befinden sich im Steigflug – und dann das:

"Als ich schwanger wurde, waren Jan und ich beide vierundzwanzig und noch keine anderthalb Jahre zusammen. Natürlich liebten wir uns, etwas anderes als eine gemeinsame Zukunft kam uns gar nicht in den Sinn. Nur: Das mit der Zukunft, da waren wir uns einig, hatte noch Zeit. Vorher standen noch mindestens zwei Jobwechsel im Raum, träumten wir von Jahren im Ausland und der gemeinsamen Weltreise – doch plötzlich hatten die Dinge Konsequenzen."

Stuttgart statt großer weiter Welt

Abruptes Erwachsenwerden mit immerhin fast Mitte Zwanzig. Rudkoffsky lässt abwechselnd sie, Sophia, und ihn, Jan, dieses Alltagsdrama von großen Träumen und dem banalem Scheitern an der gerechten Aufteilung von Haushalt und Karriere, von Kinderbetreuung und Selbstverwirklichung erzählen. Wobei es bemerkenswert ist, wie intensiv sich Rudkoffsky als Mann in die Weiblichkeit Sophias und deren Eigenheit einfühlen kann. Chapeau! Das ist die eine Geschichte, die Rudkoffsky erzählt. Die Geschichte zweier junger Menschen, die Träume haben. Träume hatten: "Die Welt stand uns offen, aber wir haben uns dann doch für Stuttgart entschieden."

Jan und Sophia können diesen Kalauer beide nicht mehr hören, so sehr er auch zutrifft. Oder gerade weil er so zutrifft. Es hat sie im Anschluss an ihr Studium in Berlin nach Stuttgart verschlagen – und jetzt auch noch direkt in die Kleinbürgerlichkeit! Sophia lässt den Job bei Daimler ruhen und kümmert sich höchst frustriert um Max, das extrem nervenaufreibende Schreikind. Jan, der emsige Freizeitjogger, absolviert derweil sein Volontariat und träumt davon, anschließend – wie Sophia – einen festen Job zu bekommen.

Von "Wutbürgern" und "besorgten Bürgern"

Ungefähr hier setzt die zweite Geschichte in Rudkoffskys Roman ein: Jans erfolgs- und festanstellungsversprechende Recherchen über das, was von den gescheiterten Protesten gegen das Bahnprojekt "Stuttgart 21" übrig geblieben ist, den in die Jahre gekommenen "Wutbürgern", die etwas wollten, es aber nicht bekamen. Wie Jans Mutter. Er kennt die frustrierten Alten aus eigener Anschauung und nächster Nähe. Jan weiß: Die "Wutbürger" dieser Tage versammeln nicht mehr auf der Straße, sondern im Netz.

Sie tauschen sich dort aus und bilden eine Blase. Deshalb tummelt auch Jan sich dort. Aber natürlich nicht als "Jan", den die Mutter sofort erkennen würde, oder als Journalist, als Aushorcher, sondern mit einem Fake-Account, einer in der Anonymität des Netzes leicht erfundenen, falschen Identität, die angeblich eine von ihnen ist, eine frustrierte "Wutbürgerin". Nur um die Diskussion im Netz ein wenig zu beleben, bittet Jan Sophia, sich doch auch einen Fake-Account zuzulegen und die Diskussion ein wenig anzuheizen.

"Als er mich fragte, ob ich Lust hätte, ihm tagsüber mit dem einen oder anderen Beitrag von Rita zu helfen, war ich mit meinen Gedanken bereits längst woanders. Ein Fake-Account! Warum war ich nicht selbst auf die Idee gekommen?"

Der ganz reale Fake

Vorhang auf für Geschichte drei: Die handelt vom "Trollen" im Netz, also vom anonymen Hinterlassen von Gehässigkeiten, vom Echauffieren und Provozieren, vom auf-die-Spitze-treiben der Emotionen und der Reaktionen in vermeintlich "sozialen Netzwerken". Sophia genießt es, hier heimlich ihren aufgestauten Frust ungefiltert ablassen zu können, und dafür große Aufmerksamkeit zu erhalten. Um so mehr, je dicker sie aufträgt. Schnell wird sie süchtig danach und legt sich ein um die andere fremde Identität zu:

"Nach kaum mehr als einem Monat brauchte ich schon eine Excel-Tabelle für meine Zombiearmee aus Nicknames und Avataren, eine Übersicht ihrer Passwörter und Gegner; ich verwaltete meine Katharsis akribisch wie ein Münzsammler. Eine dankbare Fassade, während ich in Wahrheit meinen digitalen Hobbykeller in eine Folterkammer verwandelte."

Zum Ausgleich zu ihrem eintönigen Alltagseinerlei mit dem ewig fordernden, ewig quengelnden, ewig schreienden Kleinkind, gebraucht Sophia es …

"… mich auf dem Klo sitzend ins Netz zu entleeren. Ein bisschen digitales Tourette, nur um dann nach langer Pause endlich wieder als Rita die Beichte ablegen zu können."

PEGIDA als Profilierungsstoff?

Ein perfides Spiel! Sophias Mann, Jan, treibt es ähnlich im Netz. Genauso unerkannt – sowohl für Sophia als auch für die Anhänger von "PEGIDA". Womit direkt einmal die nächste Rudkoffsky-Geschichte beginnt. Die dritte, vierte oder sogar schon fünfte – jedenfalls die irritierendste.

Denn Jan – nach seinem Volontariat ohne Job – braucht eine tolle Story, um sich zu profilieren, und will dafür nach den Stuttgarter nun die ostdeutschen Protestierenden porträtieren. Nach den "Wutbürgern" also nun die "besorgten Bürger", wie sie sich nennen und auch dem undercover recherchierenden Jan darstellen. Der findet weder die Montagsdemonstranten noch deren damaligen Sprecher Lutz Bachmann kritikwürdig, sondern eher Journalisten, wie er selbst einer ist, die PEGIDA nutzen, um sich mit deren Ablehnung zu profilieren, je vehementer, umso besser.

Da droht der Verbindung der vielen Rudkoffsky-Geschichten der Kurzschluss. Will er damit etwa sagen, dass für die schlechte Darstellung von PEGIDA in der Presse eigentlich nur frustrierte Journalisten verantwortlich sind, die nach Anerkennung lechzen? Ganz ähnlich den Mechanismen, mit denen sich Trolle im Netz profilieren?

Rudkoffsky zitiert Lutz Bachmann mit einer, in der Tat, ziemlich harmlosen Aussage. Um uns davon zu überzeugen, dass die "besorgten Bürger" eigentlich recht harmlos und nur Opfer profilneurotischer Reporter sind? So gut "Fake" geschrieben ist, so treffend beobachtet und passagenweise witzig erzählt, am Ende bleibt ein mehr als schaler Geschmack.

Frank O. Rudkoffsky: "Fake".
Voland & Quist, Leipzig, 240 Seiten, 20 Euro.

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